Innenarchitektur So geht schöner Wohnen
Warum ein guter Innenarchitekt auch ein guter Psychologe sein muss und wozu man Innenarchitekten braucht. Besuche bei PurPur in Frankfurt und Ippolito Fleitz in Stuttgart.
Warum ein guter Innenarchitekt auch ein guter Psychologe sein muss und wozu man Innenarchitekten braucht. Besuche bei PurPur in Frankfurt und Ippolito Fleitz in Stuttgart.
Stuttgart - Wohnen kann doch jeder. Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, Stühle, fertig. Oder auch nicht. Schaut man sich um auf den Internetseiten, auf denen Immobilien feilgeboten werden, graut es einem. Vollgestellte Zimmer, Wohntrümmer, Zeug liegt auf dem Boden, auf Tischen, Kommoden. Andererseits sieht man im Internet auf Instagram schicke Wohnträume.
Aber warum wirkt das so behaglich, wie stellt sich solch eine Stimmung her? Es ist wie in der Kulinarik: Nur weil man einem Koch zuschaut, kann man selbst noch lange nicht kochen. Hier kommt der Innenarchitekt ins Spiel. Zwei Besuche bei zwei bemerkenswerten Könnern.
PurPur heißt ein Gestaltungsbüro in Frankfurt am Main, das sowohl für Firmen als auch für Privatkunden Räume gestaltet. Purpur, das ist eine Ansage: Farbe und Mut, Selbstbewusstsein auch. Purpur ist im alten Rom die Farbe der Toga von Triumphatoren und des Kaiser gewesen. Der Showroom, direkt zwischen dem Theater der Stadt und dem Flussufer gelegen, ist glamourös, elegant.
Katrin von Mallinckrodt und ihre Partnerin Maud Winkler-Momberger haben kürzlich eine denkmalgeschützte Altbauvilla umgestaltet, dafür auch einige Wände eingerissen, Räume erweitert. Und sie bekamen dafür eine Auszeichnung (nachzulesen in dem Buch „Best of Interior“, Callwey Verlag, München. 59,59 Euro). Tatsächlich beeindruckt der Umgang mit Mustern und Materialien, die mutige Farbigkeit, leuchtendes Gelb und Blau im Speisesalon; Nachtschwarz und Braun mit Ledercouches und einem Hexagon-Deckenmotiv im Herrenzimmer. Selbst Nichtraucher bekommen hier Lust auf Pfeiferauchen und Whiskyschwenken.
Die Kundin habe Farbe in der Küche gewünscht, sagt die Diplomdesignerin Katrin von Mallinckrodt. „Ich sagte, gerne! Aber bitte kein Yves-Klein-Blau“ – die typisch knallblaue Farbe, die der Maler Yves Klein häufig verwendete. „Die Kundin liebte aber Yves-Klein-Blau!“ Am Ende und nach Einbringen guter Argumente, berichtet sie, einigten sie sich auf ein sattes dunkleres Blau. Es gibt dem Raum Tiefe.
Davon, den Kunden allzu viele Wahlmöglichkeiten zu geben, hält die erfrischend resolut wirkende Katrin von Mallinckrodt wenig. „Die erste Assoziation ist oft die beste. Wenn der Kunde sich 200 Stühle im Internet anschaut, ist er am Ende überfordert. Wir beginnen meist mit einem Konzept, das groß gedacht ist. Wir provozieren gern und sehen an der Reaktion, in welche Richtung es gehen soll. Der Kunde soll sehen, was im Maximalfall alles möglich ist. Finanziell nach unten anpassen kann man das Konzept immer noch.“
Mit rund 1500 bis 2500 Euro Honorar pro Quadratmeter haben die Kunden bei PurPur zu rechnen. Das ist es, was Innenarchitekten ihren Kunden weitergeben – ihm zu vermitteln, wie er Harmonie im Raum schafft? „Ja“, sagt von Mallinckrodt, „wir denken ganzheitlich. Wir zeigen, wie kann ich Farben, Material, Licht so kombinieren, dass man sich wohlfühlt – und zwar nicht nur heute, sondern möglichst auch noch in zehn Jahren. Der Mensch muss empfinden, das bin ich.“
Vor dem Einrichten steht also das Reden. Das sagt auch You Seok Kirschenmann, Project Director bei der Ippolito Fleitz Group. Das Büro unterhält Dependancen in Berlin und Shanghai, außerdem Partner-Büros in Zürich und Moskau. In der Zentrale in Stuttgart gibt’s keinen Showroom, hier dient als Ausweis des Tuns die Internetseite. Findet das erste Kennenlerngespräch im Büro im Stuttgarter Westen statt, überzeugt sich der womöglich noch wankelmütige Kunde von den zahlreichen Auszeichnungen, die im Entree hinter Glasrahmen aufgehängt sind.
Das Team konzipiert Ausstellungsflächen für Firmen auf Messen, entwirft mitarbeiterfreundliche Büros, gestaltet aber auch mal ein sexy Bad auf sechs Quadratmetern für eine 97 Jahre alte Dame. Über Honorare spricht man hier nicht gern, doch Marius Dittert, Sprecher von Ippolito Fleitz, versichert, auch Menschen mit normalem Einkommen seien mögliche Kunden.
Bevor man den Kunden ein Konzept vorstellt und dann auch übers Finanzielle spricht, steht das Gespräch an. Gelegentlich der Fall sei, dass der Kunde eine Carte blanche verteilt und sagt: „Macht mal.“ „Das kann so weit gehen, dass wir auch Kunstwerke aussuchen, weil der Kunde zwar Geld hat, aber eben nicht die Zeit oder die Expertise“, sagt Dittert. Wer schnell viel Geld verdient, hat sich nicht zwangsläufig auch schnell viel Geschmack angeeignet.
Manchmal geht es Innenarchitekten wie den Friseuren, wenn ein Kunde mit einem Foto von Justin Timberlake kommt und sagt, so will ich auch aussehen. „Wir versuchen herauszufinden, was genau an den herausgerissenen Seiten aus Wohn-Magazinen zu den Bedürfnissen des Kunden wirklich passt“, sagt die Architektin You Seok Kirschenmann, Project Director bei Ippolito Fleitz.
Ein guter Innenarchitekt ist eben auch ein guter Psychologe. „Man muss gut zuhören können. Manchmal kommen Kunden mit einem Gefühl: Gemütlich soll es sein“, sagt You Seok Kirschenmann. Doch darunter versteht jeder etwas anderes. Manchmal ist es einfach so, dass die Kunden Holz gern mögen.“ Haben beide Parteien festgestellt, dass „die Chemie stimmt“, machen die Experten Entwurfsvorschläge. „Wir präsentieren nie ein und denselben Stil, unsere Konzepte sind so individuell wie unsere Kunden.“
Das Stuttgarter Büro beherbergt eine imposante Sammlung an Stoffproben, Fliesen-Exemplaren, Holzmustern. Hier stellen die Experten auch sogenannte Moodboards her – eine Sammlung von Farben, Materialien, Möbelbeispielen. Die sollen dem Kunden ein Bild für die Gestaltung vermitteln. Kirschenmann: „Wenn wir es gut gemacht haben, sagt der Kunde, genau das meinte ich, hätte ich mir aber so nie vorstellen können.“
Neben psychologischem Feingefühl ist zuweilen Argumentationskraft vonnöten. You Seok Kirschenmann erzählt von Diskussionen über eine Küche. Der Kunde wollte schlichtes Weiß, doch das passte nicht zum Rest der Konzeption. „Am Ende sagte der Kunde, die Küche so zu gestalten, wie wir es vorgeschlagen hatten, sei die beste Entscheidung überhaupt gewesen.“
Innenarchitekten helfen im besten Fall, etwas zu wagen, sei es eine ungewöhnliche Farbgebung, seien es Möbel, wie sie nicht auf jedem Schön-Wohnen-Portal zu sehen sind. Es gilt: kein Glück ohne Mut.
Rund 6000 Innenarchitekten verzeichnet die Bundesarchitektenkammer. 55 664 Euro ist der durchschnittliche Jahresverdienst eines angestellten Innenarchitekten. Innenarchitekten sind nicht nur für die Einrichtung zuständig, sie dürfen auch Wände einreißen und versetzen, und sie entwerfen gelegentlich Möbel und Einbauten für den Kunden.
Guter Stil, sagt die Architektin You Seok Kirschenmann von Ippolito Fleitz in Stuttgart, besteht aus einer spannenden Komposition. „Es muss nicht alles teuer sein, man kann Basics und ein hochwertiges Highlight kombinieren. Manchmal passt ein Designstück auch gut zum Sessel der geliebten Uroma.“ Wer sich neu einrichtet, „sollte sollte mutig sein und sich auf Neues einlassen wollen“, sagt Kirschenmann. Und auf das Zusammenspiel von Licht, Farbe, den Materialmix achten, sagt Katrin von Mallinckrodt von PurPur aus Frankfurt. Proportionen sind wichtig: Bedeutet, man sollte nicht zu große oder zu zierliche Möbel kaufen, denn sonst sieht der Raum vollgestellt aus oder die Dinge wirken verloren. Renoviert man sein Zuhause lediglich, sollte man prüfen, wovon man sich wirklich trennen kann, sonst hat man am Ende zwei Couchtische im Wohnzimmer stehen. Grundsätzlich hilfreich: Ausmisten und Aufräumen. Katrin von Mallinckrodt: „Unordnung bedeutet Desinteresse dem eigenen Leben gegenüber. Und Unordnung ist despektierlich dem Raum gegenüber.“
Innenarchitekten sind auch bei der Gestaltung von Arbeitsorten gefragt. „Wir müssen die Leute begleiten, Flächen proportionieren, an Rückzugsmöglichkeiten denken“, sagt Katrin von Mallinckrodt. Akustik und Schallschutz sind wichtige Themen. „Menschen arbeiten heute oft im Team, aber sie müssen die Möglichkeiten haben zu agieren. Dazu schaffen wir dann kleine Konferenzräume, Denkorte, Telefonboxen, wo man ungestört arbeiten kann.“