Esslingen - Jährlich hat der Verein Villa in Esslingen sieben bis acht Ferienprogramme für Kinder mit und ohne Behinderung auf die Beine gestellt. Doch damit könnte Schluss sein, wenn sich nicht bald etwas ändert. Die Arbeitsbelastung ist zu groß geworden. „Wir sind an einen Punkt gekommen, an dem wir als ehrenamtlicher Vereinsvorstand entschieden haben, dass wir so nicht mehr weitermachen können“, sagt der Vorsitzende Marco Bell. Er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter wünschen sich hauptamtliche Hilfe. Die passende Kandidatin ist gefunden. Doch die Finanzierung für die 35-Prozent-Stelle kann der Verein nicht stemmen. Alle Hoffnungen ruhen auf einem Antrag auf Förderung durch die Aktion Mensch der Fernsehlotterie.
Vorherige Gespräche mit der Stadt Esslingen und dem Landratsamt hatten nicht zu einer Lösung geführt, wenn auch der Landkreis Ferienprogramme für Kinder mit Behinderung im Einzelfall fördert und die Stadt Esslingen unter anderem Leistungszuschläge gewährt. Doch das gewährleiste keine verlässliche Finanzierung der gewünschten Stelle, erklärt Bell. „Wenn der Antrag bei der Aktion Mensch abgelehnt wird, werden wir ganz schnell den Verein abwickeln müssen.“ Davon gehe der Vorstand allerdings nicht aus.
Auch Kinder mit komplexen Handicaps sind willkommen
„Diese Entscheidung ist uns wahnsinnig schwer gefallen“, sagt Jennifer Scherr, die dem Vorstand aktuell als Assistentin auf 450-Euro-Basis zur Seite steht – und künftig, wenn die Förderung steht, die 35-Prozent-Stelle erhalten soll. Die Villa sei der größte Anbieter inklusiver Ferienprogramme in Esslingen. „Wenn wir nicht mehr da sind, hinterlassen wir ein Loch.“ Zwar sind auch andere Anbieter offen für Mädchen und Jungen mit Handicap. Aber sobald es um Schwerstmehrfachbehinderungen geht, wird es knifflig, etwas zu finden. Die Angebote der Villa sind auch für Kinder mit komplexen Behinderungen offen, der Verein vermittelt zudem erfahrene Assistenten. Das entlaste die Familien immens. „Der große Punkt ist, dass bei uns wirklich alle mitmachen können, und das macht uns einzigartig“, sagt Scherr, die vor Jahren als Assistentin für ein Kind mit Behinderung zu Villa gestoßen war. Finanziert werden die Angebote durch Teilnahmebeiträge, Spenden, reguläre Zuschüsse und Fördermittel von Stiftungen.
Alles begann vor einigen Jahren nach den Schulferien in der Rohräckerschule: Martina Bell, damals Physiotherapeutin an dem Esslinger sonderpädagogischen Bildungszentrum, fragte die Schülerinnen und Schüler, wie sie die unterrichtsfreien Wochen verbracht hatten. „Fernseh geguckt“, war die Antwort vieler. „Das fand sie sehr befremdlich“, erinnert sich Marco Bell an seine verstorbene Frau, die selbst im Rollstuhl saß. Sie entwarf die Idee eines inklusiven Kinder- und Jugendkulturhauses und gründete mit Mitstreitern 2007 den Verein Villa. Ihren Fokus haben die Ehrenamtlichen letztlich aber nicht auf eigene Räumlichkeiten gelegt. „Wir haben schnell festgestellt, dass hauptsächlich Bedarf für inklusive Ferienprogramme bestand“, erzählt Marco Bell.
Corona erschwert die Mission
Heute zählt der Verein etwa 60 Mitglieder, 2015 war er Träger des Inklusionspreises von Eßlinger Zeitung und Volksbank Esslingen. „Wer Inklusion will, findet Wege, wer sie nicht will, findet Argumente“ – dieser Spruch nach Hubert Hüppe, früherer Bundesbeauftragter für die Belange behinderter Menschen, ist Motto der Villa. Dabei gehe es nicht nur um physische Barrieren, sondern vor allem um die im Kopf, sagt Scherr. Bei den Kindern im Ferienprogramm lassen sie sich in den ersten Tagen abbauen. Schnell gehe es darum, wer den Rollstuhl des anderen schieben darf. Wie ein Kind, das nicht sprechen kann, ins Theaterstück eingebunden wird. „Dann ist Inklusion gelungen“, sagt Bell. Der Wunsch sei, dass die Kinder das neu erlernte Menschenbild mit in ihr Umfeld tragen. Freilich setzt die Coronapandemie dieser Mission Grenzen. Schon 2020 mussten alle Ferienangebote bis auf zwei Wochen im Sommer abgesagt werden. Dieses Jahr ist die Osterfreizeit dem Virus zum Opfer gefallen. Nun hofft Villa, dass das Pfingstprogramm stattfinden kann.
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