Integration am Arbeitsmarkt Gut ausgebildet, hoch motiviert, aber ohne Job

Hofft auf eine Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt: die in der Türkei geborene Emine Yaman Foto: Sozialministerium Baden-Württemberg

Gerade für Frauen mit Migrationshintergrund ist der Weg zum regulären Arbeitsplatz oft sehr beschwerlich. Die Stuttgarter Initiative Joblinge will ihnen eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt verschaffen.

Die Türkin Emine Yaman lebt seit vier Jahren in Deutschland. Mit ihrem Masterabschluss ist die studierte Englischlehrerin bestens ausgebildet, findet aber trotz des Lehrermangels keine Festanstellung. Ohne Berufspraxis bekomme sie keine dauerhafte Arbeit – und ohne Arbeit könne sie keine Berufserfahrung sammeln, stellt sie bedauernd fest. Zusätzlich verhindern die langwierige Anerkennung ihres türkischen Abschlusses und das nicht muttersprachliche Deutschniveau bisher den Sprung auf einen regulären Arbeitsplatz.

 

Belastet von traditionellen Rollenbildern

Mit Hilfe der Joblinge – einer gemeinnützigen Organisation für junge Erwachsene, die Anschluss an die Arbeitswelt suchen – will die Mutter zweier Kinder den Teufelskreis durchbrechen. Sehr dankbar sei sie für die persönliche Ermutigung und die Unterstützung bei Vorstellungsgesprächen, sagt sie mit ihrem leicht englischen Akzent. Gerade Frauen mit Flucht- und Migrationsgeschichte brauchen in der Startphase Unterstützung – sie sind belastet von traditionellen Rollenbildern, die keine Karriere zulassen, oder fehlenden Betreuungsplätzen für Kinder. Hinzu kommen geringe bis gar keine Kenntnisse über Einstiegsmöglichkeiten in den Ausbildung- oder Arbeitsmarkt.

Da setzt das Stuttgarter Projekt „BEQ4U“ (Beratung, Empowerment und Qualifizierung) der Joblinge Südwest an: Frauen werden individuell, kostenlos und teilweise in ihrer Muttersprache zu allen Themen rund um Schule, Ausbildung und Beruf beraten. Mit gezielten Maßnahmen wie Computerkursen und Sprachcafés werden die Teilnehmerinnen ins Berufsleben begleitet. Gefördert wird die Initiative aus EU-Mitteln.

Motivation trifft auf bürokratische Hürden

Landessozialminister Manfred Lucha (Grüne), die Europaparlamentarierin Terry Reintke (Grüne) und die Stuttgarter Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann haben jüngst acht von mehr als 70 Teilnehmerinnen, alle mit Migrationsgeschichte, getroffen. Die Projektleiterin Derya Bermek-Kühn, die einst selbst für ein Wirtschaftsstudium aus Istanbul nach Deutschland kam, verwies dabei auf die hohen bürokratischen Hürden. Oftmals dauere die Anerkennung von Berufsabschlüssen bis zu zwei Jahre, in denen die Frauen nicht als Fachkräfte eingesetzt werden könnten. Dies muss nicht so sein: Bermek-Kühn hat schon zwei Frauen einen Job in Berlin vermittelt, da dort die formalen Anforderungen teils geringer seien und auch englischsprachige Jobs vergeben würden.

„Hier sitzen acht junge hochqualifizierte Frauen mit einem sehr guten Sprachniveau, die Lust haben zu arbeiten – und nur weil sie auf dem Papier keine Muttersprachler sind, erhalten sie keine Zusagen“, beschreibt Sußmann die aus ihrer Sicht absurde Lage und mahnt einheitliche Anerkennungsregeln an, um Ungerechtigkeiten zu vermeiden.

Politische Richtlinien müssen angepasst werden

Minister Lucha lobt: „Wir brauchen diese praktischen Hinweise, um besser zu werden und die Anforderungen auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene zu vereinfachen, Schwellen zu senken und an die Bedürfnisse anzupassen.“ Dass Lehrkräfte in staatlichen Schulen dringend benötigt werden, während gut qualifizierte Fachkräfte keine Arbeit finden, „können wir uns als Land nicht leisten“. Terry Reintke hofft, dass europäische Richtlinien für den Arbeitsmarkt schneller und einfacher gestaltet werden können. „Dies ist in den letzten Jahren schon stark vorangetrieben worden – und ich bin zuversichtlich, dass sich hier noch einiges verbessern wird.“

Die Türkin Emine Yaman hofft, dass Politik und Unternehmen angesichts des akuten Fachkräftemangels offener werden für Menschen mit Migrationsgeschichte. Sie zeigt sich wie die anderen Teilnehmerinnen hochmotiviert, ihre Grenzen zu erweitern. Immer öfter spricht sie mit ihren Kindern Deutsch, doch „mittlerweile reden die beiden sehr schnell, so dass ich häufiger noch ins Türkische wechseln muss“. Dank der Joblinge hofft sie auf eine gute Zukunft – am Morgen des prominenten Besuchs hatte sie schon mal ein, wie sie meint, vielversprechendes Vorstellungsgespräch.

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