Inklusives Projekt in Kornwestheim Nichts ist ein Muss, alles darf bei den Lucky Lurchis

Bei den Lucky Lurchis in Kornwestheim dürfen sich Kinder individuell austoben Foto: Melanie Bürkle

Das inklusive Projekt Lucky Lurchis des SV Kornwestheim ist geprägt von Rücksicht, Unterstützung und Akzeptanz. Zwölf Helfer kümmern sich um 15 Kinder.

Einige Kinder balancieren konzentriert über die schmalen Bänke und prellen dabei immer wieder den Ball – mal sicher, mal etwas wacklig, aber immer mit vollem Fokus. Ein paar Meter weiter hüpft ein Junge im dunklen Outfit um aufgestellte Hütchen herum. Er nimmt sich bewusst Zeit. Das kleine Mädchen dahinter, im lilafarbigen T-Shirt flitzt rasant und ohne Pause um die bunten Kegel herum. Und dann ist da noch die Gruppe am Trampolin: Während der Junge im Fußball-Trikot mit viel Schwung hochspringt, sich den Ball greift und auf das Tor donnert, geht der Junge im gelben Shirt viel vorsichtiger und bedachter an die Aufgabe heran. Doch eines haben sie alle gemeinsam: mächtig viel Spaß – und immer wieder huscht ein Lächeln über das Gesicht.

 

Mitten im Geschehen stehen Jule Bogolin und David Huijsman. Sie begleiten, halten Hände, muntern auf, helfen beim nächsten Versuch oder sind einfach da. Unterstützt werden sie an diesem Abend von sechs weiteren Trainerinnen und Trainern. Damit kommt auf fast jedes anwesende Kind eine Betreuungsperson – ein Betreuungsschlüssel, den man sonst kaum irgendwo findet. Doch bei den Lucky Lurchis, der inklusiven Handballgruppe für Kinder mit Einschränkungen und Behinderungen beim SV Kornwestheim, ist genau das entscheidend.

Der Spaß überwiegt, aber die Kinder machen auch Fortschritte

„Wichtig ist, dass wirklich alle Kinder Spaß haben und voll auf ihre Kosten kommen“, erklärt Bogolin. Deshalb sind bei jedem Training so viele Trainerinnen und Trainer vor Ort wie nötig. Insgesamt haben Bogolin und Huijsman, die das Projekt beim SVK ins Leben gerufen haben, einen Pool von rund zwölf Helfenden aufgebaut. Je nach Gruppengröße sind meist etwa acht davon in der Halle. „Wir hatten noch nie ein Problem an helfenden Händen – wir sind immer genügend, die hier gerne mit den Kindern arbeiten“, sagt Bogolin, die selbst in der zweiten Frauenmannschaft des SV Kornwestheim spielt.

Gestartet ist das inklusive Projekt im vergangenen November. Schon von Anfang an zeichnete sich ein positiver Trend ab. „Es wurde sofort sehr gut angenommen“, berichtet Huijsman. Damals begann man mit rund zehn Kindern – inzwischen sind es mehr als 15 im Alter zwischen etwa sechs und zwölf Jahren. Bei den Trainingseinheiten sind in der Regel zwischen zehn und 13 Kinder dabei.

Sportangebote für Kinder mit Beeinträchtigungen sind rar

Und sie kommen längst nicht nur aus Kornwestheim oder Ludwigsburg. Auch aus Markgröningen, Waiblingen oder Bad Cannstatt machen sich Familien auf den Weg. Denn Sportangebote für Kinder mit Beeinträchtigungen sind nach wie vor rar. Obwohl Inklusion vielerorts großgeschrieben wird, hinkt es häufig an der Umsetzung. Das spüren auch Bogolin und Huijsman – vor allem an der Dankbarkeit der Kinder und Eltern. „Den Kids macht es mega viel Spaß“, sagt Huijsman. Und Bogolin ergänzt: „Viele Eltern sind sehr erleichtert in dieser Stunde, die einige zum Teil als kleine Auszeit nutzen können, nicht voll Dasein zu müssen.“

Bei den Lucky Lurchis geht es nicht um Tore, perfekte Technik oder strenge Regeln. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Spaß haben. „Jeder darf bei uns machen, was er will“, erklärt Huijsman. So kann es durchaus passieren, dass ein Kind einen Großteil der Trainingszeit nur an der Sprossenwand hochklettert oder sich allein mit einem Ball beschäftigt. Ein Muss gibt es hier nicht.

Die Berührungsängste verschwanden bei den Teilnehmenden schnell. Foto: Melanie Bürkle

Ob dieses Konzept funktionieren würde, wussten die beiden Initiatoren zu Beginn nicht. „Wir haben uns schon gefragt: Was kommt da auf uns zu?“, erinnert sich Bogolin. Zwar hatten sie sich das Modell zuvor bei den Rankenbach Rockets in Renningen angeschaut und kannten das Projekt aus Norddeutschland – ein gewisses Maß an Unsicherheit blieb dennoch.

Die Berührungsängste verschwanden jedoch schnell. „Man wächst da schnell rein, und die Kinder machen es einem auch sehr einfach“, sagt Bogolin. „Mit jedem Training kennt man die Kinder besser. Wir haben ja keinen Steckbrief zu ihnen bekommen – und trotzdem funktioniert es“, ergänzt Huijsman. „Sie sind alle total umgänglich“, sagt Bogolin und gesteht schmunzelnd: „Wir dachten am Anfang, es sei anstrengender.“

Viele der Kinder haben keine sichtbaren oder körperlichen Einschränkungen. Ein großer Teil ist neurodivergent – etwa im Autismus-Spektrum, mit ADHS oder mit geistigen Beeinträchtigungen. Trotz der unterschiedlichen Bedürfnisse funktioniert das Miteinander erstaunlich gut. Streit oder Ausgrenzung? Fehlanzeige. Stattdessen prägen gegenseitige Rücksicht, Unterstützung und Akzeptanz das Trainingsbild. Und auch die Entwicklung der Kinder ist für das Trainerteam deutlich sichtbar. Seit dem Start vor vier Monaten haben alle Fortschritte gemacht – sportlich, aber vor allem auch im Umgang miteinander.

Die Gruppe darf auch nicht zu groß werden

Für die Zukunft haben Bogolin und Huijsman einen einfachen Wunsch. „Am liebsten würde ich sagen: Kommt alle“, sagt Bogolin lachend. Gleichzeitig wissen beide, dass die Gruppe nicht zu groß werden darf, damit weiterhin auf jedes Kind eingegangen werden kann. Noch sind die Türen bei den Lucky Lurchis aber offen. Interessierte Kinder können gern zu einem Schnuppertraining vorbeikommen. In rund vier Wochen steht sogar schon das erste Turnier in der sogenannten Glücksliga an. Das Ziel? Ganz klar: Spaß haben. „Wir gehen einfach mal hin und schauen, was kommt“, sagt Huijsman. Ganz im Sinne der Lucky Lurchis – nichts ist ein Muss, alles darf.

Die Lucky Lurchis trainieren freitags von 17 bis 18 Uhr in der Sporthalle der Theodor-Heuss-Realschule in Kornwestheim.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Inklusion