Inklusion Stuttgarter Gymnasium öffnet sich

Inklusion ist ein großes Thema – auch die Stuttgarter Gymnasien setzen sich damit auseinander. Nun geht eine Schule in die Offensive. Foto: dpa
Inklusion ist ein großes Thema – auch die Stuttgarter Gymnasien setzen sich damit auseinander. Nun geht eine Schule in die Offensive. Foto: dpa

Im Cannstatter Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium sollen vom übernächsten Schuljahr an Fünftklässler mit und ohne Handycap gemeinsam unterrichtet werden. Denn immer mehr Eltern wünschen sich einen einen inklusiven Unterricht für ihre Kinder.

Lokales: Inge Jacobs (ja)
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Stuttgart - Der Fall Henri schlägt bundesweit Wellen. Während in Walldorf im Rhein-Neckar-Kreis weder Gymnasium noch Realschule den elfjährigen geistig behinderten Buben aufnehmen will, bereitet sich das Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in Bad Cannstatt auf die Zusammenarbeit mit der Helene-Schöttle-Schule vor, einer Schule für geistig Behinderte in Steinhaldenfeld. „Unsere Planung ist so, dass wir im übernächsten Schuljahr eine Außenklasse der Helene-Schöttle-Schule bei uns einrichten wollen“, sagt Schulleiter Norbert Edel. Das Ziel sei, mit diesen und den nicht behinderten Fünftklässlern aus dem G8 „so oft wie möglich gemeinsamen Unterricht zu machen“. Damit wird das Elly zum Vorreiter unter den Stuttgarter Gymnasien.

Immer mehr Eltern wünschten sich für ihre Kinder einen inklusiven Unterricht, berichtet Petra Schmalenbach vom Staatlichen Schulamt. „Wir haben mehr als 300 Anmeldungen.“ Doch bei diesen Kindern überprüften

Sonderpädagogen erst einmal, ob sie einen sonderpädagogischen Bildungsanspruch haben oder nicht. Dabei geht es um zusätzliche Förderung. Knapp 500 inklusive Kinder gebe es bereits an Stuttgarter Regelschulen – auch an Gymnasien. Doch dort sind es bis jetzt nur solche, die das Abitur als Abschluss anpeilen.

Das ist bei geistig behinderten Kindern von vornherein ausgeschlossen. Doch Norbert Edel sieht es als „zentrale Aufgabe, behinderte Menschen ganz in diese Gesellschaft hineinzunehmen“. Dazu gehörten auch die Gymnasien und keineswegs nur ausgewählte Modellschulen. Und der Schulleiter ist zudem davon überzeugt, dass davon alle profitieren: die geistig behinderten Schüler durch die Wohnortnähe, aber auch, zusätzlich zu ihrer Förderung durch Sonderpädagogen, durch die neue, anregungsreiche Umgebung – und die Gymnasiasten durch den Umgang mit Menschen, die ganz andere Voraussetzungen haben. Die intellektuelle Leistungsfähigkeit sei das eine – „aber wir erziehen ja auch Menschen“, sagt Edel.

„Wir haben noch kein fertiges Konzept“, räumt der Schulleiter ein. Das wolle man im Lauf des nächsten Schuljahres entwickeln. Und die Form der Außenklasse biete dabei genügend Spielraum, weil diese am Gymnasium ein eigenes Zimmer habe und von Sonderschulpädagogen betreut werde. Im Schulgesetz jedoch noch nicht ausreichend berücksichtigt sei die Möglichkeit, einzelne Inklusionskinder in Regelklassen hineinzugeben – so wie es Henris Mutter gern gemacht hätte. Zudem sei es wenig sinnvoll, die fünften Regelklassen mit 30 Schülern voll zu machen – „sonst kann man das lassen“, sagt Edel.

Dass Inklusionskindern zugestanden wird, am Gymnasium mit G8-Kindern unterrichtet zu werden, auch ohne den G8-Anforderungen gewachsen zu sein, für andere, überforderte Gymnasiasten jedoch die Versetzungsordnung zum Tragen kommt und sie womöglich die Schule verlassen müssen, sieht Norbert Edel als „ein Spannungsverhältnis, das sich nicht auflösen lässt“. Zugleich aber könne letztendlich beides dem Kindeswohl dienen.




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