Innenstadt Göppingen Verkehrsclub vermisst bei Stadt und Gemeinderat Gestaltungswillen

Geht es nach Heiko Stobinski, dann wird die Göppinger Marstallstraße künftig nicht mehr so aussehen. Der Sprecher der Kreisgruppe VCD zeigte beispielhaft für die Marstallstraße, wie die Altstadt in Göppingen umgestaltet werden könnte. Foto: Staufenpress

Fußgänger- und fahrradfreundlich müsse man sein – dann bleibe die Stadt Göppingen attraktiv. Das sagt der Verkehrsclub Deutschland und vermisst politischen Gestaltungswillen.

Die Diskussionen sind in allen Städten gleich.“ Petra Schulz vom Landesvorstand des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), die am Montagabend mit der Kreisgruppe Göppingen in die Stadthalle eingeladen hatte, erlebte eine leidenschaftliche und emotionale Diskussion, bei der sich freilich die Diskutanten weitgehend einig waren: Dem Fuß- und Radverkehr muss mehr Platz eingeräumt, der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden. Nur so bleibe auch die Göppinger Innenstadt attraktiv und lebendig und könne sich Einzelhandel weiterhin positionieren.​

 

Die Herausforderung, ein „fußgänger- und fahrradfreundliches Göppingen“ zu schaffen, will der VCD annehmen und hatte zunächst mit fundierten Zahlen aufgewartet, etwa einer wissenschaftlichen Erhebung des Deutschen Instituts für Urbanistik, die eindeutig ergeben habe, „dass die Umgestaltung der Innenstädte nicht zu Umsatzrückgang führt“, sagte Schulz. Im Gegenteil: „Weltweite Studien zeigen, dass die Umsätze abhängig sind von der Attraktivität der Stadt.“ Würden alle Parameter berücksichtigt, machten Kunden, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Stadt kämen, unterm Strich mehr Umsatz, als die mit dem Auto.

Gleichwohl hätten sich sehr viele Städte noch nicht auf einen entsprechenden Weg gemacht. So sei es etwa gut, zu überlegen, ob neue Parkhäuser gebaut werden sollten. „Sie zementieren Verkehr auf Jahrzehnte.“ Schulz verwies zudem auf einen Umstand, der in der allgemeinen Diskussion kaum eine Rolle spiele: „Der Autoverkehr verursacht dreifach höhere Kosten als der öffentliche Nahverkehr.“

Dass der neue Göppinger Landrat ausgerechnet den aber auf seiner Sparliste hat, stieß auf die Kritik von Heiko Stobinski, einem der Sprecher der VCD-Kreisgruppe. Er hatte einige Visualisierungen vorgestellt, wie die historische Altstadt gestaltet und in der Marstall- oder Freihofstraße Aufenthaltsqualität geschaffen werden könnte. Er rief die Verantwortlichen der Stadt auf, „Mut zur Umgestaltung zu haben“.

Gemeinderat wird als „erzkonservativ“ kritisiert

Gerade der Gemeinderat als Entscheidungsträger geriet mehrfach in die Kritik. „Alles dauert viel zu lange“, bemängelte eine Besucherin. Kritisiert wurde auch, dass es zwar viele Beteiligungsformate für die Göppinger gegeben habe. Aber „dann kommt der Gemeinderat und sagt, er lasse sich sein Entscheidungsrecht nicht aus der Hand nehmen. Das ist frustrierend.“ Eine weitere Besucherin wetterte: „Mit diesem erzkonservativen Gemeinderat tut sich nichts.“​

Auch die Verwaltung wurde mitverantwortlich gemacht, dass sich kaum etwas bewege und der Versuch der fußgängerfreundlichen Hauptstraße im vergangenen Sommer krachend scheiterte. Der Versuch habe nicht lange genug gedauert und deshalb keine verwertbaren Ergebnisse erbracht. Ein Vertreter der Stadtverwaltung sah den Versuch nicht als gescheitert an und betonte, dass Anregungen „sukzessive abgearbeitet werden“, die Verwaltung sich zwar neutral verhalte, aber aufgeschlossen sei.

Deutlich wurde auch, dass durchaus Interessenkonflikte zwischen Kunden und Besuchern der Innenstadt und den Bewohnern bestehen. „Im Gespräch bleiben und den Dialog führen, ist extrem wichtig“, sagte Petra Schulz. Eine ganz andere Lösung schlug ein Göppinger vor: „Machen Sie die gesamte Innenstadt zum verkehrsberuhigten Bereich. Davon profitieren alle.“ Das wiederum kann sich die Baubürgermeisterin Eva Noller „nicht vorstellen“. Sie betonte, dass sie bei keinem Thema solch extrem auseinanderliegende Positionen wie der Hauptstraße erlebt habe. „Es konnte kein Konsens erreicht werden.“ Ihre Intension sei in jedem Fall, den Verkehr in der Innenstadt zu reduzieren.​

Heiko Stobinski und die Kreisgruppe des VCD wollen an dem Thema dranbleiben und hoffen, dass ein jüngst von der Stadt in Auftrag gegebene Befragung, die mit überraschenden Ergebnissen aufwartete, „den einen oder anderen Gemeinderat zum Nachdenken bringen“.​

Mehrheit doch für autofreie Hauptstraße?

Innenstadt
Am Ende gab es beim jüngsten Innenstadtforum im Göppinger Rathaus eine faustdicke Überraschung: Markus Preißner vom Marktforschungsinstitut IFH Köln hatte darüber berichtet, dass die Mehrheit der 598 Befragten in der Innenstadt für die Sperrung der Hauptstraße für Autos gewesen sei. Die Befragung habe unmittelbar nach der damaligen und inzwischen wieder aufgehobenen Sperrung stattgefunden.

Meinungsbild
Stadträte und Einzelhandel monierten, dass die Daten im krassen Widerspruch zu ihren bislang gemachten Erfahrungen stünden. Oberbürgermeister Alexander Maier, der die Gemüter zu beruhigen versuchte, sagte, dass diese Daten der Stadt bei der Aufhebung der Sperrung noch nicht bekannt gewesen seien.​

Weitere Themen