Insolvenz von American Apparel Die eigenartige Pleite einer Kult-Modemarke

Filiale von American Apparel (in ...): noch sind die Läden mit Ware versorgt. Foto: imago stock&people
Filiale von American Apparel (in ...): noch sind die Läden mit Ware versorgt. Foto: imago stock&people

Ihre besten Zeiten hat die Marke wohl hinter sich. Doch der Insolvenzantrag der deutschen Tochter von American Apparel kommt für die Mitarbeiter überraschend. Sie sollen die Turbulenzen beim Mutterkonzern in den USA ausbaden – und wehren sich nun.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)
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Stuttgart - Auf den ersten Blick läuft alles wie gewohnt in der Stuttgarter Filiale von American Apparel. Draußen wirbt die US-Modekette mit Rabatten von 30 Prozent auf „ausgewählte Styles“, drinnen sind die Ständer gut bestückt mit farbiger Freizeitkleidung. Immer wieder schlendern junge Leute in den Laden, der mitten in Stuttgart hinterm Königsbau, aber etwas abseits der Passantenströme liegt.

Erst bei näherem Hinsehen fällt ein Pappkamerad auf, dessen T-Shirt eine seltsame Aufschrift trägt: „Ich wurde von meiner Mutter im Stich gelassen.“ Auch die sechs anderen Filialen in Deutschland geben ihren Kunden kleine Rätsel auf. Nackte Schaufensterpuppen tragen da etwa einen ausgedruckten Appell auf dem Leib: „Hey L.A., please give me new Clothes“. Die Firmenzentrale in Los Angeles, heißt das, soll neue Klamotten liefern.

Fantasievoller Protest der Mitarbeiter

Es ist ein fantasievoller Protest der Mitarbeiter gegen Probleme, von denen in den Läden – noch – nichts zu merken ist. Anfang November, am Tag der US-Präsidentenwahl, hat die American Apparel Deutschland GmbH Insolvenz beantragt. Das Amtsgericht am Firmensitz in Düsseldorf ordnete das vorläufige Insolvenzverfahren an und bestellte einen örtlichen Anwalt, Wolf-Rüdiger von der Fecht, als vorläufigen Insolvenzverwalter.

Betroffen sind 250 Mitarbeiter in 26 europäischen Filialen, die von Düsseldorf aus gesteuert werden – allein neun in Paris. Dabei sei man nicht wirklich zahlungsunfähig, sagt der Betriebsrat, und selbst von der Fecht nennt den Antrag „überraschend“. Die Gründe lägen nicht in Deutschland oder Europa, sondern in „wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Muttergesellschaft in den USA“.

Schattenseiten der Globalisierung

Dort steckt American Apparel schon länger in der Krise, seit einem Jahr ganz akut. Deren Folgen treffen nun erneut und diesmal existenziell den Ableger in Deutschland. So wird die eigenartige Pleite zu einem Lehrstück über die Schattenseiten der Globalisierung – und darüber, wie es am Ende wieder die Mitarbeiter ausbaden müssen. Mit der Insolvenz, beklagt der Betriebsratschef Patric Reisige, wolle sich der Mutterkonzern „aus der sozialen Verantwortung ziehen“. Auch Christina Frank von der Gewerkschaft Verdi in Stuttgart sieht darin einen Präzedenzfall, wie über den Atlantik hinweg Rechte und Interessen von Arbeitnehmern ausgehebelt würden. Eigentlich müssten sich diese in den USA zur Wehr setzen, sagt sie, aber damit habe man „null Erfahrung“.

Einst war American Apparel eine Erfolgsgeschichte. 1989 von dem Kanadier Dov Charney (heute 47) gegründet, entwickelte sich die Modefirma prächtig. Mit ihrer schlichten, oft unbedruckten Freizeitbekleidung, die ausschließlich in den USA gefertigt wurde, avancierte sie bei jungen Leuten zum Kultlabel, ähnlich wie Abercrombie & Fitch oder Gap. Doch die Marken im mittleren Preissegment tun sich gegen die Billigkonkurrenz schon länger schwer – und American Apparel zudem mit seinem Gründer.

Kostspieliger Krieg mit dem Gründer

Lange passte der exzentrische Charney gut zum Image der Modekette. Seine sexuellen Eskapaden spiegelten sich in der anzüglich-provokanten Werbung. Doch dann wurden die Skandale, unter anderem um sexuelle Belästigung, der Firma zu bunt, 2014 drängte sie den Gründer hinaus. Charney wehrte sich mit allen juristischen Mitteln, am Ende vergeblich. Doch Anwälte und Prozesse kosteten American Apparel viel Geld. „Die Firma ist tot. Verloren. Sie kommt nie zurück. Sie wird nicht auferstehen. Es gibt kein happy end“, triumphierte der Verlierer in einem Online-Magazin.

Das wird sich nun weisen. Schon voriges Jahr musste die Muttergesellschaft in den USA einen Antrag auf Gläubigerschutz stellen. Unter Führung ihrer Anleihegläubiger versuchte sie einen Neustart, samt neuer Vorstandschefin. Mit Sparprogrammen und Personalabbau mussten auch die Ableger in Europa ihren Beitrag leisten. Es half offenbar wenig. Die Umstrukturierung war kaum abgeschlossen, da beantragte American Apparel nun erneut Insolvenz – diesmal womöglich final. Ein kanadischer Wäschehersteller will für 66 Millionen Dollar die Markenrechte erwerben, an den Läden, zumal in Europa, ist er nicht interessiert. Ob er zum Zuge kommt, entscheidet sich im weiteren Verfahren.

Lieferungen nach Europa eingestellt

Die Folgen spürt man jenseits des Atlantiks schon jetzt. Sämtliche Warenlieferungen an die Gesellschaften in Europa – die in Deutschland und eine in Großbritannien - würden eingestellt, erfuhr der Betriebsrat auf informellen Kanälen; eine offizielle Information gebe es nicht. Damit solle die deutsche Tochter, deren Geschäfte eigentlich ganz passabel liefen, gezielt in die Insolvenz getrieben werden. Besonders empört zeigte sich der Vorsitzende Reisige bei einer Betriebsversammlung in Stuttgart über die Nebenwirkungen einer Insolvenz. Gerade habe man einen Sozialplan ausgehandelt, um Kündigungen und Versetzungen wegen der Umstrukturierung finanziell abzufedern; die ersten Zahlungen hätten Anfang November fließen sollen. Nun, fürchtet er, könnten diese Ansprüche reduziert werden oder sogar ganz untergehen. Seine Hauptforderung: um das bevorstehende Weihnachtsgeschäft zu retten, müsse der Mutterkonzern die Tochterfirmen wieder mit Ware beliefern; das gebiete auch die soziale Verantwortung.

Noch gewährleisteten die Warenbestände einen „normalen Geschäftsbetrieb“, sagt der vorläufige Insolvenzverwalter von der Fecht. Löhne und Gehälter der Beschäftigten seien durch Insolvenzgeld gesichert. Derzeit, lässt er ausrichten, verhandele er „mit der amerikanischen Muttergesellschaft über Warenlieferungen“ – ganz im Sinne der Mitarbeiter. Die wollen sich weiter dagegen wehren, für die Turbulenzen in Amerika büßen zu müssen. Geplant sind Unterschriftenlisten, Aktionen in den sozialen Medien und an diesem Samstag Proteste vor allen Läden - auch in Stuttgart.

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