Integra Filder Der Kampf gegen Vorurteile endet nie

Von Caroline Holowiecki 

Für viele ist es unvorstellbar: Die deutsch-türkischen Eheleute Havlaci arbeiten seit mehr als 20 Jahren ehrenamtlich für die Integration, sie haben den Verein Integra Filder gegründet. Jetzt wollen sie die Leitung abgeben. Wie soll das gehen?

Mehmet Havlaci und Barbara Havlaci-Ludwig, die Gründer des Vereins Integra Filder, haben neue Pläne. Foto: Caroline Holowiecki
Mehmet Havlaci und Barbara Havlaci-Ludwig, die Gründer des Vereins Integra Filder, haben neue Pläne. Foto: Caroline Holowiecki

Filder - Zum 22. Hochzeitstag gibt’s Nussecken und Arbeit. Damit ist schon vieles über Barbara Havlaci-Ludwig und ihren Mann Mehmet gesagt. Hauptsache zusammen und Hauptsache etwas Sinnvolles tun. Auch nach mehr als zwei Jahrzehnten wirkt das Paar innig. Mann und Frau verbindet mehr als Liebe. Seitdem sie sich kennen, machen sie sich für die Integration stark. Barbara Havlaci-Ludwig ist die Vorsitzende des Vereins Integra Filder, ihr Mann ist der ehrenamtliche Geschäftsführer.

Er hat das alles selbst mitgemacht

Vieles, was Ausländer heute in Deutschland erleben, hat Mehmet Havlaci selbst mitgemacht. 1990 kam er über ein Programm der türkischen Regierung als Lehrer in die Fremde, um türkische Kinder in ihrer Muttersprache zu unterrichten. „Das Kultusministerium schreibt das aus. 42 haben die Zusage bekommen. Ich war der 42.“, sagt er lachend. Mit ein paar Brocken Deutsch im Gepäck kam er alsbald an die Raitelsbergschule in Stuttgart-Ost – wo eine gewisse Barbara unterrichtete. „Für mich war alles fremd. Der Rektor hat eine Ansprache gehalten. Ich habe kein Wort verstanden und nur genickt“, erzählt er. Aus einem kollegialen Verhältnis wurde Sympathie, und als Mehmet Havlacis Einsatz nach fünf Jahren endete und er heimflog, folgte die deutsche Kollegin. Im Jahre 1997 kehrten beide zusammen zurück nach Stuttgart. Als Paar. Und als Botschafter fürs Miteinander der Kulturen.

Seitdem dreht sich für sie vieles um Integration. Privat initiierten sie zunächst eine Elterninitiative in Plieningen und an der Körschtalschule eine türkische Projektwoche. Um die Arbeit auf eine stabile Basis zu setzen, gründeten die Havlacis 2009 den Verein Integra Stuttgart, nicht sehr viel später in Filderstadt Integra Filder inklusive Bildungs- und Beratungszentrum. Mindestens 14 Integrationsprojekte haben die Eheleute bisher von dort aus angestoßen – von der Ausbildung von Elternlotsen über die Frauen- und Präventionsarbeit bis hin zu Umweltprojekten. Vieles wurde ausgezeichnet. „Soweit wir wissen, waren wir die erste Migrantenorganisation in Deutschland, die sich mit den Themen der Nachhaltigkeit in Verbindung mit Integration auseinandergesetzt hat“, sagt Barbara Havlaci-Ludwig. „Als Lehrer sehen wir, was Eltern brauchen“, erklärt ihr Gatte. „Es geht um die Gesellschaft, ums Zusammenleben. Das Hauptziel ist, dass jeder zufriedener wird.“

Tägliche Ausgrenzung und Diskriminierung

Ehrlich zufrieden wirkt auch das Multikulti-Paar nach mehr als zwei Jahrzehnten. Leicht war und ist das aber nicht. Viele Freunde von früher haben sich abgewandt, sagt die pensionierte Lehrerin. Der Türke habe sich ja nur eine deutsche Beamtin schnappen wollen, habe es geheißen. „Tägliche Ausgrenzung und Diskriminierung erlebt man immer wieder“, stellt Mehmet Havlaci klar.

Seine Power hat das Paar nie verloren. Nun aber, mit 65 und 66, haben sich die Havlacis entschieden, ihre Ämter niederzulegen. Ihr letztes Projekt, das sie an Land gezogen haben, ist ihr bisher größtes. MIT, kurz für Mitbestimmen, Initiieren und Teilhaben, wird über drei Jahre mit 683 000 Euro vom Bamf, vom Innenministerium und dem Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds der EU gefördert. Das Ziel: Migranten sollen in Gremien mitarbeiten, im Gemeinderat, in Vereinen, in Elternbeiräten. Klappen soll das durch Trainings und Wissensvermittlung in Sachen Strukturen oder Wortschatz.

Nachfolger seien bereits gefunden

„Früher, in den städtischen Arbeitskreisen, war ich immer der einzige Migrant. Aber was die Stadt entscheidet, wird dort vorbereitet“, sagt Mehmet Havlaci. Das Projekt soll für die Eheleute zugleich der Höhepunkt ihrer Vereinskarriere und ihr Abschied aus selbiger sein. Bis Anfang des kommenden Jahres werden beide ihre Posten abgeben. Nachfolger seien bereits gefunden.

Von Integra abwenden wird sich das Paar indessen nicht. „Wir arbeiten ehrenamtlich weiter, aber nicht vorne“, sagt Barbara Havlaci-Ludwig. Sie und ihr Mann wollen sich verstärkt für die Menschen in Mehmet Havlacis Heimatdorf Cataltepe einsetzen. Umwelt- und soziale Projekte hat das rührige Duo im Sinn, auch Englischkurse. Mehmet Havlaci lächelt. „Uns wurde viel gegeben. Wir sind jetzt in einem Alter, in dem wir nicht mehr so viel brauchen und etwas zurückgeben können.“ Seine Frau wirkt aufgeregt. Sie sagt: „Ich glaube, jetzt fängt noch mal was Gutes an.“