Initiative „Rettet die Bienen“ Bauern wehren sich gegen Insektenschützer

350 Hektar Weinberge in Bönnigheim liegen im Schutzgebiet. Wengerter und Landwirte warnen vor Ernteausfällen als Folge des Volksbegehrens. Foto: I.Stegmaier

Die einen sehen die Existenz ihrer Betriebe bedroht, die anderen fordern ein grundsätzliches Umdenken zum Schutz der Artenvielfalt: Landwirte aus der Region kritisieren die Forderungen der Initiative „Rettet die Bienen“.

Bönnigheim - Ernte in Gefahr“ steht auf dem Schild. Dahinter wachsen kümmerliche Maispflanze inmitten von Unkraut. Der Bönnigheimer Winzer Markus Stegmaier und sein Mitarbeiter Nik Staudenrausch haben das Schild aufgestellt, um auf ihr Experiment hinzuweisen: Sie hatten nach eigener Aussage einen Teil ihres Maisfeldes sich selbst überlassen, ganz ohne Pflanzenschutz und Düngemittel, das restliche Feld behandelten sie nur einmal im Jahr mit Pflanzenschutzmitteln. Der Unterschied ist auf den ersten Blick zu erkennen: Während die drei Meter hohen Maispflanzen große Früchte tragen, sind die unbehandelten gerade einmal einen halben Meter hoch und haben kümmerliche Kolben. Mit der Aktion will Stegmaier vor möglichen Folgen des Volksbegehrens Artenschutz warnen. Wenn es erfolgreich ist, befürchtet Stegmaier, könnten seine Maiskolben künftig häufiger so kümmerlich aussehen wie aus dem Testfeld und wären nicht mehr zu verkaufen.

 

„Das ist Verbrauchertäuschung“, sagt der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu), Johannes Enssle, zu der Maisfeldaktion in Bönningen. „Schließlich können Biobauern statt mit Stickstoff oder Phosphor auch zu einem gewissen Grad mit Gülle oder Mist düngen. Da muss man differenzieren.“

Am 24. September beginnt die Unterschriftensammlung für das Volksbegehren Artenschutz. Die Initiative „Rettet die Bienen“ fordert darin den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft auf 50 Prozent bis 2035, die Halbierung von Pestiziden bis 2025 und ein Pestizidverbot in Schutzgebieten. Das Schild auf Stegmaiers Feld stammt vom Industrieverband Agrar. Der Verband vertritt deutsche Pestizidhersteller und präsentiert sich angesichts der Bienenschützer als „Pflanzenschützer“, der chemische Schutzmittel zum Wohle der Pflanzen einsetzt.

Kreisbauernverband fürchtet wirtschaftliche Folgen

Auch andere Stimmen in der Region warnen vor den Folgen des Volksbegehrens. Darunter sind Christian Hörnle vom gleichnamigen Obsthof in Weilimdorf und Frank Braun von den Weingärtnern Stromberg Zabergäu. Für die Bönnigheimer Weingärtner könnte ein entsprechendes Gesetz das Aus bedeuten, glaubt Braun, da die 350 Hektar des Weinbaugebietes Schutzgebiet seien.

„Das hätte massive wirtschaftliche Auswirkungen“, glaubt auch Eberhard Zucker, der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Heilbronn/Ludwigsburg. „Und diese Ansicht teilen alle Landwirte, die ich kenne. Selbst Biobetriebe sind skeptisch. Es gibt Situationen, in denen ich eine Pflanze schützen muss, selbst wenn ich vorher alles richtig gemacht habe.“

Naturschutzverbände werben für natürliche Düngemittel

Gottfried May-Stürmer vom Bund für Naturschutz und Umwelt Deutschland (BUND) hält dagegen: „Mit der Natur und ohne Pestizide wirtschaften heißt nicht nichts tun. Es gibt durchaus Methoden, Unkraut ohne Pestizide in Schach zu halten, zum Beispiel durch mechanische Beseitigung und durch geeignete Fruchtfolgen“, sagt er – und mit Blick auf das Bönnigheimer Maisfeld: „Schadinsekten können durch gezieltes Ausbringen natürlicher Gegenspieler in Schach gehalten werden, vor allem aber durch Aufrechterhalten eines gesunden Ökosystems – das kommt bei einer Mini-Schaufläche innerhalb eines intensiv chemisch behandelten Ackers nicht zum Tragen.“

Anderer Ansicht ist Walter Bauer, der Vorsitzende der Milcherzeugergenossenschaft Südwest, der das Volksbegehren als „Sargnagel für die bäuerlichen Familienbetriebe“ bezeichnet. „Das wird gesteuert von unseren urbanen Eliten, die wenig bis gar keine Ahnung von dem Leben auf dem Land und im Speziellen von der Landwirtschaft haben.“ Als Beispiel nennt der Landwirt den Marktanteil von Bio-Milch, der zur Zeit bei 3,6 Prozent liege. „Im Volksbegehren wird ein Bio-Anteil von 50 Prozent bis zum Jahr 2035 gefordert – das ist eine völlige Verkennung der Realität“, sagt Bauer. „Die Molkereien, die Bio-Milch erfassen, haben Wartelisten für umstellungswillige Landwirte. Sie nehmen aber nur so viel Milch ab, wie sie auf dem Markt absetzen können.“ Würde das Volksbegehren Gesetz, glaubt Bauer, würde das zu einem völligen Zusammenbruch des Bio-Marktes führen. „Insgesamt führt alles in die Richtung, die Veredelung bei uns abzuschaffen und die Nahrungsmittel zu importieren.“

Deutsche achten auf den Preis von Lebensmitteln

Das befürchtet auch Eberhard Zucker. „Es ist natürlich gut, die Biodiversität zu erhalten. Aber das Ganze muss auch wirtschaftlich sein“, mahnt er. Die Kunden legten bislang vor allem Wert auf Regionalität und nicht auf Bio. Darüber hinaus sei in Deutschland immer noch die Mentalität verbreitet, das billigste Produkt zu kaufen. „Wie kommen wir damit auf dem Weltmarkt klar?“, fragt Zucker und beantwortet seine Frage selbst: „Anbieter aus anderen europäischen Ländern werden die Lücke schließen.“

„Es gibt immer Widerstände, wenn was geändert wird“, entgegnet Johannes Enssle. „Das war auch so beim Atom- und Kohleausstieg oder beim Rauchverbot in Kneipen – das mittlerweile völlig normal ist.“ Er weist darauf hin, was passiert, wenn die Bienen weg sind. „Das Horrorszenario wäre, dass wir selbst auf die Bäume steigen und sie bestäuben müssen. In China ist das jetzt schon so.“ Es sei möglich, das zu verhindern, aber nur, wenn der Wille der Landwirte da sei. Dass Ernten ohne Pestizide geringer ausfallen, streitet Enssle nicht ab. Doch genau dafür sei der Anbau in Monokulturen eben anfällig, weshalb Enssle zufolge ein generelles Umdenken in der Landwirtschaft nötig ist.

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