Innenarchitektur: Vegane Wohnung Schön wohnen im Grünen
Wie man eine Wohnung vegan und mit Mut zu Farbe und Materialmix gestaltet, zeigt die Architektin Ester Bruzkus mit einem preisgekrönten Entwurf in Berlin. [Archiv]
Wie man eine Wohnung vegan und mit Mut zu Farbe und Materialmix gestaltet, zeigt die Architektin Ester Bruzkus mit einem preisgekrönten Entwurf in Berlin. [Archiv]
Berlin - Spätestens ein paar Monate nachdem die Umzugskartons ausgepackt sind, merkt man: Ach, ein größerer Eingang wäre doch praktischer gewesen! Der Weg von der Küche zum Salon – viel zu weit. Und das Bad wäre auch besser näher am Schlaf- als am Wohnzimmer.
Klug, wer also nicht später umständlich umbaut, sondern vorher Kenner die Baupläne anschauen und ändern lässt. Im besten Fall ist das Ergebnis dann ein loftartiges Zuhause – mit einer sattgrünen Wohnzauberbox. So geschehen in einem 120-Quadratmeter-Neubau in Berlin, den die Architekten Ester Bruzkus und Peter Greenberg entworfen haben.
„Die Bauherren Niklas Noack und Moritz Ulrich haben mich gleich nach dem Kauf der Wohnung angesprochen“, sagt Ester Bruzkus. Noch nicht einmal der Rohbau stand, die Bauherren hatten nur die Pläne auf Papier: „Das war großartig. So konnten wir von Anfang an den Grundriss infrage stellen, auf die Lebenswünsche der Bauherren reagieren.“
So ein Projekt von der Planung bis zur Ausführung von Architekten begleiten zu lassen, ist auch deshalb sinnvoll, weil Entwürfe während des Baus immer wieder neu justiert werden müssen. Manche Handwerker, so berichten Architekten häufig, sagen – egal ob bei Böden, Wänden oder Einbauten – erst einmal: Das geht nicht. Ester Bruzkus bestätigt das: „Als Architektin weiß ich – es geht doch. Und dann muss man dafür kämpfen und seine Ideen logisch erklären.“
Die Bauherren mussten nicht überzeugt werden, sie kannten Ester Bruzkus’ Arbeit, auch ihre 2018 als Interieur des Jahres gekürte Wohnung, die ebenfalls mit Einbauten und geschickter Aufteilung fließende Übergänge und ein Gefühl der Offenheit schafft: „Hauptgrund unserer Entscheidung“, sagen denn auch die Bauherren, „war unsere Begeisterung für Esters eigene Wohnung.“
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Ein Besuch in Ester Bruzkus’ preisgekröntem Apartment.
Gewünscht hatten sie sich ein Zuhause „mit einem Grundriss, bei dem die Großzügigkeit des Objektes erhalten bleibt“. Gekauft hatten sie aber eine Wohnung mit klassischem, rechteckigem (20 Meter Länge, sechs Meter Breite) Grundriss: fensterloser Flur, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, an den Längsseiten bodentiefe Balkonfenster.
Für mehr Offenheit wurde zunächst einmal auf einen Flur verzichtet, ebenso auf ein Gästezimmer. Die Idee mit der 9,5 Meter langen und 3,3 Meter breiten Box allerdings kam von den Architekten.
Wer nun die Wohnung betritt, schaut auf einen großzügigen Wohnbereich mit offenem Kamin, Sofa, Piano und Bibliothek. Die vielen Bücher stecken quasi in einer grün lackierten Box, die überdies viel Stauraum bietet. Auf den Längsseiten sind Küche und Badezimmer – sowie eine ausziehbare Sauna.
„Wir waren wirklich offen für alles und haben uns gleich in den Vorschlag verliebt“, sagen Niklas Noack und Moritz Ulrich. „Der Grundriss vereint den Luxus einer Hotelsuite mit der Offenheit eines Lofts. Alles geht harmonisch ineinander über und genau diese Balance überträgt sich auch auf uns und unsere Gäste.“
„Die Farbe der Box kam allerdings erst kurz vor dem Baustart“, sagt Ester Bruzkus. „Die Box brauchte einen Kontrast zu dem hellen Eichenparkett auf dem Boden, zu den unverputzten Betonwänden und dem vielen Glas. Es hätte auch ein dunkles Grau werden können, wir haben dann intuitiv Grün gewählt.“
Das satte Grün, das Ester Bruzkus vorgeschlagen hatte, gibt einen Hinweis auf den Mut der Bauherren zu Farbe. Und auf ihren Sinn für feinen Humor, sie leben nämlich auch vegan. Das heißt, nicht nur im Kühlschrank der Küche gibt es viel Grünes, in der ganzen Wohnung wollte man möglichst ohne Tier auskommen.
Weil offene Wohnräume aber gern mal mit Teppichen zoniert werden, liegt hier nun also auch ein Teppich aus botanischer Seide. Florale Elemente finden sich außerdem im Schlafraum bei dem Stoffentwurf hinter dem Bett. Kenner wissen, das Muster ist von dem Wiener Architekten Josef Frank aus den 1940ern.
Nicht ganz so glücklich war der Beginn des Baus, pünktlich zum Start der Pandemie. Bauarbeiten und die Arbeit in Ester Bruzkus’ Büro gingen weiter, „wir haben ein 300 Quadratmeter großes Büro mit 15 Angestellten, da hatten wir ausreichend Platz, das ging gut.“ Doch einige bemusterte Steine etwa konnten nicht aus Italien geliefert werden. „Wir sind dann zu einem lokalen Steinhändler gegangen“, sagt Ester Bruzkus. „Der grüne Marmor fürs Bad war zum Glück schon beauftragt.“
Schaut man sich um, sieht man von diesen widrigen Umständen – genau: nichts. Schon der Kamin ist sensationell. Messingverkleidung, rosafarbener Travertin, eine braungraue Steinbank bis zum Terrassenfenster, selbst das Holz fürs Feuer ist so apart angeordnet, dass das Ensemble wie ein Bild ausschaut. Die Sofafarbe greift das Messing auf, der brombeerfarbene Teppich den rosa Stein.
Es zeigt sich ein guter Mix aus kühlen und warmen Tönen, eine Sorgfalt und Liebe zum Detail, wenn etwa die Fläche hinter den Eingriffen an hellgrauen Schränken in zartem Rosé gehalten ist. Ester Bruzkus: „Alles wurde von uns entworfen, jeder Handgriff, jedes Einbaumöbel.“
Das ist es auch, was die ganz offenkundig glücklichen Bauherren schätzen und loben: „Ester ist eine Meisterin darin, Opulenz leicht wirken zu lassen und ein Potpourri aus Farben und Materialien gekonnt miteinander in Einklang zu bringen.“ Die Jury des Best-of-Interior-Preises 2021 sah es genauso und belohnte das Projekt mit dem ersten Preis als das beste der 50 ausgewählten Wohnkonzepte.
Info
Newsletter Architektur und Wohnen
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben, was vor Ihrer Haustür und in der Welt passiert? Mit den kostenlosen E-Mail Newslettern der Stuttgarter Zeitung erhalten Sie hier auch zum Thema Architektur und Wohnen unter StZ Bauwelten wichtigsten Nachrichten und spannendsten Geschichten direkt in Ihren Posteingang.
Dieser Text erschien erstmals am 10.12.2021.