Jakob Johnson steht derzeit bei den Houston Texans unter Vertrag, ist aber auch Gesellschafter bei Stuttgart Surge. Foto: IMAGO/Imagn Images
Er stammt aus Stuttgart, spielt in der NFL – und ist auch Gesellschafter von Stuttgart Surge. Gegenüber unserer Redaktion äußert sich Jakob Johnson zum Aus des ELF-Teams.
Jakob Johnson ist gut beschäftigt. Seine Verletzung hat er auskuriert, und wenn die Houston Texans in der National Football League (NFL) antreten, ist der Fullback aus Stuttgart wieder ein Teil davon. Am Wochenende siegte er mit seinem Team gegen die Buffalo Bills, am kommenden Sonntag geht es gegen die Indianapolis Colts. Das Rennen um die Play-offs läuft. „Wir bereiten uns schon wieder auf das nächste Spiel vor“, sagt Johnson am Montagabend am Telefon – und könnte uneingeschränkt zufrieden sein. Wenn da nicht die Nachrichten aus der Heimat wären.
„Es wäre nicht so bitter, wenn die Aussichten nicht so gut gewesen wären“, sagt er. Der 30-Jährige beurteilt das zwar einerseits aus der Ferne, andererseits ist er ganz nah dran. Denn: Seit Februar 2022 ist er Gesellschafter des Stuttgarter Football-Projekts. „Zwar nur ein kleinerer“, schränkt er ein. Am Herzblut, das er reinsteckt, mangelt es dennoch nicht. Und „natürlich bin ich daran interessiert gewesen, dass das Projekt fortgesetzt werden kann“.
Das war nicht mehr möglich, weil die Franchise finanzielle Sorgen drückten, es noch unbezahlte Rechnungen gab. Und weil kein frisches Geld zur Verfügung stand, die Ausstände zu begleichen und seriös die neue Saison zu planen. „Du musst zum jetzigen Zeitpunkt Vereinbarungen mit neuen Sponsoren oder Investoren treffen“, erklärt Johnson, „aber das ist schwer zu machen, wenn du nicht weißt, wie und wo du im neuen Jahr spielen wirst.“ Der Fullback ergänzt: „Es hat ja keiner ein Interesse, in ein Team zu investieren, das aktuell keine Liga hat.“
Jakob Johnson beim Youth Camp in Stuttgart. Foto: Pressefoto Baumann
Fünf Jahre lang trat Surge in der ELF an. Aus Unzufriedenheit mit den Strukturen und der ELF-Führung spalteten sich neben den Stuttgartern im Laufe des Jahres zehn weitere Teams ab, schlossen sich in der EFA zusammen, wollten eine neue Liga gründen. Doch von der ist bislang nichts zu sehen. „Ich fand die Kritik an der Struktur der ELF berechtigt“, sagt Jakob Johnson, bedauert aber, wie es dann gelaufen ist: „Die EFA war eine gute Idee – aber zuletzt gab es da ja auch keine Einigkeit mehr. Mir scheint, die Situation ist festgefahren.“ Weder von der ELF, noch von der EFA lägen nun belastbare Pläne für das neue Jahr vor. „Das wird“, vermutet Jakob Johnson, „für viele Franchises ein Problem sein.“
Für Stuttgart Surge bedeutet es das Aus. Dabei, wiederholt der Mann, der im siebten Jahr in der NFL spielt, seien die Perspektiven doch gut gewesen. Jakob Johnson zählt auf: „Football bei der Surge wurde Jahr für Jahr professioneller, das Finale in der MHP-Arena haben fast 37 000 Fans besucht.“ Man habe Beziehungen zu großen Vereinen wie dem VfB Stuttgart geknüpft, Kontakte zu den Football-Clubs in der Region gehabt, habe an Bedeutung gewonnen und den NFL-Fans eine gute Möglichkeit geboten, Football auf gutem Niveau live zu sehen. Johnsons Fazit: „Die Surge im Vergleich von Jahr eins zu jetzt – das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.“
Das Aus kommt kurz vor dem Ziel
Der Rückschlag am Standort Stuttgart schmerzt den schwäbisch-amerikanischen Profi vor allem für seine Kollegen und Nachfolger. „Man hat den Talenten hier aus der Region eine Plattform und eine Perspektive gegeben“, sagt er und erzählt, dass zahlreiche der aktuellen Surge-Spieler in der Jugend der Scorpions aktiv waren, „als ich noch dort gespielt habe“. Auch um „Jungs“ wie Nick Wenzelburger, Ben Wenzler oder Louis Geyer sei es ihm gegangen, als er sich für die Surge engagierte.
Denn: „Meine Vision für den Football in Deutschland ist es immer gewesen, dass diese Franchises produktiv genug sind, die Spieler zu bezahlen und einen spannenden Wettbewerb zu bieten.“ Dabei sei es nie darum gegangen, dass die Akteure wie in der NFL Millionen erhalten können. Aber „noch vor einigen Jahren hattest du hier ja nicht einmal die Möglichkeit, auch nur ein bisschen Geld mit dem Sport zu verdienen“. Deshalb hätten „viele Jungs nach der Jugend relativ schnell aufgehört“. Die ELF habe das verändert. „So kurz vor dem Ziel zu sein, das Ganze zu etablieren, und nun aus der Spur geworfen zu werden durch eine Situation, für die du nichts kannst“, sagt Jakob Johnson, „das ist besonders bitter.“
Das Aus der Surge scheint besiegelt, so ein kleines bisschen Resthoffnung hat Johnson aber noch: „Ich würde mir wünschen, dass es irgendwie weitergeht – selbst, wenn das bedeuten würde, dass ich nicht mehr involviert bin. Wenn jemand kommen würde, der das übernehmen möchte – sehr gerne.“ Dass er am Ende auch Geld verlieren wird? Ist für ihn das kleinere Problem. „Das ist jetzt nicht die große Katastrophe“, sagt er, „mir ging es bei dieser Sache nie ums Geld.“ Sondern darum, „etwas von dem zurückzuzahlen, was mir der Sport gegeben hat“.
Deshalb hat er, gemeinsam mit der Surge, auch regelmäßig ein Jugendcamp in Stuttgart veranstaltet. Das, immerhin, soll es weiter geben.