Innenarchitektur in Stuttgart Upcycling – Studierende verleihen alten Möbeln ein neues Design

Studierende haben aus als neu gemacht. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Linda Behringer aus Stuttgart hat Innenarchitektur-Studierenden der Hochschule für Technik die Möbel und das Haus ihrer Oma als Lernplattform zur Verfügung gestellt.

Stuttgart - Da lag eine Urkunde vom Ex-Bundespräsident Horst Köhler zum 60. Hochzeitstag meiner Großeltern und ein Brief eines Cousins meines Opas von 1910, der in der USA Gold suchte!“ Linda Behringer zeigt auf die Schrankwand, die einst bei ihrer Oma stand und nun keine mehr ist. Aus dem honigbraunen Möbel, das in vielen Wohnzimmern der frühen 1960er-Jahre stand, wurde ein Raumteiler. Elena Czeschner und Anita Bülter, Drittsemester des Bachelor-Studiengangs Innenarchitektur an der Hochschule für Technik Stuttgart, haben die Teile der Schrankwand verschoben, sie neu, luftig zusammengesetzt. Was einst Rückwand war, bietet Sitzfläche und Regale, auf der einstigen Front öffnet sich ein Sekretär, Schubladen bieten Stauraum. In frischer Farbgebung: Schwarze Seiten fassen Elemente in Blau und im Original-Honigbraun.

 

Wertschätzung der hinterlassenen Möbel

Behringer ist begeistert – wie von den 23 anderen Entwürfen auch, die an diesem Morgen in der HfT als Ergebnis des Seminars „Möbelentwurf Dialog alt und neu“ präsentiert werden. Jedes Möbel birgt Erinnerungen: Sie stammen aus dem Haus in Möhringen, das sie von ihrer Oma und Mutter übertragen bekam. Nachdem ihre Großmutter starb und klar war, dass aufgrund der Substanz abgerissen werden muss, bot Behringer das 1952 gebaute Reihenhaus der Hochschule an. „Ich schaue gerne Fernsehsendungen an, in denen kreative Menschen aus alten Häusern schöne neue machen“, sagt Linda Behringer. „Das Haus kann als wunderbare Lernplattform für angehende Innenarchitekten dienen.“

Und so trafen sich dort im Sommer coronakonform rund 60 Leute – Innenarchitekturprofessor Karsten Weigel, Ingenieur Jürgen Aldinger, für Werkstatt und Koordination zuständig, samt Studierende. Jeweils Zweiergruppen wurde ein Stück zugelost, um ein Möbel ihrer Wahl zu konzipieren als Unikat oder Kleinserie, im Maßstab 1:1 auszuführen. Der Entwurf sollte Bestandteile, Details, Elemente, Materialien oder Beschläge der alten Stücke enthalten, so die Aufgabenstellung. „Tradition und Geschichte treffen auf Neues aus dem Hier und Jetzt. Die verwendeten alten Elemente oder Möbel können in gleicher- aber auch in einer anderen Funktion eingesetzt werden. Ein Stuhl muss nicht Sitzmöbel bleiben.“

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Eine Polsterlehne kann so zu einem Schaukelpferd werden, ein Badschrank zu einer Bar, ein Kronleuchter zu einer garderobenartigen Stehlampe oder ein Eckschrank in Chippendale zur Stau-Sitz-Kombi. Oder Stuhlsitzflächen zur ovalen, aufklappbaren Bar mit Kork ummantelt und Messinggriffen, wie bei Lea Klabunde und Lou Richter. Lucas Vielkötter und Lars Roth wiederum inspirierte das Bordeaux ihres Stuhls zu einer knallroten Kombination aus Stuhl-Ablage mit Raumtrenner.

Alte Handwerkskunst neu interpretiert

Josefa Poschmann und Emily Mayer implantierten indes eine Sitzschale mitten in ein Sideboard, Pia Kleiber und Sophie Münzmeier Blasenstrukturen in eine Kommode, was sie zum Weinregal wandelte. Alte Handwerkskunst beleuchteten Anne Bacher und Lillith Heizmann: Sie arbeiteten die düstere Platte eines ausziehbaren Esstischs auf, sodass nicht nur die Maserung des Nussbaumholzes neu erstrahlte, sondern auch die Intarsie in dessen Mitte, ein Stern. Entsprechend stellten sie diese auch auf neue, sternförmig angeordnete Holzbeine. Manche Entwürfe sollen auf der Messe Blickfang präsentiert werden.

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„Zu Recht, wunderschön“, so Linda Behringer sichtlich bewegt. „Oft aß ich hier mit meiner Großmutter. Ich wollte die alten Möbel nicht einfach auf den Müll schmeißen, sondern diese wertschätzen. Aufarbeiten und Upcycling ist auch ein wichtiges Thema für Karsten Weigel. Er verwies auf das Müllaufkommen: Im Jahr 2019 machten „Siedlungsabfälle“ 50,5 Millionen Tonnen aus, davon allein 28 Millionen Tonnen „Abfälle aus der Gewinnung und Behandlung von Bodenschätzen“. Und nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) stieg das Abfallaufkommen im Coronajahr 2020 der privaten Haushalte in Deutschland um vier Prozent an. „Wir müssen für Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit sensibilisieren“, so der Industriedesigner. Es gebe viele Möbel durch Wohnungsauflösungen. „Nicht alles muss neu sein. Es gilt, die Wertigkeit von Dingen zu erkennen, mit Materialien zu gestalten, die wiederverwendet werden können.“

Die Studierenden, die nach zwei Online-Semestern nun erstmals live arbeiten konnten, sind auch mit Feuer und Flamme am zweiten Teil des Projekts: Sie gestalten das Abrisshaus vor Ort in Möhringen. Behringer: „Die Studierenden lernen im echten Umfeld Designvorstellungen umzusetzen, Wände zu ziehen, Schränke einzubauen, Kunst zu installieren.“

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