Inklusionsbetrieb in Sachsenheim „Wut ist der Angst gewichen“ – Dutzende Menschen mit Behinderung verlieren Job

Manuela Pötzsch ist schwerbehindert und hat die Kündigung erhalten. Wie es weitergeht, weiß sie nicht. Foto: Simon Granville

In Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) ist der Inklusionsbetrieb Isak insolvent. Die Mitarbeiter mit Schwerbehinderung haben Angst um ihre selbstbestimmte und unabhängige Zukunft.

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

In diesem Sommer endet in Sachsenheim eine besondere Geschichte. Das Unternehmen Isak (Initiative zur Schaffung von Arbeitsplätzen für Körperbehinderte) stellt seine Geschäftstätigkeit ein. 1991 gegründet, um Inklusion in der Arbeitswelt zu leben, ist Isak nun insolvent.

 

Mehr als die Hälfte der Beschäftigten waren und sind Menschen mit Schwerbehinderung, die meisten von ihnen arbeiteten im Bereich Industriedienstleistungen vor allem für Kunden aus der Automobilindustrie. Die Krise in dieser Branche hatte sich schnell auf das Unternehmen ausgewirkt, da Aufträge reduziert oder zurückgezogen wurden. Im November 2024 wurde dann der Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Da kein Investor gefunden werden konnte, wird der Betrieb nun stillgelegt.

Teilweise haben die nun entlassenen Menschen seit Jahrzehnten bei Isak gearbeitet. Vor allem Schwerbehinderte, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht leicht haben, trifft das Ende hart. „Wir sind hier fast wie eine Familie“, sagt Manuela Pötzsch. Sie ist die Schwerbehindertenvertreterin bei Isak und für den Insolvenzverwalter eine wichtige Ansprechperson im Betrieb.

Die Gebäude von Isak wird der neue Holderbüschle-Eigentümer übernehmen. Das angrenzende inklusive Restaurant konnte gerettet werden. Foto: Simon Granville

Die 57-Jährige stammt aus Sachsenheim, hat selbst eine Behinderung, und arbeitet seit mehr als zwölf Jahren bei Isak. Die Belegschaft halte zusammen, aber die Stimmung sei niedergeschlagen. „Die Wut vom Anfang ist der Angst gewichen. Zwischendurch gab es mal Hoffnung, aber das ist vorbei“, sagt Pötzsch. Hoffnung hatten sich einige gemacht, als das Insolvenzverfahren eröffnet wurde, und der Verwalter auf der Suche nach einem neuen Eigentümer war.

Letzte Monate für Inklusionsbetrieb in Sachsenheim

„Es war mit einem Interessenten schon sehr weit, aber letztlich konnte man sich nicht einigen“, bedauert Pötzsch. Das Ende steht fest. Der August wird der letzte Monat für Isak sein. Bis dahin läuft der Betrieb mehr oder weniger normal weiter. „Gerade jetzt, wo es feststeht, dass die Firma schließt, läuft es wieder besser mit Aufträgen“, sagt die 57-Jährige. Genug zu tun gibt es für die immer kleiner werdende Mitarbeiterschar also. Von 60 ist man derzeit schon auf 36 Kollegen herunter. 28 davon haben eine Behinderung.

„Der Arbeitsmarkt ist gerade ohnehin schwierig, aber mit einer Behinderung ist es noch schwerer einen anderen Job zu finden“, sagt Pötzsch. Nach Angaben der Agentur für Arbeit lag die Arbeitslosenquote 2024 für Menschen mit Schwerbehinderung bei 11,6 Prozent. Deutlich mehr als in der allgemeinen Statistik, die nur eine Arbeitslosenquote von etwa 6 Prozent im Jahresdurchschnitt aufweist.

Zukunftsangst nach Insolvenz: Hoffnung für Schwerbehinderte?

Pötzsch weiß selbst nicht, wie es für sie persönlich weitergeht, möchte den Kollegen in Sachsenheim aber Zuversicht vermitteln. Viele haben Angst vor der Zukunft. Die Isak gab zum Beispiel Menschen, die nach einer Erkrankung wieder im Berufsleben Fuß fassen wollten, eine Möglichkeit, den Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Nicht auf staatliche Hilfe angewiesen zu sein und von seiner eigenen Arbeit leben zu können, sei essenziell für die Mitarbeiter.

Im Gegensatz zu Behindertenwerkstätten muss in Inklusionsbetrieben mindestens der Mindestlohn gezahlt werden. „Wir haben Leute hier, die nach einem Schlaganfall nicht mehr in den angestammten Beruf zurückkehren konnten, hier aber ein wichtiger Teil des Betriebs wurden“, sagt Pötzsch.

Benachteiligung von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt

Noch immer würden Menschen mit Behinderung in der Arbeitswelt benachteiligt. „Die meisten Unternehmen zahlen lieber eine Abgabe, als Menschen mit Schwerbehinderung zu beschäftigen“, sagt die Sachsenheimerin. Man verkenne den Wert, den auch und besonders diese Menschen für ein Unternehmen haben könnten.

Wie fleißig und gewissenhaft die Isak-Mitarbeiter seien, zeige sich schon daran, dass es niemand abreißen lasse und trotz Kündigungen und Insolvenz keine Fehltage zu beklagen seien. Der Einsatz der Kollegen sei vorbildlich. Auch weil der Zusammenhalt stimme. Viele haben mit ähnlichen Vorurteilen zu kämpfen, das verbindet.

Viele Inklusionsbetriebe gibt es in der Region nicht, daher beschleicht die Isak-Beschäftigten die Angst, nie mehr einer normalen Tätigkeit nachgehen zu können. Gerade die Älteren machen sich große Sorgen. Sie haben neben ihrer Behinderung auch noch ihr Alter als einen weiteren Malus auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Allen Sorgen zum Trotz fühlt sich Pötzsch bei der Isak wohl, die Gemeinschaft helfe auch mit den schlechten Nachrichten umzugehen. Die Mitarbeiter wollen deshalb auch nach dem Ende des Betriebs in Kontakt bleiben, die meisten kommen aus der unmittelbaren Region.

Arbeitsplätze für Schwerbehinderte

Sozialer Auftrag
Inklusionsbetriebe sind Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten. Der soziale Auftrag der Inklusionsbetriebe ist es, Arbeitsverhältnisse für Menschen zu bieten, deren berufliche Teilhabe aufgrund der Art und Schwere ihrer Behinderung besonders erschwert ist. Ein Beispiel in der Region sind Cap-Märkte.

Ausgleichsabgabe
Betriebe mit mindestens 20 Arbeitsplätzen im Jahresdurchschnitt müssen einen Teil der Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Mitarbeitern besetzen. Tun sie das nicht, müssen sie eine Ausgleichsabgabe von bis zu 720 Euro je nicht besetztem Pflichtarbeitsplatz bezahlen.

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