Insekten im Rems-Murr-Kreis Die Falken unter den Wespen

Von Michael Eick 

Hornissen (Vespa crabro) sind imposante Insekten. Die Lebenserwartung der Arbeiterinnen indes ist kurz. Manche Hornissen sind auch im Herbst noch unterwegs – und zwar aus einem ganz bestimmten Grund.

Ganz nah dran: Zwei Wächterinnen beschützen den Eingang zu einem Hornissennest. Foto: Michael Eick
Ganz nah dran: Zwei Wächterinnen beschützen den Eingang zu einem Hornissennest. Foto: Michael Eick

Fellbach - Der Insektensommer ist vorüber, aber noch nicht für alle. Während sich die Mehrzahl der fliegenden Insekten verabschiedet hat, bekommen jetzt im Herbst Hornissen Frühlingsgefühle. An schönen, sonnigen Tagen begeben sich die Jungköniginnen zum Hochzeitsflug. Zu mehreren umkreisen sie ihr Heimatnest oder sammeln sich an markanten Plätzen in der näheren Umgebung, um sich dort zur Paarung einzufinden.

Sie erbeutet Insekten und leckt an Baumwunden Pflanzensaft

Zuvor hat ein ganzes Volk von mehr als 500 Tieren ein großes Nest errichtet und mehrere Generationen von Arbeiterinnen hervorgebracht. Mit dem Erscheinen der Jungköniginnen und Drohnen ist nun der Zenit überschritten, der Staat wird bald zugrunde gehen. Die alte Königin wird nicht mehr versorgt, sie wird ihr Nest verlassen und nach nur einem Sommer Regentschaft sterben. Im späten Frühjahr war sie an einem frostsicheren Versteck in morschem Holz oder im Erdboden aus ihrem Winterschlaf erwacht. Noch muss sie sich alleine durchschlagen. Sie erbeutet Insekten und leckt an Baumwunden Pflanzensaft. Nachdem sie einen geeigneten Nistplatz ausgekundschaftet hat, beginnt sie mit dem Nestbau. Ideal dafür sind Baumhöhlen.

Sie beginnt den Nestbau von oben mit einem kleinen Stiel

Da diese heutzutage jedoch rar sind, steht die Hornisse mittlerweile unter Naturschutz. Ersatzweise suchen Jungköniginnen auch Hohlräume in Gartenhäuschen, hinter Holzverkleidungen, auf Dachböden oder ähnlichem auf. Sie beginnt den Nestbau von oben mit einem kleinen Stiel. Dann kommen die ersten Waben, die wie bei Bienen und anderen Wespen typischerweise sechseckig geformt sind, dicht an dicht angelegt werden und nach unten offen sind. Sobald die erste Ebene aus etwa 50 Zellen fertiggestellt ist, legt die Königin, die im Herbst des Vorjahres befruchtet wurde, ihre ersten Eier und begründet den neuen Staat. Aus den Larven, die nach etwa einer Woche schlüpfen, werden nach einigen Wochen Wachstumszeit und einem mehrtägigen Puppenstadium die ersten Arbeiterinnen. Sobald das erste Dutzend von ihnen etwa Anfang Juli bereitsteht, um die Arbeit der Königin zu übernehmen, kann sich diese fortan voll und ganz aufs Brutgeschäft konzentrieren. Sie geht nun nur noch gelegentlich aus dem sicheren Nest, wo sie bestens bewacht ist.

In der Dämmerung und nachts gehen sie auf Nachtfalterjagd

Das Gebilde, ein hauchdünnes Kunstwerk aus Papier, kann über einen halben Meter hoch werden. Schicht für Schicht, Etage für Etage kleben die Arbeiterinnen kleine Stückchen aneinander. Das Material besteht aus fein zerkautem morschen Holz. Mit Speichel vermengt ergibt das ein stabiles und dennoch leichtes Material. Arbeiterinnen sind zwei- bis zweieinhalb Zentimeter groß, die Königin überragt sie noch einmal um bis zu einen Zentimeter. Hornissen sind charakteristisch gelb-schwarz gefärbt, an Kopf, Brust, Beinen und Fühlern gibt es auch rötliche Anteile. Wie bei den verwandten Arten sind Vorderkörper und Hinterleib durch eine dünne Wespentaille getrennt. Die Lebenserwartung der Arbeiterinnen ist kurz, gerade mal ein Monat. In dieser Zeit betätigen sich fleißig als Jägerinnen und fangen andere Insekten, wie Fliegen, Wespen oder auch Honigbienen. In der Dämmerung und nachts gehen sie auf Nachtfalterjagd. Die Brut wird über die Beute mit Proteinen versorgt. Die Arbeiterinnen selbst ernähren sich von Kohlehydraten und nehmen Baumsäfte zu sich oder laben sich besonders jetzt im Herbst an Fallobst.

Während die ausgeflogenen Jungköniginnen nach der Begattung einen Platz mit geeignetem Mikroklima als Unterschlupf für den herannahenden Winter suchen, sterben im Nest die letzten treuen Arbeiterinnen. Anfang November erlischt dann das letzte Leben im Nest und das Insektenjahr ist endgültig vorbei.

Am besten immer Abstand halten

Da sie akut in ihrem Bestand gefährdet ist, zählt die Hornisse zu den besonders geschützten Arten. Demnach darf sie nicht getötet werden, auch ihr Nest darf nicht zerstört werden. Die Entfernung eines vermeintlich störenden Nestes mit Genehmigung durch die Naturschutzbehörde ist nicht immer einfach möglich.

Abstand Wer sich in gebührendem Abstand von einem Nest aufhält, wird von Hornissen nicht weiter behelligt. Im Umkreis von etwa fünf Metern sind die Insekten jedoch durchaus wachsam und verteidigungsbereit. Sie stechen aber nie blindlings drauflos und haben ein sehr gelassenes Gemüt.

Verflogen Manchmal fliegt eine Hornisse aus Versehen in die Wohnung, manchmal auch nachts, wenn sie vom Licht im Zimmer irritiert werden. Die großen Brummer verschwinden, sobald man ihnen ein Fenster öffnet. Während eine Stubenfliege auch hundert Mal gegen die geschlossene Fensterscheibe neben dem offenen Fenster donnert, findet eine Hornisse den Weg nach draußen meist sofort und ohne Mühe.

Stich Ein Hornissenstich ist für einen gesunden Menschen keine Gefahr. Das Gift von Hornissen ist nicht wirksamer als das von Bienen oder Wespen. Es ist übrigens auch völlig egal, in welchen Körperteil man gestochen wurde. Aber es tut weh, der Stich ist eben eine Abwehrreaktion dieser Insekten.

Schmerz Oft wird der Stich einer Hornisse als schmerzhafter empfunden als der einer Wespe oder einer Biene. Das hat verschiedene Gründe: Eine Hornisse hat einen längeren und dickeren Stachel. Im Gift ist außerdem im Gegensatz zu Wespen- und Bienen Acetylcholin enthalten, ein Botenstoff des Nervensystems.

Allergie In seltenen Fällen kann ein Hornissenstich bei betroffenen Menschen eine allergische Reaktion auslösen. Das kann man an starken Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle sowie Nesselsucht erkennen. Es kann sich bis zur Atemnot verschlimmern. Deshalb sollte man bei solchen Symptomen schnellstmöglich einen Arzt aufsuchen. Eine Gefahr besteht nur, wenn man schon einmal gestochen wurde. Schwere Allergien entwickeln sich erst nach mehrmaligen Stichen derselben Art.