Inklusion Neue Behindertenwohnungen in Esslingen – “Fehlt nur der rote Teppich“

Die Fassade des neuen Lebenshilfe-Domizils in der Pfaffenackerstraße in Hohenkreuz fügt sich markant, aber harmonisch in das städtebauliche Bild des Wohnviertels. Foto: Markus Brändli

Die Lebenshilfe hat in Esslingen ein neues Domizil für 24 Menschen mit Behinderung eingeweiht. Generell herrscht im Kreis Esslingen ein Mangel an behindertengerechten Wohnangeboten.

Monika Frick ließ ihrer Freude freien Lauf: „Wir sind stolz wie Oscar“, sagte die Sprecherin des Bewohnerbeirats. „Heute ist hier ganz großes Kino – fehlt nur der rote Teppich.“ Wozu der Oscar ja bestens passt. Oberbürgermeister Matthias Klopfer griff ihn prompt auf und gab sich „stolz wie Oscar“, dass es die Stadt geschafft habe, den Gehsteig vor dem Neubau frisch zu teeren – am Freitagvormittag, wenige Stunden vor der Einweihungsfeier des neuen Heims für 24 Menschen mit Behinderung. Tatsächlich ist das Bauprojekt der Lebenshilfe ein wichtiges Signal, lenkt es doch den Blick auf den steigenden Bedarf an betreuten Wohnformen. Auch wenn das Angebot durch das Haus in der Pfaffenackerstraße in Esslingen-Hohenkreuz nicht erweitert wird, denn die Bewohnerinnen und Bewohner lebten zuvor im Lebenshilfe-Domizil in der Palmstraße.

 

Bereits Mitte Mai sind sie umgezogen, jetzt feierten sie das neue Haus in ihrem eigens getexteten „Pfaffenacker-Song“: „Dusche heiß, die Fenster dicht, in der Küche brennt das Licht.“ Was nicht heißt, in der Palmstraße hätte es nur kaltes Wasser, zugige Fenster und keine Elektrizität gegeben. Aber das sanierungsbedürftige Gebäude wäre nur mit „unverhältnismäßigem Aufwand“ zu erhalten gewesen, sagt der kaufmännische Lebenshilfevorstand Martin Wirthensohn. Zumal inzwischen gesetzlich höhere Standards gefordert werden, etwa von der Landesheimbauverordnung. Also verständigte man sich auf einen Neubau – und einen Grundstück-Ringtausch: Die Fläche in der Palmstraße wurde an die Esslinger Wohnungsbau verkauft, die dort einen Neubau plant. Das Areal in der Pfaffenackerstraße erwarb die Lebenshilfe von der Baugenossenschaft Esslingen. Zuvor standen dort ältere Wohngebäude leer, die abgerissen wurden.

Der Neubau mit seinen drei Giebeln brauchte gut zwei Jahre Bauzeit und Baukosten von 4,9 Millionen Euro. „Wir sind im Rahmen geblieben“, sagt Wirthensohn. Die giebelständige Fassade – sie wendet die drei Giebelseiten der Straße zu – fügt sich markant, aber harmonisch in die Umgebung. „Wir haben das städtebauliche Erscheinungsbild des Wohngebiets aufgegriffen“, erklärt die Architektin Silke Waldmann-Eboni. Laut Oberbürgermeister Klopfer geht es dabei nicht nur um bauästhetische, sondern um soziale Integration. Er verwies auf die Nähe zu Einkaufsmöglichkeiten und Bushaltestellen, die „gelebte Inklusion“ innerhalb des entstehenden Tobias-Mayer-Quartiers, das auch als Projekt der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 der vom Oberbürgermeister zitierten Devise verpflichtet ist: „Es ist normal, verschieden zu sein.“

Leben mit Behinderung in Esslingen: Individualität in der Gemeinschaft

Was wiederum auch für den Innenausbau gilt: „Die individuellen Bereiche und Bedürfnisse muss die Planung berücksichtigen, auch wenn für Wohngemeinschaften gebaut wird“, sagt Architektin Waldmann-Eboni. „Hier entstanden eben keine Studentenbuden, wo man vielleicht ein paar Jahre zusammenwohnt. Die Menschen hier wohnen einen Großteil ihres Lebens zusammen.“ Und sind zudem unterschiedlicher als jede Studi-WG, allein schon vom Alter her, nämlich zwischen 20 und 84 Jahre alt.

Architektin Silke Waldmann-Eboni (rechts) hat die Innenräume großzügig gestaltet. Foto: Markus Brändli

Fenster mit verglaster oder geschlossener Brüstung lockern als variables Gestaltungselement die Frontseite des Gebäudes auf. Durch sie fällt Licht in die hellen Räume der vier Vierer-WGs mit eigenen Zimmern pro Bewohner, gemeinsamer Küche und Wohnzimmer. Außerdem gehören eine Zweier-WG und zwei Einzelappartements zum Heimbereich. Vier Single-Wohnungen im Dachgeschoss sind für das ambulant begleitete Wohnen bestimmt, also für weitgehend selbstständig lebende Behinderte. Ein größerer Raumbereich beherbergt eine Tagesbetreuung für sechs Seniorinnen und Senioren mit Handicaps.

Landkreis Esslingen: Mehr Nachfrage nach betreutem Wohnen

Leitfarben im Treppenhaus geben den Zugängen zu jeder WG einen individuellen Ton. Die weite, großzügige Anmutung der Räume ist mit architektonischem Geschick den von den Förderrichtlinien gesetzten Limits abgerungen: Maximal 48,5 Quadratmeter pro Bewohnerin oder Bewohner sind förderfähig – Gemeinschaftsflächen anteilig mitgerechnet. Die Architektin hat einigen Einfallsreichtum walten lassen, um den Vorgaben zu entsprechen; etwa wenn die Fluchttreppen auf der Gebäuderückseite zugleich die Balkone abschließen. Mit dem schönen Nebeneffekt, einen direkten Zugang zum entstehenden Garten zu ermöglichen, der mit seinen Hochbeeten nicht nur zur Entspannung, sondern auch zur gärtnerischen Aktivität der Bewohner anregen soll, sagt Wirthensohn.

Welche Herausforderungen ein Neubau wie der in der Pfaffenackerstraße widerspiegelt, deutete Katharina Kiewel, die Sozialdezernentin des Landkreises Esslingen, an. Der demografische Wandel macht auch vor behinderten Menschen nicht halt. Auch sie sind heute im Durchschnitt älter, die von der Lebenshilfe Betreuten laut Kiewel um die 50. Die wachsende Zahl erwachsener Behinderter und ihr Bedürfnis nach einem möglichst selbstständigen Leben führt folglich zu einer wachsenden Nachfrage nach entsprechenden Wohnformen. Dass die Angehörigen oftmals betagt oder selbst pflegebedürftig oder nicht mehr am Leben sind, fällt statistisch ebenso ins Gewicht und mündet in denselben Bedarf. Ganz abgesehen davon, dass pflegende Angehörige ein Recht auf Entlastung haben. Der Mangel an Behindertenwohnungen im Kreis Esslingen ist zwar nicht exakt bezifferbar. Sozialverbände und Betroffene weisen aber regelmäßig darauf hin, dass die Nachfrage das Angebot weit übersteigt.

Verein Lebenshilfe

Entstehung
Der Esslinger Verein Lebenshilfe engagiert sich für die Betreuung und für Wohnmöglichkeiten für behinderte Menschen. Der Verein wurde 1961 als Selbsthilfeorganisation von Eltern mit behinderten Kindern gegründet.

Wohnformen
Heute ist die Lebenshilfe in Esslingen und Umgebung ein wichtiger Träger unterschiedlicher Behinderteneinrichtungen. 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind tätig in der Förderung, Begleitung und Betreuung von über 400 Behinderten, von Kindern bis zu Senioren. Vielfältig wie die Menschen sind die Wohnformen, die die Lebenshilfe anbietet. Drei Einrichtungen in Esslingen umfassen Heimbereiche für Menschen mit höherem Hilfebedarf, aber auch Appartements für Behinderte, die weitgehend selbstständig leben. Für sie ist auch das alternative Angebot der Wohnassistenz im Programm, eine stundenweise Unterstützung in der eigenen Wohnung oder in Wohngemeinschaften der Lebenshilfe.

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