Initiative #OutInChurch Gläubig und queer - Stuttgarter:innen berichten

Atahan Demirel bezeichnet sich selbst als queeren Muslim. Foto: privat

Wir haben mit drei queeren und gläubigen Stuttgarterinnen und Stuttgartern über Religion und Diskriminierung gesprochen.

Digital Desk: Katrin Maier-Sohn (kms)

Stuttgart - Lange haben sie geschwiegen. 125 gläubige Christ:innen, die im Dienste der katholischen Kirche arbeiten, outen sich nun vor der Kamera. Sie alle treten in der TV-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ gemeinsam mit der Aktion #OutInChurch auf.

 

Das sei „das größte Coming-out in der Geschichte der katholischen Kirche“, heißt es in dem Film von Hajo Seppelt, Katharina Kühn, Marc Rosenthal und Peter Wozny, den das Erste heute Abend zeigt und der jetzt schon in der ARD-Mediathek zu sehen ist.

So geht es Stuttgarter Gläubigen

Die Hauptdarsteller sind LGBTIQ+-Personen, die haupt- oder ehrenamtlich für die katholische Kirche arbeiten. Also zum Beispiel Priester:innen, Gemeindereferent:innen, Religionslehrer:innen oder Sozialarbeiter:innen.

Die einseitige Ausrichtung der katholischen Kirche auf heterosexuelle Ehen hatte bisher oft ein jahrzehntelanges Versteckspiel zur Folge. So galt Homosexualität für den Vatikan als „patholigische Verirrung“, „traurige Zurückweisung Gottes“ und „in keinem Fall zu billigen“. Queere Mitarbeitende bangten häufig um ihre Anstellungen.

Wir haben gefagt, welche Erfahrungen gläubige und queere Stuttgarter:innen gemacht haben und was sie von der Initiative #OutInChruch halten.

Atahan Demirel (29)

Von der Initiative #OutInChurch und dem Film „Wie Gott uns schuf“ halte er sehr viel, sagt Atahan Demirel. So seien die queerfeindlichen Praktiken der Kirche aufs Tablett gekommen. „Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung hat in unserer Gesellschaft nichts verloren, auch nicht in religiösen Einrichtungen.“ Der 29-jährige Stuttgarter ist selbst gläubig und bezeichnet sich als queeren Muslim. Aus seiner Sicht steht seine Religion nicht im Zwiespalt mit seiner sexuellen Orientierung.

„Vielmehr liegt der Grund für die Queerfeindlichkeit mancher muslimischen Communitys in patriarchalen und kulturell bedingten Strukturen“, sagt Demirel, der unter anderem im Vorstand der baden-württembergischen Aidshilfe und im Kreisvorstand der Grünen ist. Das bedeute aber nicht, dass alle Muslim:innen queerfeindlich seien.

"Dagegen muss entschieden vorgegangen werden"

Demirel findet daher, dass insbesondere queere Menschen, die intersektionaler Diskriminierung ausgesetzt sind, gesonderten Schutz erhalten sollten. Queere Muslim:innen oder auch Christ:innen würden sowohl aufgrund ihrer Religion als auch wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert. „Dagegen muss entschieden vorgegangen werden“, sagt er energisch. Sein Dank richtet sich an alle Menschen, die sich im Rahmen des Filmes und der Initiative #OutInChurch geoutet haben. „Hoffentlich schafft das Sensibilisierung und mehr Akzeptanz.“

Tamara Bertani (28)

„Als Katholikin kann ich meinen Glauben und meine Homosexualität sehr gut miteinander vereinbaren“, sagt Tamara Bertani aus Stuttgart-Zuffenhausen“ Denn sie brauche keine Kirche, um ihren Glauben zu leben. Ihre kirchliche Trauung sei sogar von einem Pfarrer durchgeführt worden, erzählt die 28-Jährige.

Verena (24)

„Wie die heutige Aktion zeigt, gibt es leider immer noch Menschen, gar ganze Religionen, deren Einstellung ist: Sex ist nur für die Fortpflanzung und zwischen Mann und Frau erwünscht“, sagt Verena, deren Name von der Redaktion geändert wurde. „Mittlerweile wissen wir doch, dass diese heteronormative Denkstruktur totaler Quatsch ist.“

"Du bist gut so, wie du bist"

Die Stuttgarterin, die sich mittlerweile als bisexuell geoutet hat, hat in ihrer Jugend selbst aufgrund der Kirche mit ihrer Sexualität gehadert und fragte sich damals zum Beispiel: Darf ich überhaupt Lust empfinden und darf ich diese Lust nicht nur Männern gegenüber empfinden? „Heute würde ich gerne meinem Teenager-Ich und allen da draußen, die so etwas durchmachen, zurufen: „Ja, du bist gut so, wie du bist! Und ergänzen: „Wenn du an eine göttliche Macht glaubst - dann wird das schon so passen.“

Die Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ von Hajo Seppelt, Katharina Kühn, Marc Rosenthal und Peter Wozny läuft an diesem Dienstag, 24. Januar 2022, um 20.30 Uhr im Ersten. Sie ist auch in der ARD-Mediathek zu sehen.

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