Innovation fördern Hype um Startups ist nichts für die Fläche

Von Moritz Meidert 

Baden-Württemberg hat zu Recht erkannt, dass Gründerförderung im Südwesten auch in der Fläche und in mittleren und kleineren Kommunen stattfinden muss. Das heißt aber auch, sich von manchem Hype um Startups zu verabschieden. Ein Gastbeitrag.

Ganz cool sein wollen – das kann in der Gründerförderung auch einmal schiefgehen, wenn Dinge zusammengebracht werden, die eigentlich nicht zusammenpassen. Foto: Pixabay/CCO
Ganz cool sein wollen – das kann in der Gründerförderung auch einmal schiefgehen, wenn Dinge zusammengebracht werden, die eigentlich nicht zusammenpassen. Foto: Pixabay/CCO

Stuttgart - Wann ist ein Hype ein Hype? Dann, wenn nicht nur in Berlin, nicht nur in Stuttgart, sondern in ganz Baden-Württemberg, also auch in den ländlich geprägten Regionen von der Ansiedelung von Startups die Rede ist? Wenn ohne das Wort „Startup“ keine Stadt, keine Region, kaum eine Kommune auszukommen glaubt? Nun denn, wir haben einen Hype. Oder?

Nicht erst, seit Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut das Thema für sich entdeckt hat, geht es gefühlt statt um Gründungen nur noch um Startups. Baden-Württemberg möchte mit dem Silicon Valley und mit Israel gleichziehen.

Seitdem – hauptsächlich bedingt durch die phänomenal gute Situation am Arbeitsmarkt – die absoluten Gründungszahlen im Sinkflug sind, wird von allen Seiten versucht, Startups zu forcieren. Das Bundeswirtschaftsministerium lässt erarbeiten, was auf welcher Ebene zu tun wäre, das Landeswirtschaftsministerium benennt die Initiative für Existenzgründung in „Startup BW“ um und diskutiert mit dem Wissenschaftsministerium, wer denn wohl für das Thema Startups an Hochschulen zuständig sei.

Beim Hype um Startups wollen alle dabei sein

Und landauf, landab wetteifern Kommunen im vom Landesministerium ausgerufenen Wettbewerb „Start-up BW local – Gründerfreundliche Kommune“ darum, die „schönste“ Kommune bei der Start-up-Förderung zu sein. Das Ganze führt zu zum Teil sehr faszinierenden Auswüchsen: Im Landesfinale zu besagtem Wettbewerb auf dem Start-up Summit BW im Februar standen sich unter anderem über die Bühne getragene Bäume, mittelalterlich gekleidete Bürgermeister und ein ominöser Start-up-Bus gegenüber.

Die einzelnen Wettbewerbsbeiträge schwankten zwischen „Wir haben doch jetzt einen coolen Raum, wo bleiben denn die Startups?“ und „Wir machen am besten alles, Hauptsache, es kommen Startups“. Die Frage eines Wirtschaftsförderers aus irgendwo im Nirgendwo zwischen Bodensee, Alb und Schwarzwald war bezeichnend: „Kenne se ons denn Schdard-abs aus Stuttgart hola?“ Nein, natürlich nicht. Nicht in einen Ort ohne Hochschule, Autobahn und nennenswerten Autobahnanschluss. Wie auch, wo es selbst in Stuttgart kaum Startups im eigentlichen Sinn gibt – also technologisch innovative Gründungen mit sehr großem Wachstumspotenzial.

Und was möchte eine Gemeinde mit weniger als 10 000 Einwohnern mit einem Hype um Startups? Diese wachsen wie zum Beispiel Zalando innerhalb von zehn Jahren auf mehr als 15 000 Mitarbeiter. Wie soll eine Stadt oder Gemeinde im ländlichen Raum oder selbst in verdichteten Gebieten das denn bewältigen? Und seit wann geht es in Baden-Württemberg darum, die Wirtschaft mit hochgezüchteten und hochriskanten Geschäftsmodellen statt bodenständigen (Familien-)Unternehmen zu füttern?

Eine gründerfreundliche Kommune sieht das ganze Grünungsspektrum

Nein, mit dem reinen Start-up-Hype wären wir alle auf dem Holzweg. Vielleicht entsteht das eine oder andere Start-up in Stuttgart, Karlsruhe oder Mannheim. Woanders? Eher unwahrscheinlich. Das sollte aber auch nicht das Ziel sein. Mit dem Titel des Wettbewerbs „Startup BW local – Gründerfreundliche Kommune“ hat das Ministerium aufgezeigt, dass verstanden wurde, dass Startups nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Im Gegenteil: Es geht darum, Gründerinnen und Gründer wertzuschätzen und sicherzustellen, dass Gründungsinteressierte eben nicht an bürokratischen oder Informationshürden scheitern.

Denn so leicht es wäre, sich über den Wettbewerb und die Bemühungen der Kommunen im Wettbewerb zu mokieren, so falsch ist das. Vor allem ist mit diesem Wettbewerb eines passiert: Das Thema Gründung hat bei kommunalen Wirtschaftsförderern stark an Bedeutung gewonnen, trotz rekordverdächtiger Beschäftigungszahlen und meistens satter Gewerbesteuereinnahmen.

Stuttgart ist nicht das ganze Land

In den Kommunen und Regionen sind im Zuge des Wettbewerbs wichtige Erkenntnisse entstanden. So zum Beispiel, dass Stuttgart nicht das ganze Land ist und es darum geht, eigene Wege zu gehen. Denn wenn wir ehrlich sind, ist das die Stärke, die das Land im weltweiten Wettbewerb auszeichnet: Aus einer vielfältigen Geschichte heraus steht Baden-Württemberg für zahllose lokale und regionale Impulse, die eine vielfältige und sich ständig neu definierende Wirtschaftsstruktur hervorbringen.

Zu den Erkenntnissen zählt auch, dass die Unterstützung von Gründungen ein Weg ist, dem anstehenden Strukturwandel zu begegnen. Denn heute weiß noch keiner, wie Automobilriesen und die zahllosen Automobilzulieferer den Wandel in ihrer Industrie überstehen werden. Auch ist noch sehr unsicher, wie sich die Digitalisierung mit allen Themen, die an diesem Trend hängen, auf Erfolg oder gar Bestehen von etablierten Unternehmen auswirken wird. Junge Unternehmen sind als permanente Frischzellenkur von großer Bedeutung. Sie sind Ideen- und Impuls­geber, beleben eingefahrene Wirtschaftsstrukturen, unterstützen beim Transfer der an den Hochschulen gewonnenen Erkenntnisse in die wirtschaftliche Umsetzung und beleben ganze Städte oder sogar Regionen.

Die Kooperationsbereitschaft wächst

Ein weiterer Erfolg des Wettbewerbs ist die steigende Kooperationsbereitschaft in Kommunen und Regionen. Bei den meisten Akteuren hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass es nicht darum geht, den „einen“ Akteur zum Thema Gründung zu haben. Weder die Kammern noch Kommunen, Hochschulen oder Regionen können allein zur zentralen Anlaufstelle für Gründer werden. Auch die Einbindung von privaten Akteuren. von ideellen Aktivitäten über professionelle Beratungen bis hin zu etablierten Unternehmen, wird wichtiger.

In einem Umfeld, dessen Herausforderungen nicht kleiner, sondern größer werden, wird dieses kooperative Denken ein Schlüssel zum erfolgreichen Bestehen sein. Wenn alle Akteure an einem Strang ziehen und Neid, Konkurrenzdenken und Animositäten außen vor lassen, kann eine wirklich erfolgreiche Entwicklung angestoßen werden. Zahlreiche Kommunen zeigen das mit ihren Konzepten. Und dazu gehören nicht nur die im Rahmen des Startup Summit BW im Februar ausgerufenen Gewinner Magstadt, Konstanz und die Ortenau.

Der Gastautor Moritz Meidert

Meidert ist „Kapitän“ des bundesweit tätigen Gründerservice-Unternehmens Gründerschiff mit Sitz in Konstanz. Nach dem Studium in Konstanz und Friedrichs­hafen hat er nach einer gescheiterten Unternehmensgründung, mehreren weiteren Gründungen sowie einiger Erfahrung als Gründungs­berater 2014 das Gründerschiff gestartet.

Das Gründerschiff begleitet mit ­regionalen Gründerschiff-Lotsen neben Unternehmens­gründern auch kleine und mittlere Unternehmen bei Innovations­projekten sowie Vorhaben, die den Gründergeist der eigenen ­Mitarbeiter fördern sollen. ­Außerdem bestehen Koope­rationen mit ­Hochschulen, Kommunen und Landkreisen.

Ziel ist es, Angebote für ­Gründer im Land besser zu verbreiten. Dabei werden auch Regionen abseits der Metropolen abgedeckt. Bei der aktuellen Runde des im Text erwähnten kommunalen Gründerwettbewerbs „Startup BW local“ hat man Teilnehmer beraten.