Insekten im Rems-Murr-Kreis Besseres Sehen mit Turbanaugen

Von Michael Eick 

Dieses Insekt weist viele Besonderheiten auf: Der Fliegenhaft (Cloeon diptera) bewohnt zwei Lebensräume, lebt gerade mal drei Tage und hat vier Augen. Und er durchlebt mindestens einmal eine Art Auferstehung.

Dem Fliegenhaft ist von der Natur nur ein kurzes Leben vergönnt. Foto: Michael Eick
Dem Fliegenhaft ist von der Natur nur ein kurzes Leben vergönnt. Foto: Michael Eick

Fellbach - Manchmal verirren sich Insekten ins Haus, die ungewöhnlich sind. Diese schlanke Erscheinung sitzt mit nach oben gehaltenen Flügeln und aufwärts gebogenen Flügeln in Erwartungshaltung da, zwei lange Schwanzfäden stehen nach hinten ab, das vordere, deutlich längere Beinpaar nach vorne gestreckt.

Diese sogenannten Turbanaugen erinnern ein wenig an Lautsprecher

Das etwa ein Zentimeter lange Insekt hat vier Komplexaugen. Ein Augenpaar befindet sich da, wo man es bei Insekten üblicherweise findet – vorne seitlich am Kopf. Aber ein weiteres Augenpaar sitzt auf der Oberseite. Riesengroße, hoch aufgewölbte, ovale Augen mit gelblich-brauner Tönung. Diese sogenannten Turbanaugen erinnern ein wenig an Lautsprecher.

Das Tier, das hier in Lauerstellung sitzt, ist eine männliche Eintagsfliege, ein Fliegenhaft. Nicht alle besitzen solche Zusatzaugen, aber bei vielen Gattungen, so wie bei dieser, dienen diese nach oben gerichteten Organe dazu, wie hoch empfindliche Spezialkameras, die besonders für UV-Licht optimiert sind, ein Weibchen zu entdecken. Es geht um Fortpflanzung.

Nach dieser „Auferstehung“ folgt das Finale

Und dafür läuft die Zeit ab, wie der Name Eintagsfliege suggeriert. Tatsächlich bleiben die erwachsenen und geflügelten Tiere (Imagines) ein bis zwei Tage am Leben. Die ausgewachsenen Geschlechtstiere nehmen keinerlei Nahrung auf, sie haben verkümmerte Mundwerkzeuge und einen funktionslos gewordenen Darm.

Allerdings gibt es im Leben einer Eintagsfliege ein Stadium, das tatsächlich maximal einen Tag lang dauert, und das einzigartig und womöglich in Wahrheit namensgebend für diese Insekten ist. Es handelt sich um die Subimago, eine Art Zwischenschritt, aus dem dann nach jenem Tag das endgültig erwachsene Insekt, die Imago hervorkommt. Nach dieser „Auferstehung“ folgt das Finale.

Es genügt ihnen auch ein winziger Tümpel oder ein Regenfass

Die Eintagsfliegen schwärmen im Hochzeitsflug und paaren sich in der Luft. Daraufhin legen die Weibchen mehrere hundert Eier im Wasser ab und sterben anschließend, nachdem sie ihre ganze Energie für den Erhalt der nächsten Generation aufgezehrt haben. Fliegenhaft-Weibchen machen eine Ausnahme von der Verwandtschaft, denn sie können sogar zwei Wochen lang am Leben bleiben.

In langsam fließenden oder gar stehenden Gewässern leben die Larven in der Regel ein Jahr. Es genügt ihnen auch ein winziger Tümpel oder ein Regenfass. Algenbewuchs, Pflanzenreste und Einzeller dienen ihnen als Nahrung. Dank doppelter Kiemenblättchen am Hinterleib können die schnell schwimmenden Larven auch sehr geringe Sauerstoffkonzentrationen überleben. Sie häuten sich mehrere Male, bevor sie endgültig dem Wasser entsteigen. Fliegende Fliegenhafte kann man vom Frühjahr bis in den Herbst antreffen.

Eintagsfliegen - wichtige Wasserorganismen

Eintagsfliegen zählen zu den ursprünglichsten und ältesten Insektenordnungen überhaupt. Einschlüsse in Bernstein, die mehr als 100 Millionen Jahre als sind, belegen ihre frühe Existenz, manche Stammformen sind sogar fast dreimal so alt, wie Forschungen ergaben.

Nahrung für andere In Fließgewässern stellen Eintagsfliegenlarven die absolute Mehrheit, oft sind es mehr als 50 Prozent. Aufgrund ihrer großen Zahl sind sie sowohl im Wasser für Fische oder räuberisch lebende Wasserinsekten als auch später im fliegenden Stadium für Vögel und Fledermäuse eine überlebenswichtige Nahrung.

Gewässergüteindikator Für die Bewertung der Güte von Fließgewässern sind Eintagsfliegen von großer Bedeutung. Denn sie sind sogenannte Bio-Indikatoren. Da die meisten Arten von Eintagsfliegen nur wenig Gewässerverschmutzung vertragen, lässt sich in der Folge über ihr Vorkommen oder Nicht-Vorkommen relativ schnell ermitteln, wie es um die Qualität eines Baches oder Flusses bestellt ist.