Inneren Schweinehund überwunden Gummibärchen, Instant-Nudeln und Tränen – Magstadter schafft 100-Kilometer-Lauf

, aktualisiert am 08.02.2026 - 09:14 Uhr
Tobias Tischler verzichtete monatelang auf Musik, um sie in seinem größten Zwischentief für einen Push einzusetzen. Foto: Maximilian Schöbel

Zwischendrin dachte er immer wieder ans Aufhören. Getan hat er es nicht. Tobias Tischler aus Magstadt hat die 100 Kilometer am Stück vollgemacht. Wie hat er die Kraft dafür aufgebracht?

Volontäre: Maximilian Schöbel (scm)

Der siebte Schlag der Kirchenglocken erklingt. Die Straßen sind menschenleer. Nur einer steht unweit der Magstadter Kirche vor der Garageneinfahrt: Tobias Tischler. Während sich die meisten an diesem Samstagmorgen noch einmal im Bett herumdrehen, ist der 19-Jährige besonders aufgeregt. Denn er hat Großes vor. Er will das erste Mal in seinem Leben 100 Kilometer laufen – am Stück.

 

Die Straßenlaternen reflektieren seine neongelbe Jacke, auf dem Rücken trägt er einen Anderthalb-Liter-Rucksack, der ihn über einen Schlauch mit Wasser versorgt. Außerdem mit an Bord: spezielle Gels als Energiequelle, eine Banane und Gummibärchen. Auch wenn der Abiturient nicht weiß, was auf ihn zukommt, weil er zur Vorbereitung einmal „nur“ 60 Kilometer am Stück gelaufen ist, überwiegt die Vorfreude.

Tobias Tischler spürt nach 55 Kilometern erste Schmerzen

Es ist der unbändige Wille, der Tobias Tischler schon früh antrieb. Bereits mit elf Jahren reichte ihm der SV Magstadt nicht mehr, also suchte er die Herausforderung beim höherklassigen VfL Herrenberg. Sein großer Wunsch: Fußballprofi werden. Dieser Traum ist mittlerweile verflogen, doch der Hunger nach dem Maximum ist geblieben. Heute heißt das Ziel nicht Bundesliga, sondern 100 Kilometer.

Um dies zu erreichen, entscheidet er sich, zwei verschiedene Marathon-Distanzen ab Magstadt zu absolvieren und anschließend die restliche Strecke auf der Laufbahn des Floschenstadions in Sindelfingen zu bestreiten. Unterhalten wird der 19-Jährige immer wieder von Freunden, die nebenherjoggen oder ihn einige Kilometer auf dem Fahrrad begleiten.

Für den Sport verzichtet Tobias Tischler auf einige Dinge wie Alkohol. Für ihn fühlt sich das allerdings ganz normal an: „Ich sehe das nicht als Verzicht, sondern als Entscheidung. Ich weiß, was für meinen Körper jetzt gut ist, um langfristig zu wachsen.“

Tobias Tischler läuft um 7 Uhr los, um so lange wie möglich bei Tageslicht unterwegs zu sein. Foto: privat

Während die erste Runde fast wie von selbst läuft und sich Tobias Tischler zur Stärkung von zu Hause mal eben 5-Minuten-Nudeln abholt, quälen ihn nach etwa 55 Kilometern erste Schmerzen. Dazu kommt ihm plötzlich ein Gedanke: „Ich hab ja jetzt noch einen ganzen Marathon vor mir.“

Die Straße wird langsam zum Feind

Ein Gedanke der ihn belastet, aber nicht davon abhält weiterzumachen. „Ich hatte viele Momente, in denen ich mir dachte, Aufhören und Stehenbleiben wäre jetzt schon ganz geil.“ Umso länger die zweite Runde andauert, desto mehr wird die Straße zum Feind. „Plötzlich schrie alles in meinem Körper: Bleib stehen!“ Tränen kullern ihm über die Wangen. Momente, in denen sich alle Emotionen wie ein Lauffeuer in seinem Körper verbreiten. Und doch läuft er weiter.

Es ist aber kein Wunder, dass er in diesen Momenten nicht aufgibt. Das Erreichen von Zielen, die auf den ersten Blick aussichtslos sind, waren stets ein Teil von Tobias Tischler. „Ich will schon immer herausfinden, was in mir steckt“, sagt er. „Wenn ich ein Ziel erreicht habe, kann ich nur einen kurzen Moment stolz sein, bis ich mir denke: Da geht noch mehr.“

25 Kilometer vor dem Ziel droht der totale Systemabsturz. Tobias Tischler ist in einem Zwischentief gefangen, das tiefer sitzt, als alle zuvor. Er versucht es mit einem Motivations-Podcast, doch die Stimmen bewirken das Gegenteil. „Es hat sich angefühlt, als würde mir permanent einer von der Seite ins Ohr babbeln – und das konnte ich überhaupt nicht gebrauchen“, erinnert sich Tobias Tischler. „Ich war viel zu erschöpft, um mich zu fokussieren, was die da erzählen.“ Nach nur wenigen Minuten wechselt er zu Musik. Der absolut richtige Schritt.

Tobias Tischler empfindet im Ziel unbeschreibliche Glücksgefühle

Um sich mental auf den Lauf vorzubereiten, verzichtete er die Monate vor seinem Lauf auf jegliche Ablenkung dieser Art, um diesen Energieschub im entscheidenden Moment einsetzen zu können. Eine Art Notfallbatterie. Und dieser Schachzug geht komplett auf. „Die Musik hat so viel Energie aus mir rausgeholt, wie ich es lange nicht mehr gespürt hatte“, erzählt Tobias Tischler.

Mittlerweile hat er sich an die Schmerzen gewöhnt. Sein Ziel rückt näher. „Als ich an der Laufbahn angekommen bin, wusste ich: Ich werde es schaffen“, schildert Tobias Tischler. Auch wenn einem die blaue Bahn des Floschenstadions nicht als erstes als romantische Laufstrecke in den Kopf kommt, hat er sich ganz bewusst entschieden, die letzten zwölf Kilometer dort zu absolvieren: „Es hilft, zu wissen, dass meine Strecke nicht an einem Ort endet, den ich gar nicht kenne.“

Trotz der Überwindung der schlimmsten Phase ziehen sich die letzten Schritte wie Kaugummi. „Die Runden fühlten sich unendlich an“ erinnert sich Tobias Tischler. Kurz vor dem Ziel hört er plötzlich Geräusche. Dann sieht er, was los ist. Seine Eltern und seine Freunde stehen mit Musik, Lichtern und einem selbst gebastelten Zieleinlauf in freudiger Erwartung auf der Strecke.

Nach 10:38 Stunden reiner Laufzeit knackt er die 100 Kilometer. „Als ich über die Ziellinie gelaufen bin, hatte ich Glücksgefühle, die ich nie wieder so erleben werde“, beschreibt Tobias Tischler. Der Schüler legt sich erst mal auf den Boden. „Da ist der Körper komplett heruntergefahren, meine Beine haben wie verrückt gezittert, und ich konnte nicht mehr laufen“, beschreibt er.

In seinem Umfeld sind alle überwältigt. Doch nicht jeder kann die Dimensionen greifen. „Es gab Lehrer, die ungläubig versucht haben, die Aktion kleinzureden und meinten, ich sei die 100 Kilometer nur spaziert.“ Doch mit den Aufzeichnungen seiner Leistung konnte er auch letzte Zweifel beseitigen.

Wie geht es für den 19-Jährigen jetzt weiter? Interessant wäre für ihn ein Triathlon-Einstieg. Stillstand ist keine Option. Was auch immer es sein wird – die Unterstützung seiner Eltern hat er sicher. Auch wenn sie augenzwinkernd zugeben: „Wir machen uns schon Sorgen, was als nächstes kommt.“ Und wer weiß – vielleicht schlagen die Kirchenglocken in Magstadt bald für eine noch größere Herausforderung.

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