Besondere Kinder, in diesem Text soll von Integrationskindern die Rede sein, erfordern besonders viel Aufmerksamkeit, Zeit und Einfühlungsvermögen, darin ist sich das Team vom katholischen Kindergarten St. Konrad in Plochingen einig. Oft fühlt sich das Team im Stich gelassen und hingehalten, weil Integrationskräfte nur einen Teil der Kitastunden abdecken und erst dann engagiert werden können, wenn beim Kind die Diagnose steht – das dauert oft länger als ein Jahr.
Kinder kommen zur kurz
Trotz voller Besetzung komme das Team an seine Grenzen, wenn eine Fachkraft zwölf Kinder betreut, erklärt die Kita-Leiterin Anne König. Sie schildert eine typische Situation: Ein Kind haut ein anderes, die Fachkraft muss trösten, ein weiteres Kind braucht ein Pflaster, noch ein Kind braucht Trost, plötzlich fehlt ein Kind und ein Kind hat sich eingenässt. Dann kommt ein Integrationskind und haut mehreren Kindern auf den Kopf.
Das Team brauche schnellere Unterstützung durch eine Integrationskraft, die dem besonderen Kind während der gesamten Aufenthaltsdauer in der Kita zur Seite steht. Und wenn das nicht möglich ist, sollte es alternative Kindergärten geben, lautet die Forderung der Plochinger Fachkräfte. Ansonsten komme vor allem das besondere Kind zu kurz. Besondere Kinder mit auffälligem Verhalten, einer chronischen Erkrankung, Autismus, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Problemen bei der Aussprache oder einfach nur mangelnden deutschen Sprachkenntnissen würden immer häufiger, sagt die Kita-Leiterin. Damit wüchsen die pädagogischen und personellen Herausforderungen und die Anforderungen an die Inklusion sowieso.
„Eigentlich müssten wir eine Logopädin einstellen, die wäre gut beschäftigt“, fügt Müller hinzu und verweist auf 35 Kinder, die in St. Konrad regelmäßig Sprachförderung in einer der sieben Gruppen erhalten. Diese Sprachförderung sei aber keine Therapie, sondern eine Sprachanregung bei der auch Sprachauffälligkeiten festgestellt werden könnten. Und ihre Kollegin Tanja Fiala ergänzt: „Kinder sind zunächst mal ein unbeschriebenes Blatt. Bei sprachlichen Auffälligkeiten schicke man die Familie zum Kinderarzt. Dort werde meist erst beobachtet, denn der Spracherwerb sei ein langjähriger Prozess, dessen Erfolg bei Kindern erst im Alter von fünf oder sechs Jahren eindeutig zu bewerten sei. Aber auch im sozial-emotionalen Bereich gibt es nach Worten der Pädagoginnen immer mehr Kinder mit Defiziten. Momentan betreffe das vor allem einige Vorschulkinder, die unter den Lockdowns während der Coronapandemie gelitten hätten.
Modellversuch Inklusion
Von 50 Kindern zeigten momentan acht Jungen und Mädchen ein auffälliges Verhalten. Bei dreien laufe der langwierige diagnostische Prozess, um zu klären, ob diese Kinder an einer Behinderung leiden oder davon bedroht sind. Bis zu einer Diagnose könnten viele Monate vergehen, manchmal dauere es länger als ein Jahr.
„Ich bin nach einer Stunde froh, wenn die Kollegin übernimmt“, beschreibt die Erzieherin Bettina Höhne alltägliche Herausforderungen mit Kindern, die man immer im Blick haben muss. „Wir versuchen viel zu geben“, erklärt auch Anne Müller, doch immer wieder fühle sie sich ausgebremst und im Stich gelassen. Dabei hat ihr Team drei Jahre lang am Modellversuch Inklusion im Kreis Esslingen unter dem Dach des Forums Frühkindliche Bildung Baden-Württemberg teilgenommen und mehr Sicherheit bei inklusiven Aufgaben gewonnen.
„Unser Kind ist ein Zweijähriger im Körper eines Siebenjährigen“, beschreibt der Vater eines an Autismus leidenden Kindes die Ausgangslage. Entlastung versprechen eigentlich Integrationskräfte, die ein Kind begleiten, es im Alltag in der Kita unterstützen und ihm helfen, sich am sozialen Gruppengeschehen zu beteiligen. Bevor der Kindergartenträger allerdings eine solche Kraft einstellen kann, muss eine Diagnose vorliegen, denn die Kosten trägt der Landkreis. Erschwerend wirke, dass die Integrationskraft nur wenige Stunden pro Tag eingesetzt werden dürfe. Sein Kind habe in den ersten Monaten mit Panikattacken reagiert, wenn sich die Ersatzmama wieder verabschiedete.
Inzwischen haben die Eltern, die ihren Namen aus Sorge vor Nachteilen durch die Behörden nicht in der Zeitung lesen wollen, viele Hürden überwunden und die notwendigen Termine mit der Interdisziplinären Frühförderstelle und dem Sozialpädiatrischen Zentrum absolviert. Für das Kita-Team hat der Vater viel Lob übrig. Die Erzieherinnen hätten sich sehr engagiert und der Familie beim Gang durch die Instanzen geholfen und immer wieder den Rücken gestärkt.
Die Beratung ist kostenlos
Anspruch
Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung verlangt, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam gefördert werden sollen. Auf dieser Basis müssen Betreuung, Bildung und Erziehung bereits ab dem Kindergartenalter organisiert werden.
Leitfaden
Der Kreis Esslingen hat dazu gemeinsam mit des Kreisjugendamt, dem Amt für besondere Hilfen und dem Amt Soziale Dienste und Psychologische Beratung im Jahr 2023 die „Handreichung Integrationshilfe in Kindertageseinrichtungen“ formuliert.
Anlaufstellen
Informationen zum Thema Entwicklungsverzögerung und drohende Behinderung und mögliche Hilfen bietet die Interdisziplinäre Frühförderstelle (IFS) im Kreis Esslingen:
https://www.landkreis-esslingen.de/start/service/IFS.html