Innenstadt-Belebung Tango-Tanz und Segelboote

Freizeit in der Stadt am Rand der Fellbacher Sommerstraße Foto: Gottfried Stoppel

Was mit der Fußball-WM 2006 seinen Anfang genommen hat findet mit den Sommerstraßen seine Fortsetzung: Zur Belebung der Innenstädte gibt es immer mehr Programm auf öffentlicher Fläche.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Als Zeitpunkt, an dem die zuvor als strebsam, ordentlich und bieder geltenden Deutschen ihr Faible fürs Feiern auf der Straße entdeckt haben, gilt gemeinhin die Fußball-WM 2006. Mit dem Sommermärchen im eigenen Land wuchs die Lust auf südländisches Flair, statt mit Nüsschen und Bier auf dem Wohnzimmersofa wurde der Weg der Klinsmann-Truppe ins kleine Finale mit Vorliebe unter freiem Himmel verfolgt.

 

Sich zuvor allenfalls höflich im Treppenhaus grüßende Nachbarn trugen plötzlich ihre Fernseher in den gemeinsamen Hinterhof, in der Kleingartenanlage am Ortsrand wurden zumindest bei Partien der deutschen Nationalmannschaft regelmäßig die Würstchengrills und Flimmerkisten aufgebaut. Beim Public Viewing vor der Riesenleinwand bejubelten zigtausende Fans jeden Treffer – und machten sich nach dem Schlusspfiff zum Leidwesen vieler Anwohner im Autokorso auf zum stundenlangen Hupkonzert.

Hinterhof-Fernsehen und Hupkonzerte

Bemerkenswert an der Sommermärchen- WM war nicht nur die Leistung von Straßenreinigung und Müllabfuhr, die nächtlichen Feierstätten bis zum nächsten Morgen halbwegs präsentabel aussehen zu lassen. Der über Wochen andauernde WM-Ausnahmezustand führte als Nebeneffekt auch dazu, dass viele Menschen in Sachen Outdoor-Events dauerhaft auf den Geschmack kamen.

Zwar sind klassische Flaniermeilen im Speckgürtel rund um die Landeshauptstadt rar gesät, der in Spanien oder Italien als Abendgestaltung geltende Schaufensterbummel fällt in der schwäbischen Provinz oft reichlich kurz aus. Und städtebaulich kennt die Region weder einen Boulevard noch eine Piazza – zumindest keine, auf der man sich an lauen Sommerabenden spontan mit Freunden treffen oder sich mit Bekannten auf ein Glas verabreden möchte. Nicht erst in der Corona-Krise ist klar geworden, dass deutsche Innenstädte in den Abendstunden alles andere als belebt sind – wenn nicht gerade ein gastronomisches Angebot das Publikum lockt, sind Einkaufsstraßen spätestens mit Ladenschluss wie leer gefegt.

Der Einzelhandel reicht für eine belebte Innenstadt nicht mehr aus

Das könnte sich in nächster Zeit ändern. Denn mit Blick auf die Hitzesommer der vergangenen Jahre und ein auch in den Nachtstunden kaum sinkendes Thermometer denken auch im Rems-Murr-Kreis mehr und mehr Kommunen über Zusatz-Angebote für die Belebung der Ortskerne nach. Gereift ist nicht nur die Erkenntnis, dass es nichts nützt, ständig nur vom Wunsch nach mehr Aufenthaltsqualität zu reden. Unter City-Managern und Stadtmarketing-Vereinen gilt inzwischen auch als Binsenweisheit, dass der Einzelhandel allein nicht ausreicht, um eine Stadt mit Leben zu füllen. Statt nur auf das zum Einkauf in die Innenstadt kommende Publikum zu setzen, gerät zunehmend auch das Thema Freizeitgestaltung in den Blick. Auf für den Autoverkehr provisorisch gesperrten Straßenzügen wird mitten in der Stadt ein Rollrasen ausgelegt, neben Liegestühlen und Sonnenschirmen gibt es Tischtennisplatten und kühle Getränke.

Als ein erster Versuch, beim Publikum mit einem besonderen Angebot zu punkten, darf beispielsweise die Sommerstraße Fellbach gelten. Verkehrsberuhigt und doch belebt will sie unter dem Motto „Fellbach flaniert“ bis zum 27. August mit einem bunten Programm aus Musik und Kunst, Bildung und Kultur für Belebung sorgen – und sowohl für Kinder als auch für Erwachsene etwas bieten.

Bauen durften Badewannen-Kapitäne auf der westlichen Kirchhofstraße unter der Anleitung der Kunstschuldozenten Thomas Hahn-Klinger und Michaela Tröscher jüngst kleine Segelboote und Dampfschiffe, die zur Jungfernfahrt in ein Schwimmbecken gesetzt wurden. Der Ansturm bei dem vom Kulturamt organisierten Programm war mit weit über 100 Kindern so groß, dass bereits nach zwei Stunden der letzte Mast verbaut war. An diesem Mittwoch, 12. Juli, sollen Freundinnen und Freunde des Tango Argentino auf ihre Kosten kommen.

Von 18 bis 22 Uhr können tanzbegeisterte Besucher unter freiem Himmel in den Rhythmus der Musik eintauchen, ein Tango-DJ legt auf, an einer Cocktailbar werden stilechte Getränke gemixt. Dass es bei der Werbung für das auch am 26. Juli,9. und 23. August stattfindende Event nicht wirklich rund gelaufen ist, weiß auch Ideengeber Pit Neumann. Dennoch hofft er auf gute Resonanz der Tango-Fans. „Die Region Stuttgart gilt bundesweit ja als Tango-Hochburg – da könnten eingefleischte Fans schon auch den Weg nach Fellbach finden“, sagt er.

Tango soll die Besucher im Sommer nach Fellbach locken

Für die Möblierung der Sommerstraße gab es in Fellbach auch Fördergelder des Landes, die auf dem Fahrbahnbelag aufgestellten Pflanzbeete wurden nicht nur vom städtischen Bauhof, sondern auch von der Garten-AG der Wichernschule gestaltet. Auch in Schorndorf wird über eine Freizeitstraße nachgedacht – allerdings erst für die Jahre 2024 und 2025. Stößt das vom Weststadtverein angeschobene Projekt auch in der Lokalpolitik auf Gefallen, sollen die hintere Gottlieb-Daimler-Straße und die Schlichtener Straße bis zur Ecke Urbanstraße temporär zur „Sommermeile“ werden.

Erklärtes Ziel ist, durch mehr Platz für Gastroflächen die Besucherfrequenz zu erhöhen. „Das Projekt könnte die Abwärtsspirale aus fehlender Belebung, Problemen mit Sauberkeit und Sicherheit und leer stehenden Ladenflächen in diesem abgehängten Teil der Altstadt durchbrechen“, heißt es in einer Rathausvorlage. Von Pappe sind die Kosten für die Umgestaltung nicht: Schon im ersten Jahr wird eine Investition in sechsstelliger Höhe erwartet, die Kosten für den Unterhalt schätzt die Stadt auf 35 000 Euro.

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