Innovative Branche Retten, heilen, helfen

Von Peter Ilg 

Medizintechnische Produkte sind ein bedeutender Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor. Die Branche beschäftigt 190 000 Mitarbeiter, und die Zahl soll weiterhin steigen.

Die Medizintechnik gilt als besonders innovative, wachstumsstarke und zukunfts­trächtige Branche in Deutschland. Kardiolo­gische Implantate bringen schwache Herzen wieder in Rhythmus, Endoprothetik kranke Gelenke in Bewegung, künstliche Linsen machen trübe Augen klar. Medizintechnische Verfahren und Produkte verbessern die Lebensqualität, sie retten und erhalten Leben. Nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums gibt es rund 400 000 verschiedene Medizinprodukte.

Beispiele sind Geräte für Diagnostik, Chirurgie, Intensivmedizin, Implantate. Medizinprodukte sind ein bedeutender Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor. Nach Informationen des Bundesverbands Medizintechnologie in Berlin erwirtschafteten die Medizintechnikunternehmen in Deutschland 2013 einen Umsatz von 22,8 Milliarden Euro. Das waren 2,2 Prozent mehr als im Vorjahr. In den Jahren davor ist der Umsatz um 4,0, 6,9 und 9,4 Prozent gestiegen. Die Exportquote lag 2013 bei 68 Prozent und damit so hoch wie nie. Mitte der 1990er Jahre gingen lediglich rund 40 Prozent der Produkte ins Ausland. Medizintechnikprodukte aus Deutschland sind weltweit begehrt.

Neun Prozent des Umsatzes fließen in Forschung und Entwicklung

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit einem Welthandelsanteil bei medizinischen Produkten mit 14,6 Prozent an zweiter Stelle hinter den USA. Deutschland liegt auch auf Platz zwei hinter den USA bei Patenten. Ein weiterer Beleg für die Innovationskraft der Branche sind die Anmeldungen beim Europäischen Patentamt in München: Mit 10 679 Anträgen im Jahr 2013 führt die Medizintechnik die Liste der Technologiebereiche an. Medizintechnik ist innovativ und modern. Rund ein Drittel ihres Umsatzes erzielen die deutschen Hersteller mit Produkten, die höchstens drei Jahre alt sind. Um das zu erreichen, investieren sie kräftig. Durchschnittlich rund neun Prozent des Umsatzes fließen in Forschung und Entwicklung. Der Bundesverband prognostiziert weiteres Wachstum aus dreierlei Gründen. Der medizintechnische Fortschritt ermöglichte die Behandlung von Krankheitsbildern, die vor zehn oder 20 Jahren noch nicht behandelt werden konnten.

Zweitens gibt es durch die demografische Entwicklung immer mehr ältere Menschen. Und schließlich fragen Patienten Leistungen rund um ihre Gesundheit immer stärker selbst nach und sind bereit, für bessere Qualität und zusätzliche Dienstleistungen mehr zu bezahlen. Aktuell steht die Branche in Deutschland wegen des zunehmenden Preisdrucks durch Krankenhäuser sowie durch geringere Versorgungspauschalen bei medizinischen Hilfsmitteln unter Druck. Das ergab die Herbstumfrage des Verbands, an der sich knapp 100 Unternehmen beteiligten. 'Zwar liegt das für 2014 erwartete Umsatzwachstum bei 3,4 Prozent', sagt der Vorstandsvorsitzende des Medizintechnikverbands, Meinrad Lugan.

Die Gewinnsituation der Unternehmen sei allerdings rückläufig. 'Trotz der schwierigen Situation bleibt die Medizintechnik ein Jobmotor', sagt Verbandsgeschäftsführer Joachim Schmitt. Laut Umfrage hat die Hälfte der Unternehmen Arbeitsplätze geschaffen, nur wenige haben Personal abgebaut. 'Die Berufsaussichten für Fachkräfte bewerten 95 Prozent der Unternehmen als gut beziehungsweise sehr gut', sagt Schmitt. Gesucht sind vor allem Medizintechniker, Ingenieure, Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker. Die allermeisten Unternehmen gaben an, offene Stellen zu haben. Zwei Drittel der Firmen haben Probleme dabei, die Positionen zu besetzen. Rund 190 000 Mitarbeiter hat die Medizintechnikindustrie in Deutschland in gut 11 000 Unternehmen. Die Branche ist stark mittelständisch geprägt: Nur fünf Prozent der Unternehmen haben mehr als 250 Mitarbeiter.

Neue Herzschrittmacher-Modelle werden über 40.000 Stunden geprüft

15 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Forschung und Entwicklung. Nach Angaben des Verbands sind die Berufsaussichten in der Medizintechnologie für Ingenieure und Medizintechniker aus­gezeichnet. Und der Bedarf an Ingenieuren wird nach Expertenmeinung weiter steigen. Ein Grund dafür ist der Erfolg der medizintechnischen Unternehmen aus Deutschland auf dem Weltmarkt. Vor allem für Forschung und Entwicklung werden Ingenieure gesucht, aber auch für die Zulassung von Medizintechnikgeräten - ein Job, den häufig Ingenieure machen. Medizinprodukte durchlaufen umfangreiche technische Tests, bevor sie in klinischen Studien erprobt und beim Patienten angewendet werden.

Neue Herzschrittmacher-Modelle werden beispielsweise über 40 000 Stunden geprüft, bis alle erforderlichen Tests durchgeführt sind. Diese Testdokumentation steht dann den Zulassungsstellen zur Verfügung. Hinzu kommt ein speziell für Medizinprodukte eingeführtes Qualitätsmanagement-System, das Kon­trollen im technischen Labor oder Chargen- und Stichprobenprüfungen umfasst, wenn die Produktion angelaufen ist. Ingenieur-Absolventen verdienen in der Medizintechnik zwischen 42 000 und 46 000 Euro jährlich, was dem Einkommen von Ingenieuren der Elektrotechnik und des Maschinenbaus entspricht. Erfahrene Entwicklungsingenieure können 50 000 bis 60 000 Euro jährlich verdienen, meldet das Portal www.ingenieur-medizintechnik.de . Die drei wichtigsten Technologie-Trends der Medizintechnik sind laut Bundesministerium für Bildung und Forschung: Computerisierung, Miniaturisierung und moleku­lare Funktionalitäten.