Inklusive Tanzkompanie in Esslingen Károly Thót tanzt im Rollstuhl
Károly Tóth ist auf Rollstuhl und Hilfe angewiesen. Der ungarische Tänzer ist in der inklusiven Kompanie von Grégory Darcy am neuen Stück „Human Design“ beteiligt.
Károly Tóth ist auf Rollstuhl und Hilfe angewiesen. Der ungarische Tänzer ist in der inklusiven Kompanie von Grégory Darcy am neuen Stück „Human Design“ beteiligt.
Ein Vormittag im Kulturzentrum Dieselstraße, auf der Bühne sitzt Károly Tóth, den Kopf leicht geneigt, die Arme vor dem Körper wie schützende Gitterstäbe, die dünnen Beine eng beieinander. Sehr zerbrechlich wirkt der junge Mann im Rollstuhl. Doch nachdem er aufmerksam den Anweisungen des unten stehenden Choreografen zugehört hat und sie umsetzt, verändert der Tanz seinen Körper, die Bewegung gibt ihm Energie und Gewicht: Die Arme zucken kraftvoll in den Raum, der Blick sucht herausfordernd sein Gegenüber, die Beine strecken sich und der Rollstuhl wird zum Partner, der erst stützt, dann einen kontrollierten Sturz flankiert.
Als Károly Tóth am Boden liegt, geht sein Blick fragend in den Zuschauerraum. Der französische Tanzmacher Grégory Darcy ermuntert: „Super, jetzt zeig mir den Austausch zwischen Anna und dir.“ Ein Duett entsteht an diesem Vormittag für Darcys inklusive Tanzkompanie, die auf das Zusammenspiel von behinderten und nicht behinderten Tänzern setzt – wie dem ungarischen Tänzer Károly Tóth und seiner australischen Kollegin Anna Suhelya Harms. Die ehemalige Tänzerin von Gauthier Dance ist für das dritte Projekt von Darcys Kompanie extra aus ihrer neuen Heimat Köln angereist.
„Human Design“ heißt es. Darcy, der Raumfahrttechnik studiert und bei der Nasa gearbeitet hat, interessiert sich darin für die Beziehung zwischen Mensch und Roboter. „Wir finden es nett, wenn ein Roboter sauber macht. Aber hat er auch eine Art Seele?“, erläutert der Choreograf die Grundidee. „Was provoziert das in mir, wenn eine Maschine den Austausch mit mir plötzlich stoppt?“ Károly Tóth soll das ausloten im Dialog mit Anna Harms, die sich als Humanoid ab und an in mechanisch wiederholten Steppschritten verfängt. Wie fühlt sich jemand, der selbst eingeschränkt ist, wenn er mit der Unzulänglichkeit einer Maschine konfrontiert wird? Károly Tóth beobachtet sein Gegenüber mit einem wissenden Lächeln, als könne er dessen emotionale Mängel und seinen Rückzug in die Ladestation vorausahnen. Trotzdem lässt er sich auf ein zartes Duett ein, auf sanfte Berührungen während einer gemeinsamen Pirouette im Rollstuhl.
„Ich schau mir genau an, wie Károly sich bewegen kann und wie sich das Angebot, das er mir macht, in die Aussage unseres Stücks einfügen lässt“, erklärt Grégory Darcy seine Arbeitsweise. Karoly Tóth, 25 Jahre alt, ist infolge eines Impfschadens, der Nervenlähmungen provozierte, seit seiner Kindheit auf den Rollstuhl und Hilfe angewiesen. Die Krankheit erschwert das Gespräch mit ihm, das wir auf Englisch führen; die Worte scheinen sich dem Aussprechen zu widersetzen. Vor zehn Jahren hat der in Budapest lebende Mann, der einen Bachelor in Geschichte und einen Master in Theaterwissenschaften besitzt, den Tanz als Ausdrucksform entdeckt. „Ich wollte immer den Menschen in mir zeigen“, sagt Károly Tóth und legt eine Hand aufs Herz, „der Tanz hat mir das ermöglicht.“
Mit Grégory Darcy arbeitete der ungarische Tänzer bereits für die Produktion „Renaissance“ zusammen. Kennengelernt haben sie sich nach einem Solo-Auftritt Tóths mit einem befreundeten Musiker im Stuttgarter Theaterhaus. „Dieses Mal bin ich mit dem Zug gekommen, das ist viel bequemer als mit dem Flugzeug“, berichtet Károly Tóth von der Anreise mit seinem Begleiter Zsolt Nagy, mit dem er sich eine Wohnung in Budapest teilt und der verblüffenderweise ebenfalls im Rollstuhl sitzt.
„Ich will mit Kunst die Schubladen hinterfragen, in die wir alles stecken, und Menschen in den Mittelpunkt stellen, die zu Unrecht am Rand der Gesellschaft sind“, erklärt Grégory Darcy seine Motivation, mit behinderten Tänzern zu arbeiten. „Károlys Art zu performen mochte ich sofort, er hat viel Humor“, sagt der Choreograf über seinen Tänzer, der mit dem Solo „Máskétánc“ bereits den Preis Para-Super-Star gewonnen hat und das Stück in seiner Heimat mehrmals im Monat aufführt.
Anna Suhelya Harms schätzt die Zusammenarbeit mit dem behinderten Kollegen. „Die Momente mit Károly sind besonders, weil er sehr ehrlich, sehr präsent ist. Er fordert mich dazu heraus, ebenfalls sehr präsent zu sein, weil sein Körper unerwartet reagieren kann“, sagt die Tänzerin. Die Lust, Neues auszuprobieren, gegenseitiges Vertrauen und Spaß an der Arbeit verbindet die beiden. „Das ist sehr bereichernd“, sagt die Australierin und antwortet auf die Frage, was sie zur Arbeit in einer inklusiven Kompanie bewogen hätte: „Ich war neugierig auf andere Erfahrungen, diese hat mich aus meiner Komfortzone herausgeholt“, sagt die Tänzerin und weiter: „Der Dialog mit Károly bringt mich in Situationen, die nicht immer bequem für mich als Tänzerin sind und in denen ich sehen muss, was ich daraus entwickeln kann.“
Premiere
Wer sehen will, wie das Stück „Human Design“ auf der Bühne neben Menschen auch KI-Roboter zum Tanzen bringt, hat dazu vom 10. November an im Kulturzentrum Dieselstraße in Esslingen Gelegenheit. Aufführungen gibt es bis zum 12. November, Karten unter www.dieselstrasse.de.
Dokumentation
Der SWR hat die Entwicklung von „Human Design“ begleitet. Der einstündige Film „Die Tanzkompanie Esslingen und der Traum vom Wir“ ist am 6. November um 17 Uhr in einer Preview im Kommunalen Kino in Esslingen zu sehen und läuft am 10. November um 0.30 Uhr im Fernsehen.
Besetzung
Die Tanzkompanie besteht aus sieben Profitänzerinnen und -tänzern mit und ohne Behinderung sowie drei Musikern und ist die erste inklusive und professionelle Tanzkompanie in Süddeutschland. Gegründet hat sie der französische Choreograf Grégory Darcy 2020 in Esslingen. Neben Károly Thót tanzt auch die mit Downsyndrom geborene Laura Brückmann.