Inklusives Theaterprojekt in Waiblingen Was wahre Helden ausmacht

Von Annette Clauß 

Wie sehen echte Helden aus? Schülerinnen und Schüler des Waiblinger Staufer-Gymnasiums und der Comeniusschule haben dazu ein Theaterstück verfasst. Diese Woche ist es im Kulturhaus Schwanen zu sehen.

Warum sind immer die anderen die Chefs und  wir nie?  Vier Schüler bei der Generalprobe am Dienstag. Foto: Gottfried Stoppel
Warum sind immer die anderen die Chefs und wir nie? Vier Schüler bei der Generalprobe am Dienstag. Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Nervige Eltern, anstrengende Geschwister, ungerechte Lehrer: das Dasein eines Teenagers ist bisweilen ätzend. Kein Wunder, dass Nils der Kragen platzt: „Warum können wir nicht mal die Chefs sein, warum sind immer wir die Idioten und nie die Bestimmer?“ Mit einigen Altersgenossen sitzt Nils, gespielt von Luis, missmutig am flackernden Feuer auf der Bühne des Waiblinger Kulturhauses Schwanen und lässt seinem Frust freien Lauf. Die anderen nicken zustimmend. Helden sehen anders aus – oder?

Um „wahre Helden“ dreht sich ein gleichnamiges inklusives Theaterstück, das am Donnerstag und Freitag im Kulturhaus Schwanen zu sehen ist. Es stammt aus der Feder von knapp 20 Sechstklässlern des Waiblinger Staufer-Gymnasiums und der Comeniusschule, die Kinder mit einem Anspruch auf ein Sonderpädagogisches Bildungsangebot besuchen. Im normalen Schulleben wären sich diese Jungs und Mädels wohl nie über den Weg gelaufen, sagen deren Lehrerinnen Franziska Gawehn und Daniela Traballano.

Helden als Bedingung

Letzterer ist die Idee zu einem schulübergreifenden Theaterprojekt im Zuge ihres Referendariats an der Comeniusschule gekommen. „Ich habe gehört, dass das Staufer-Gymnasium eine theateraffine Schule ist und einfach mal Kontakt aufgenommen“, erinnert sich Daniela Traballano an die Anfänge vor fast genau einem Jahr. In Franziska Gawehn, die am Staufer-Gymnasium eine Theater-AG leitet und für die Oberstufe Literatur- und Theaterkurse anbietet, hat sie die passende Mitstreiterin gefunden, das Projekt soll auch im nächsten Schuljahr weiter laufen. „Wir sind ein gutes Team und ergänzen uns“, sagt Franziska Gawehn, deren Bedingung war, dass sich das Projekt um Helden drehen sollte.

Mit eben jenem Thema haben sich die fast 20 AG-Teilnehmer dann in diesem Schuljahr jeden Dienstagnachmittag beschäftigt: Wer sind ihre Helden, was zeichnet sie aus? Was ist mutig, was ungerecht? Solche Fragen galt es gemeinsam zu klären, dann haben die Teenies losgelegt mit Schreiben. „Bis in den Februar haben die Schüler Texte dazu verfasst, wann sie sich stark oder schwach gefühlt haben, wann sie Angst hatten und wann sie jemand geholfen haben“, erzählt Daniela Traballano. Ein Schüler, der trotz Höhenangst vom Fünf-Meter-Brett springt kommt ebenso darin vor wie eine Schülerin, die einem gehandicapten Mädchen nach einem Sturz wieder aufhilft.

Anonym verfasste Texte

Diese anonym verfassten Texte haben die Lehrerinnen allesamt abgetippt und so arrangiert, dass ein collageartiges, etwa 45 Minuten langes Stück entstanden ist. Die Rahmenhandlung bildet ein Zeltlager, bei dem die Teilnehmer in Rückblenden wichtige Szenen aus ihrer Erinnerung spielen.

Die Jugendlichen seien schnell miteinander warm geworden, sagt Franziska Gawehn, den inklusiven Aspekt des Theaterprojekts habe man nie groß hervorgehoben. Mit dem Schreiben der Texte sei es für die Schülerinnen und Schüler nicht getan gewesen: „Wir haben Körperhaltung trainiert und geübt, wie Chefs gehen.“ Weil viele Jugendliche weder aktive noch passive Theatererfahrung hatten, besuchte die Gruppe das Staatstheater Stuttgart und die Württembergische Landesbühne (WLB) in Esslingen. „Ich hatte Sorge, dass sie das kindisch finden, aber es hat ihnen sehr gefallen“, erzählt Franziska Gawehn.

Am Donnerstag und Freitag stehen sie nun selbst im Rampenlicht, verwandeln sich vor den Augen der Zuschauer vom frustriert-gebeugten Opfer in selbstbewusst-aufrechtstehende Menschen. Und das anfangs bieder um den Hals geschlungene Tuch wird entrollt zum Superhelden-Umhang. So sehen Helden aus.