Insolvenzverfahren bei Peter Hahn Winterbacher Modehändler kämpft mit frischem Geld gegen Schieflage

Der Stammsitz der Peter Hahn GmbH in Winterbach Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Der Modehändler Peter Hahn steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Das Unternehmen mit Sitz in Winterbach (Rems-Murr-Kreis) hat beim Amtsgericht Stuttgart ein Schutzschirm-Insolvenzverfahren beantragt. Was Kunden jetzt wissen müssen.

Rems-Murr: Chris Lederer (cl)

Die luxuriöse Damenjacke aus Seide, Mohair- und Alpakawolle ist noch zu haben. Knapp 1100 Euro kostet das edle Stück von Peter Hahn im Online-Shop, verfügbar bis Größe 48. „Kauf ohne Risiko“ – kostenlose Rücksendung möglich. Ob diese Zusage auch für die Investoren gilt, die derzeit mit dem in finanzielle Schieflage geratenen Unternehmen verhandeln, bleibt ihr Geheimnis. Fest steht: Das schwäbische Traditionsunternehmen, das im Jahr 1964 seinen Siegeszug mit dem Vertrieb von Mänteln und Decken aus Lamahaar von Winterbach hinaus in die Welt angetreten hat, steht vor der Insolvenz – und versucht diese abzuwenden.

 

Finanzielle Schieflage

Am Montag hat der Modeversender, nach eigenen Angaben mittlerweile ein Unternehmen mit rund 1000 Mitarbeitern und einem Umsatz von zuletzt rund 350 Millionen Euro, beim Amtsgericht Stuttgart einen Antrag auf ein Insolvenz-Schutzverfahren gestellt. Dieses Verfahren zielt explizit auf die Sanierung des Unternehmens ab. Das Unternehmen darf dafür nicht zahlungsunfähig sein und muss ausreichende Sanierungschancen besitzen, was ein unabhängiger Sachverständiger vorab bestätigen muss. Die Geschäftsführung bleibe voll handlungsfähig und könne uneingeschränkt agieren. Beaufsichtigt werde sie von einem vom Gericht bestellten vorläufigen Sachwalter.

Erforderlich geworden sei das Schutzschirmverfahren unter anderen wegen der Auswirkungen der Insolvenz einer Schwesterfirma sowie der allgemeinen Marktlage im Versandhandel, teilt das Unternehmen mit. „Generell herrscht derzeit unter den Verbrauchern eine Konsumzurückhaltung.“ Zudem wirkten sich Inflation, steigende Energiekosten sowie die weltpolitische Lage insgesamt negativ auf das Konsumverhalten und die Kauflust aus. „Hinzu kommt die zuletzt noch recht warme Witterung, die noch nicht zum Kauf von Herbst- und Wintermode eingeladen hat.“

Für Kunden bleibt alles gleich

Für Kunden soll sich nichts ändern, auch mit „Partnern und Lieferanten arbeite man weiterhin eng und vertrauensvoll“ zusammen und stehe „in einem konstruktiven Austausch“. Der Online- und Versandhandel für Mode, Fashion und Lifestyle werde „vollumfänglich fortgesetzt“, lässt die Peter Hahn GmbH wissen. Laufende Bestellungen würden ebenso wie Neubestellungen „ohne jede Einschränkungen ausgeführt“. Auch die Peter Hahn-Einzelhandelsgeschäfte in ganz Deutschland öffnen ohne Veränderung ihre Türen. Neben dem Flagship-Store am Stammsitz in Winterbach gibt es zehn weitere Filialen in Deutschland, unter anderem in Urbach und Metzingen (Outlets) sowie drei in der Schweiz. Auf die Auslandsbeteiligungen der Peter Hahn erstreckte sich das Schutzschirmverfahren nicht.

Frisches Geld, neue Strukturen

Die Mitarbeiter seien persönlich durch die Geschäftsführung über den aktuellen Sachstand informiert worden, teilt eine Sprecherin des Unternehmens mit. Welche Konsequenzen die Neuausrichtung für die Mitarbeitenden haben wird, will die Geschäftsführung nicht verraten. Gemeinsam mit Investoren arbeite man am Sanierungskonzept. „Die Arbeiten sind weit vorangeschritten, aber noch nicht abgeschlossen“, so die Sprecherin. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zum jetzigen Stand keine Wasserstandsmeldungen abgeben möchten.“ Es seien „intensive Gespräche und Verhandlungen mit Finanzierern und Investoren über die langfristige Neuaufstellung und Refinanzierung des Unternehmens geführt worden“, teilt das Unternehmen mit. Diese seien inzwischen weit fortgeschritten. Ziel sei es, die Restrukturierung und den Investoreneinstieg im ersten Quartal des nächsten Jahres abschließen zu können.

Für Winterbachs Bürgermeister Sven Müller hat Peter Hahn als größtes Winterbacher Unternehmen eine „herausragende Bedeutung mit einer weit über die Region hinaus reichenden Strahlkraft“, sagt er auf Nachfrage. Mit dem Schutzschirmverfahren arbeite Peter Hahn an einer langfristigen und tragfähigen Lösung. „Wie Peter Hahn bin auch ich optimistisch und positiv gestimmt, dass der eingeschlagene Weg erfolgreich verlaufen wird.“

Die Eigenmarken stärken

Daniela Angerer, Geschäftsführerin bei Peter Hahn setzt ebenfalls auf die positiven Effekte der Neuaufstellung: „Gemeinsam mit einem starken Partner wollen wir Peter Hahn langfristig neu ausrichten und zukunftssicher finanzieren.“ Hierbei sei das Unternehmen bereits weit vorangekommen. „Zur Umsetzung der letzten erforderlichen Schritte sowie der Loslösung von Belastungen aus dem bisherigen Gruppenverbund bietet sich das Schutzschirmverfahren als schneller und effizienter Restrukturierungsweg an.“ Diesen wolle man gemeinsam mit Kunden, Geschäftspartnern und den zukünftigen Investoren gehen. Sie sei sicher, dass der Ansatz, „ein Portfolio hochwertiger Markenmode anzubieten, nach erforderlichen Neuausrichtungen weiter erfolgreich sein wird“, teilt sie mit. „Gleichzeitig werden wir die Eigenmarken deutlich stärken, profilieren und weiterentwickeln, um die von uns vertriebenen Premiummarken mit hochwertigen Kollektionen und Outfits zu ergänzen.“

Die Peter Hahn GmbH in Winterbach

Angebot
  Das Angebot des „Multichannel-Unternehmens“ umfasst hochwertige Mode und Wohnaccessoires, die via Katalog, Internet und stationärem Einzelhandel in zehn europäischen Ländern vertrieben werden. Das Unternehmen bietet nach eigenen Angaben eine Vielfalt von über 300 Marken.

Stammsitz
 Am Standort in Winterbach befinden sich alle Geschäftsbereiche; von der Beschaffung, dem Einkauf, Vertrieb & Marketing, Werbung, Kundenservice inklusive der Call Center über IT bis hin zur Logistik und der kompletten Verwaltung. Beschäftigt werden in Winterbach und Urbach rund 840 Mitarbeiter. Auch der Flagship-Store ist dort zu finden. Er verfügt über knapp 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Es sind dort aktuell 21 Mitarbeitende beschäftigt.

Sanierer
 Zur Unterstützung der Restrukturierung wurde Detlef Specovius von der Kanzlei Schultze & Braun zum weiteren Geschäftsführer berufen worden. Andreas Kleinschmidt und Nicolai Fischer von der Kanzlei White & Case LLP wurden als Sanierungsbevollmächtigte benannt.

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