Jugendliche mit Behinderung in Esslingen Ein Ehrenamt als ein Stück Normalität

Die Ehrenamtlichen von Mimamo Plus und Betreuerin Bärbel Finkbeiner (vorne links) tauschen sich in der Kinderspielstadt mit den politischen Besucherinnen und Besuchern um Matthias Klopfer (grauer Anzug) und Manfred Lucha (dunkelblauer Anzug) aus. Foto: Roberto Bulgrin

Im Sommerferienprogramm des Esslinger Stadtjugendrings erfahren Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung, was es heißt, ein Ehrenamt auszuüben. Dahinter steht das inklusive Projekt Mimamo. Dessen Zukunft ist allerdings noch unklar.

Volontäre: Valentin Schwarz (vas)

Während Robin Eberhardt, der zehnjährige Bürgermeister der Kinderspielstadt Karamempel, politischen Besuch um den Esslinger Oberbürgermeister Matthias Klopfer und den baden-württembergischen Sozialminister Manfred Lucha empfängt, hält sich Yannick Monninger etwas im Hintergrund. Der 21-Jährige besucht regelmäßig den inklusiven Treff Mimamo Plus des Stadtjugendrings Esslingen. Einige der jungen Menschen mit Behinderung, die dort zusammenkommen, unterstützen in den Sommerferien mit der Kinderspielstadt ein anderes Projekt des Stadtjugendrings als Ehrenamtliche. Zu ihnen gehört auch Monninger.

 

Er sagt: „Es macht mir Spaß, dafür zu sorgen, dass sich die Kinder hier wohlfühlen.“ Normalerweise arbeitet er in der Kantine von „Hugo Boss“ in Metzingen. Einen Teil seiner Urlaubszeit verbringt Monninger nun damit, als Betreuer den Beauty-Salon der Kinderspielstadt im Auge zu behalten. Kein Wunder also, dass seine Fingernägel golden glänzen. „Für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung gibt es wenig Ferienangebote“, sagt Bärbel Finkbeiner, die Projektleiterin von Mimamo Plus. „An Freizeiten teilzunehmen, ist für sie schwierig. Aber ein Ehrenamt auszuüben, das geht.“ Markus Benz, der Geschäftsführer des Stadtjugendrings, fügt hinzu: „Im Ferienprogramm mitzuhelfen, ist für die Jugendlichen ein Stück Normalität.“ Seitdem Mimamo vor rund zehn Jahren gegründet wurde, werden die Teilnehmenden des Treffs deshalb in die Kinderspielstadt eingebunden.

Verantwortung als Vertrauensbeweis

„Als erstes hieß es: üben, üben, üben“, erzählt Finkbeiner. Anfangs ging es darum, die jungen Menschen langsam an die Strukturen der ehrenamtlichen Tätigkeit heranzuführen. „Viele Jugendliche müssen ja erst einmal lernen, was es bedeutet, von 9 bis 17 Uhr zu arbeiten“, so Finkbeiner. Das inklusive Ehrenamt wurde zunächst bei Aufgaben ohne direkte Zuständigkeit für die Kinder, zum Beispiel in der Küche oder im Kiosk von Karamempel, erprobt. „Seit zwei Jahren haben wir aber auch Arbeitsstellen in der Betreuung“, sagt Finkbeiner. So kümmert sich etwa der 17-jährige Julius Bönisch um den Gemeinderat von Karamempel und damit um etwa zehn Kinder. Er sagt: „Das ist für mich eine Ehre und ein Vertrauensbeweis, diese Verantwortung übertragen zu bekommen.“

Um darauf vorbereitet zu werden, erhalten die Ehrenamtlichen von Mimamo Plus – ebenso wie alle anderen Helferinnen und Helfer der Kinderspielstadt – vor den Ferien eine Schulung. „Ihre anschließenden Tätigkeiten sind angepasst an das, was für sie jeweils möglich ist“, sagt Benz. Zehn der jungen Menschen mit Behinderung werden bei Bedarf von Finkbeiner und ihrem Team unterstützt. Einer von ihnen, der 18-jährige Rollstuhlfahrer Moritz Fitz, sagt: „Im Sitzen kann ich zwar nicht so viel erledigen wie andere. Aber das, was geht, mache ich gerne.“ Seine Aufgabe ist es, die Kasse zu managen, an der die Kinder mit der Spielwährung „Mempel“ ihr Mittagessen bezahlen.

Künftige Finanzierung unsicher

Andere Mimamo-Ehrenamtliche wie Yannick Monninger arbeiten hingegen völlig unabhängig. Sie übernehmen dieselben Aufgaben wie die Ehrenamtlichen ohne Behinderung. Finkbeiner erzählt: „Für diejenigen ist das natürlich ein toller Moment, wenn wir ihnen sagen: Ihr seid jetzt bereit für etwas anderes, ihr braucht uns gar nicht mehr.“

Das gilt zum Beispiel für Lara Ohmacht. Die 19-Jährige tritt nach den Sommerferien zwei neue Jobs an. Sie arbeitet künftig in den Neckartalwerkstätten für Menschen mit Behinderung – und als Betreuerin in einem Kindergarten in Denkendorf. Über Letzteres sagt Ohmacht: „Dafür wird mir die Erfahrung bei Karamempel bestimmt helfen.“

Nicht nur unter den Ehrenamtlichen, sondern auch unter den Teilnehmenden der Kinderspielstadt sind Menschen mit Behinderung. „Für die brauchen wir teilweise gar keine Assistenz mehr, weil beim Stadtjugendring inzwischen alle für das Thema Inklusion sensibilisiert sind“, sagt Finkbeiner. Das sei auch ein Verdienst von Mimamo Plus. Umso mehr hoffen die Verantwortlichen, dass das Projekt fortgesetzt werden kann. Momentan wird Mimamo vom Landkreis gefördert, Ende März 2025 läuft die Projektfinanzierung allerdings aus. Wie es dann mit dem Treff und damit auch mit dem Ehrenamt in den Ferien weitergeht, ist noch unklar. Die Entscheidung liege beim neuen Kreistag, nicht bei der Stadt Esslingen, stellt OB Klopfer bei seinem Besuch der Kinderspielstadt klar. Markus Benz bleibt trotz der unsicheren Situationen zuversichtlich: „Wir sind in Gesprächen und guter Dinge, dass eine dauerhafte Lösung gefunden wird.“

Die Projekte des Esslinger Stadtjugendrings

Karamempel
  Der Stadtjugendring richtet die Kinderspielstadt seit mehr als 25 Jahren im Rahmen seines Ferienprogramms aus. In diesem Jahr sind rund 220 Teilnehmende mit dabei. Die Kinder können sich in Karamempel an der Leitung einer eigenen Gesellschaft ausprobieren. Dazu wählen sie einen Bürgermeister und einen Stadtrat, der Gesetze beschließt. Zu den Institutionen gehören auch ein Polizeirevier, eine Gewerkschaft, eine Schreinerei, ein Beauty-Salon und eine Zeitung, die Kara-Times.

Mimamo Plus
 Der inklusive, offene Treff richtet sich an Jugendliche ab 12 Jahren mit und ohne Behinderung. Er findet mit Ausnahme der Schulferien immer donnerstags ab 16 Uhr beim Stadtjugendring in der Stuttgarter Straße 2 statt. Der erste Teil des Namens steht für Mitmachmomente. Das Plus wiederum bedeutet, dass der Übergang von der Schule in das Arbeitsleben bei dem Projekt ein wichtiges Thema ist.