Innovationskultur Der Fortschritt sei eine Schnecke!
Die Fixierung auf das Tempo der Digitalisierung versperrt den Blick darauf, dass grundlegende Neuerungen viel Zeit brauchen – das zeigen auch die Corona-Impfstoffe.
Die Fixierung auf das Tempo der Digitalisierung versperrt den Blick darauf, dass grundlegende Neuerungen viel Zeit brauchen – das zeigen auch die Corona-Impfstoffe.
Stuttgart - Innovation – das bedeutet doch Geschwindigkeit? Wenn in den vergangenen Jahren vom technologischen Umbruch die Rede war, dann hieß die Überschrift immer: Wir müssen schneller werden!
Immer höhere Rechnerkapazität, immer mehr Daten, immer mehr Vernetzung. Den Langsamen droht der unvermeidliche Tod im Wettbewerb, so lautet das Credo. Tempo scheint ein Wert an sich. Die Lektion ist, dass sich nicht unbedingt das bessere, das perfekte Produkt durchsetzt. Nein, die Betaversion, die noch nicht ganz ausgereifte Produktbanane, die erst mit dem Feedback der Nutzer reift, ist das Leitmotiv der neuen Beweglichkeit. Computerfreaks, lässige Typen ohne Krawatte und mit um den Schreibtisch verstreuten Pizzakartons, zeigen deutschen Hochpräzisionsingenieuren, wo es langgeht: Ideen haben, sie schnell umsetzen, Fehler machen, verbessern und noch einen Anlauf machen. Perfektionismus ist der Feind des Fortschritts.
Und hat nicht auch die Coronapandemie gezeigt, wie Zaudern etwa bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens buchstäblich tödlich sein kann? Das Internet, die Datenwelt, Smartphone und Computer haben dieses Paradigma geprägt. Letztlich hat sich die ganze Innovationsphilosophie an einem ganz bestimmten, zugegebenermaßen omnipräsenten Bereich orientiert – der Informationstechnologie.
Kleine Start-ups zeigen dabei mit hemdsärmeliger Kreativität, wie Innovation funktioniert. Selbst Großkonzerne versuchen sich mehr oder weniger erfolgreich innovationskulturell anzupassen. Das reicht bis hin zu Äußerlichkeiten, bis zu Jeans und lässigen T-Shirts selbst in den Management-Etagen. In bunten „Design-Thinking-Workshops“ und Innovationslaboren versucht man das vermeintliche Geheimrezept für technologischen Fortschritt zu kopieren. Schnell Ideen ausspucken, Kreativität einfach einmal zusammenwürfeln – und sofort anpacken.
Doch wer genauer hinblickt, welche Innovationsphilosophie hinter den zurzeit so existenziell wichtigen Corona-Impfstoffen steckt, der erkennt, dass wirkliche, tiefgreifende technologische Entwicklungen nicht aus einem möglichst munteren Kreativ-Meeting hervorgehen, sondern eine lange Vorgeschichte haben.
Moment? War nicht die aktuelle Entwicklung von Corona-Impfstoffen rekordverdächtig schnell? Ja, aber die Technologie, die hinter den zurzeit erfolgreichsten Impfstoffen steckt, den mit Bausteinen von Erbmaterial arbeitenden mRNA-Vakzinen, gäbe es niemals ohne die jahrzehntelange Hartnäckigkeit ihrer Erfinder und der geduldig hinter ihnen stehenden Investoren. Bei Impfstoffen gibt es auch keine Betaversionen. Wie bei allen medizinischen Innovationen stehen dahinter langsame, rigide, manchmal bürokratische Genehmigungs- und Überprüfungsprozesse. Hier gibt es eben null Toleranz für Fehler. Bei Impfstoffen, die ja gesunden Personen verabreicht werden, ist das noch strenger als bei anderen Medikamenten.
Hinter den neuen mRNA-Impfstoffen steckt eine zähe, ursprünglich dem Elfenbeinturm der Wissenschaft entsprungene Grundlagenforschung, das geduldige Verstehen biologischer Prozesse, die Sturheit von an gründliche, zeitraubende Forschung gewöhnten Wissenschaftlern, die zuallererst Visionäre und dann erst Unternehmer sind.
Und diese Geschichte ist letztlich gar keine andere als die des aktuell so sehr im Mittelpunkt stehenden Innovationsbeschleunigers namens Internet. Diese revolutionäre Basistechnologie, die wir heute mit dynamischen Start-ups und Großkonzernen wie Google in Zusammenhang bringen, hatte anfangs mit langfristigen strategischen Interessen der USA zu tun. Das weltweite Netz ist ursprünglich aus einem Projekt des US-Verteidigungsministeriums entstanden. Und über mehrere Jahrzehnte blieb es die Spielwiese wissenschaftlicher Institutionen, bevor es dann Mitte der neunziger Jahre den Durchbruch auf dem Massenmarkt erlebte.
Auch diese revolutionäre Technologie machten nur wissenschaftliche Institutionen möglich, die Rückschläge und eine anfangs vermeintlich begrenzte Nützlichkeit nicht zu schrecken vermochten. Grundlegende technologische Innovationen brauchen viel Zeit, sehr viel Vorlauf, ganz am Anfang auch sehr viel staatliche Investitionen in Forschung und Universitäten. Sie benötigen das Bewusstsein eines großen Ziels am Horizont, keine rasche Kreativität, keine kapitalistischen Gewinnziele, keine Schnelligkeit. Sie fußen nicht auf atemlosem Tempo, sondern auf der Kunst der Langsamkeit.
Was wir in den vergangenen Jahren nicht nur als Konsumenten, sondern auch in den Unternehmen erlebt haben, war hingegen sehr stark von einer einseitigen Definition von Innovation geprägt. Die hatte letztlich einen dominierenden Tempogeber: den Trend zu schnellerer Datenverarbeitung und mehr Rechenpower. Und da Informationstechnologie in jeden Teil des Alltags eingreift, entstand die allgegenwärtige Assoziation zwischen Innovation und Geschwindigkeit.
Doch selbst physikalisch kommen hier die Grenzen allmählich in den Blick. Hinter der digitalen Revolution steht letztlich ein seit Jahrzehnten stabiler Trend: Es ist das sogenannte Moore’sche Gesetz, wonach sich die Leistungsfähigkeit von Mikrochips alle zwei Jahre verdoppelt. Erst in jüngster Zeit gibt es hier ein Anzeichen für eine Verlangsamung, weil am Ende hinter der Tempoverdichtung physikalische Prozesse stehen, die nicht endlos zu dehnen sind. Auch bei den im Alltag präsenten IT-Geräten hat es schon eine Weile keine Innovation mehr gegeben, die wie das Smartphone den ganzen Alltag umgekrempelt hat. Die Produkte werden besser, nicht radikal anders.
Doch etwas schneller zu sein und einen etwas größeren Datenspeicher zu haben, heißt noch lange nicht, dass dies eine unser Leben voranbringende Innovation ist. Je schneller das Tempo – umso größer das Risiko einer Sackgasse. Hat die IT-Revolution wirklich die fundamentale Produktivität der Wirtschaft gesteigert? Seltsamerweise gibt es etwa seit dem Jahr 2000 ein sogenanntes Produktivitätsparadox. Nach einem Schub von Mitte der neunziger Jahre bis Anfang der 2000er Jahre hat sich etwa in den USA dieser Zugewinn klar verlangsamt. Er liegt deutlich unter den Boomjahren von etwa 1940 bis 1970. Das stellt auch Ökonomen vor Rätsel. Eine Theorie ist, dass so manche modisch adaptierte IT-Anwendung gar nicht so nützlich ist, wie sie scheint.
Das war seit Ende des 18. Jahrhunderts bei den großen, epochalen technologischen Veränderungen immer anders, angefangen bei der Entwicklung der Dampfmaschine über die Eisenbahn und die Elektrotechnik bis zu Petrochemie und der Automobilindustrie. Dass wirklich grundlegende und die Produktivität langfristig steigernde Innovationen in jahrzehntelangen Perioden vorangehen, ist schon fast seit einem Jahrhundert bekannt. Kondratieff-Zyklen heißen die großen, langen Konjunkturwellen, in denen sich die tiefere ökonomische Substanz des technologischen Fortschritts widerspiegelt. Dies wurde vor 1926 erstmals vom russischen Wirtschaftswissenschaftler Nikolai D. Kondratieff postuliert. Er sprach von langen, etwa ein halbes Jahrhundert währenden Wellen der Weltkonjunktur. Sie wurzeln auf innovativen Technologien, welche Wirtschaft und Gesellschaft tatsächlich tiefgreifend umwälzen. Auch nach dieser Theorie hätte die seit den 70er Jahren andauernde IT-Revolution übrigens ihren Höhepunkt überschritten.
Es gibt auch schon einen Kandidaten für den Antreiber der nächsten technologischen Megarevolution, den sechsten Kondratieff-Zyklus. Schon vor der aktuellen Covid-Krise war in den am meisten entwickelten Ländern eine wachsende ökonomische Rolle des Gesundheitswesens zu beobachten, von der Biotechnologie bis zur Medizintechnik. So sind beispielsweise in den USA seit dem Jahr 2000 zwei Drittel der neuen Arbeitsplätze im Gesundheitssektor entstanden. In diesem Bereich ist gar keine grenzenlose Beschleunigung möglich. Die menschliche Biologie hat ihren eigenen Rhythmus. Medizinprodukte brauchen eine oft langwierige Verifizierung ihrer (sicheren) Wirksamkeit.
Die aktuelle Pandemie hat den Zwang zum Blick auf einen weiten Horizont auch in weiterer Hinsicht verschärft. Auf einmal sind Vorsorge und Resilienz wichtige Stichworte. Sie sind Felder, die sich für Tempo nicht eignen. Doch noch sind Wirtschaft und Gesellschaft nicht wirklich darauf eingestellt.
Gerade in der Pharmabranche ist zu besichtigen, wie falsche Anreize für Innovationen kontraproduktiv sein können. Die jüngste Diskussion über die Aufhebung des Patentschutzes für Impfstoffe zeigt dieses Missverständnis. Natürlich geht ein rasches Hochfahren der Impfstoffproduktion an der einen oder anderen Stelle schneller, wenn geistige Eigentumsrechte zunächst einmal hintanstehen. Doch damit würde nur ein Trend zum kurzfristigen Denken weiter angeschoben, der den medizinischen Fortschritt schon seit einigen Jahren hemmt. Denn für die Pharmabranche ist es schon seit Jahren kurzfristig lukrativer, bestehende Medikamente zu optimieren oder sich auch nur trickreich um den Patentschutz eines Konkurrenzprodukts herumzumogeln, als selber in langfristige Innovationen mit ungewissen Erfolgsaussichten zu investieren.
Ausgerechnet Start-ups, die oft einseitig mit Tempo assoziiert werden, können hier den nötigen langen Atem haben. Es waren neu gegründete Unternehmen wie Biontech und Curevac, die sich der unerprobten mRNA-Technologie zugewandt haben. Große Konzerne wie Pfizer oder die Curevac-Partner GSK und Bayer sind jetzt erst dazugestoßen, als sich der Erfolg bereits eingestellt hatte. Wer wirklich aus der Pandemie lernen will, der darf nicht nur an Produktionsfragen oder Logistik denken, wie es die Aufgabe des neu berufenen Impfstoffbeauftragten der Bundesregierung ist, sondern der muss sich um langfristige Forschung und Entwicklung kümmern.
Es ist an der Zeit, auch im Bereich der Innovation den Begriff der Nachhaltigkeit zu entdecken. Ja, in Krisen und Umbrüchen sind Reaktionsgeschwindigkeit und hohes Entwicklungstempo gefragt. Aber die wirklich großen, langfristig überlebensnotwendigen Innovationen gibt es eben nicht von heute auf morgen. Hier braucht die Umwälzung einen sehr, sehr langen Atem. Es benötigt viel Kapital, Weitsicht und vor allem auch Investitionen in eine Forschung, die nicht auf den nächsten Bilanzbericht schielt. Und dafür wird ein Akteur eine wachsende Rolle spielen, der beim Thema Innovation allzu oft als Bremser gesehen wird: der möglichst über Wahlzyklen und kurzfristige Erfolgsmeldungen hinausdenkende Staat.