Integration in Holzgerlingen Geflüchtete hilft anderen Geflüchteten

Angekommen: Alla Melynkova kam vorigen Sommer nach Deutschland. Im Holzgerlinger Rathaus ist ihre Expertise sehr gefragt. Foto: Stefanie Schlecht

Alla Melynkova ist im vergangenen Sommer aus der Ukraine geflüchtet. Mittlerweile arbeitet sie beim Integrationsmanagement der Holzgerlinger Verwaltung und hilft anderen Ukrainern, in Deutschland zurechtzukommen.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Eine Woche lang harrt Alla Melynkova mit ihrem Ehemann und ihrem kleinen Sohn in einem U-Bahn Tunnel in der ukrainischen Stadt Charkiw aus. Nachdem Russland im Februar die Ukraine angegriffen hatte, hat sich das Leben der Familie schlagartig geändert. Mittlerweile lebt Alla mit ihrer Familie in Holzgerlingen – und arbeitet auch dort. Beim Integrationsmanagement der Stadtverwaltung, wo sie anderen Geflüchteten hilft, Fuß zu fassen.

 

Schutz im Untergrund

Es ist dunkel und kalt in den U-Bahn-Tunneln mitten im ukrainischen Winter. Nur batteriebetriebene Weihnachtsgirlanden spenden Licht. Menschen schlafen auf den Gleisen und in Zugabteilen. In einem der Waggons kommen auch Alla und ihre Familie unter. Tagsüber verlassen sie ab und zu die U-Bahn-Station, gehen in ihre Wohnung, die einige Minuten entfernt liegt. Die Tage scheinen endlos: Zwar finden sie im Untergrund Schutz, doch für ihren damals dreijährigen Sohn gibt es nicht viel zu tun. Sie laufen die Gleise auf und ab, versuchen ihn bei Laune zu halten. Wenn die Nacht anbricht, werden die Tore zur Station geschlossen. Es ist der einzige Schutz vor den russischen Bomben.

2015 ist Alla schon einmal geflüchtet

Es ist eine kalte neue Realität, doch in den ersten Monaten nach der Invasion gibt Alla Melynkova trotzdem die Hoffnung nicht auf. Vielleicht ist es bald vorbei, denkt sie. Im Jahr 2015 hatte sie bereits ihren Heimatort hinter sich lassen müssen, nachdem Russland die Krim völkerrechtswidrig annektiert hatte. Sie verlässt die Region Donezk, in der sie geboren ist. Sie zieht nach Charkiw – sieben Jahre später muss sie erneut ihre Sachen packen: Auch Charkiw, das im Nordosten der Ukraine liegt, ist vor russischen Angriffen nicht mehr sicher. Ehrenamtliche fahren die Familie nach Dnipro, wo sie bei Verwandten unterkommt und einige Monate bleibt.

Als Alla an einem Sommertag mit ihrem Sohn einen Spaziergang macht, explodiert ganz in der Nähe eine Bombe. Der Schreck sitzt tief. „Da wusste ich, dass wir weiter weg müssen, um sicher zu sein“, erzählt sie. Über ein Internetforum nimmt sie Kontakt zu einer Familie in Holzgerlingen auf. Allas Vorteil: Als Lehramtsstudentin hat sie 2012 drei Monate in Frankfurt verbracht, dort konnte sie ihre Deutschkenntnisse vertiefen. Heute spricht sie fast fließend Deutsch.

Allein mit dem Sohn

„Ich bin meinem Sohn zuliebe gegangen“, sagt sie. Wenn sie alleine gewesen wäre, wäre sie geblieben. In einem anderen Land zu wohnen, hatte sie nie in Betracht gezogen. „Aber ich will ihm eine Zukunft ermöglichen“, sagt Alla. Im Sommer letzten Jahres geht sie zunächst alleine mit ihrem Sohn nach Deutschland. In Holzgerlingen kommen sie in einer privaten Wohnung unter, eine Holzgerlinger Familie hilft ihr, sich zurechtzufinden. Später begibt sich dann auch ihr Ehemann auf die Flucht.

Nach der Flucht kommen sie in einer Wohnung in Holzgerlingen unter

Bald nach ihrer Ankunft kommt sie in Kontakt mit dem Holzgerlinger Integrationsmanagement. Durch ihre Deutschkenntnisse ist sie die perfekte Kandidatin, um die Verwaltung dabei zu unterstützten, den vielen ukrainischen Geflüchteten unter die Arme zu greifen. „Ich bin keine Dolmetscherin, aber ich helfe, wo ich kann“, sagt sie. Formulare, Briefe vom Jobcenter, Kontakt mit dem Landratsamt, Arztbesuche und Kinderbetreuung: Die Liste der Dinge, die geregelt werden müssen, ist lang. So versucht sie etwas von der Unterstützung, die sie bekommen hat, zurückzugeben.

Ob sie jemals wieder in die Ukraine zurückkehrt, weiß Alla nicht. Sie selbst vermisst ihre Verwandten, Freunde, Bekannte, vermisst das ukrainisches Essen und das Leben, das sie sich in der Ukraine aufgebaut hat. Doch wie bei ihrer Flucht, denkt sie auch jetzt nicht nur an ihre Zukunft, sondern ebenfalls an die ihres Sohnes. „Er lebt im Jetzt“, sagt sie über den mittlerweile Vierjährigen. Er habe leicht Anschluss gefunden und kommt gut zurecht. Immer wieder halten sie zwar Kontakt mit den ukrainischen Großeltern, doch für den kleinen Jungen ist nun der Nachbar zum Ersatz-Opa geworden. Ein sicheres Leben – das wollte sie ihrem Sohn ermöglichen. Mit ihrem Job im Integrationsmanagement hilft sie nun auch anderen dabei, sich diesen Wunsch zu erfüllen.

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