Eine „Toilette für alle“ ist eine große Rollstuhltoilette mit ausreichend Bewegungsfläche für Menschen mit Behinderung und deren Helfer. Die Toilette ist zusätzlich ausgestattet mit einer höhenverstellbaren Pflegeliege für Erwachsene, einem elektrischen Patientenlifter für den Transfer eines Menschen vom Rollstuhl auf die Liege und zurück sowie einem luftdicht verschließbaren Windeleimer. Gedacht ist sie für alle Menschen, die aufgrund einer Behinderung, einer Krankheit oder des Alters inkontinent und auf Windeln sowie Hilfe angewiesen sind.
„Mit voller Hose gibt es keine Teilhabe“, sagte Jutta Pagel-Steidl, Geschäftsführerin des Landesverbands für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg. Die nun in Esslingen eröffnete „Toilette für alle“ sei der 70. Standort im Land und insgesamt der vierte in der ehemaligen Reichsstadt. Im kommenden Jahr kommt noch eine weitere im dann eröffneten katholischen Gemeindezentrum am Marktplatz hinzu. „Damit ist Esslingen klasse bestückt“, lobte Pagel-Steidel – nur Freiburg verfüge über mehr Standorte. Von den aktuell vier „Örtchen“ in Esslingen sind immerhin zwei – am Agneshof und in der schwarzen Box am Bahnhofsplatz – 24 Stunden zugänglich, die beiden anderen – im Kundencenter der Kreissparkasse Esslingen in der Bahnhofsstraße sowie im Forum Esslingen in der Schelztorstraße – nur zu normalen Geschäftsöffnungszeiten.
24 Stunden zugänglich
Was nun noch fehlt sei eine „Toilette für alle“ in der östlichen Altstadt, sagte Ursula Hofmann, die Vorsitzende des Vereins Rückenwind, die seit langem gemeinsam mit den Vereinsmitgliedern für Toiletten kämpft, die auch von Menschen mit schweren Handicaps und ihren Begleitpersonen genutzt werden können. Immerhin: Jetzt ist zum Beispiel für Ursula Hofmann mit ihrer behinderten Tochter Anne (19) auch ein Besuch des Weihnachtsmarkts außerhalb der normalen Geschäftsöffnungszeiten möglich: „Die Toilette muss einfach 24 Stunden zugänglich sein.“ Denn ihre Tochter muss regelmäßig gewickelt werden und da sei – abgesehen davon, dass es selbst in den „normalen“ behindertengerechten Toiletten meist nicht genügend Platz gibt – sonst nur der Fußboden übrig geblieben: „Das ist nun wirklich keine Alternative.“ Ursula Hofmann hat das Projekt am Agneshof zusammen mit Rollstuhlfahrerin Birgit Huber, Erste Vorsitzende des Inklusionsbeirats der Stadt Esslingen vor rund einem Jahr angestoßen. Die beiden Frauen lobten das große Engagement der Stadt, die sofort auf den Vorschlag angesprungen sei. „Es waren gleich Mitarbeiter der Stadt vor Ort und wir haben alles im Detail besprochen“, sagte Huber.
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In der Vergangenheit wurde der sieben Quadratmeter große Raum am Agneshof, in dem sich nun die „Toilette für alle“ befindet, als barrierefreies WC sowie als Abstellraum genutzt. Die Kosten für den Umbau belaufen sich insgesamt auf rund 15 000 Euro, Fördergelder vom Land gab es in Höhe von 3200 Euro. „Das Land fördert zu 90 Prozent die Zusatzausstattung in Form von Liege, Lifter und Eimer“, erklärte Pagel-Steidel. Bundesweit ist Baden-Württemberg damit übrigens in der Vorreiterrolle – in den übrigen Bundesländern gibt es eine derartige Unterstützung nicht. Insgesamt profitieren von den nun insgesamt 70 „Toiletten für alle“ im Land rund 380 000 Betroffene.
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Betroffene einbeziehen
Für Esslingens Sozialbürgermeister Bayraktar ist die zweite rund um die Uhr zugängliche „Toilette für alle“ ein weiterer Baustein auf dem Weg zur inklusiven Stadtgesellschaft: „Die Verwaltung will damit ein Zeichen setzen, dass uns die Umsetzung des Aktionsplans ‚Auf dem Weg zum inklusiven Esslingen’ wichtig ist.“ Der Wille zur Teilhabe für alle Menschen sei zwar oft da, aber allzu oft blieben – vor allen Dingen in Zeiten knapper Kassen – die Ideen dazu lediglich Papiertiger. Deswegen sei es umso wichtiger, dass sich auch die unmittelbar Betroffenen in derartige Pläne einbringen. „Es gilt aus Betroffenen Beteiligte zu machen. Sie sollen ihre speziellen Bedürfnisse äußern, um wirklich Teil der Gesellschaft zu sein“, so Bayraktar weiter und lobte das große Engagement des Inklusionsbeirats, des Vereins Rückenwind und der AG Barrierefreiheit: „Wir brauchen den Druck von außen. Erinnern Sie uns, wo wir noch korrigieren müssen.“
Die Toilette für alle
Profiteure
Zur Gruppe der Menschen, die sich mit der Nutzung von „normalen“ Rollstuhltoiletten schwer tun, zählen Personen mit angeborenen schweren und mehrfachen Behinderungen, die über drei Jahre alt sind, Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma, Multipler Sklerose oder Querschnittlähmung sowie ältere Menschen, die schwer pflegebedürftig oder dement sind.
Zugang
Eine „Toilette für alle“ ist mit einem Euro-Schlüssel zugänglich. Berechtigte können einen solchen Schlüssel beim Landratsamt beantragen. Er kostet einmalig 23 Euro, kann dann aber für alle „Toiletten für alle“ egal an welchem Standort benutzt werden. Unter www.toiletten-fuer-alle-bw.de gibt es einen Wegweiser mit einer Landkarte und allen wichtigen Informationen (Standort, Öffnungszeiten und Ausstattung) in deutscher und englischer Sprache.
Geschichte
Europaweiter Vorreiter bei der Einrichtung von „Toiletten für alle“ ist Großbritannien. Dort wurde 2005 die Kampagne „changing places“ aufgelegt, die erfolgreich für „Orte zum Wechseln“ wirbt und deren Standorte und Öffnungszeiten im Internet veröffentlicht werden.
Standard
In Großbritannien zählt der Einbau einer „Toilette für alle“ mittlerweile zum Baustandard in öffentlichen Gebäuden. In Deutschland gibt es keine derartige gesetzliche Verpflichtung.