Flüchtlings-Integration in Stuttgart Sprachkurs mit Praktikum klappt am besten

Anerkannte Flüchtlinge erhalten im Jobcenter zunächst Informationen über den deutschen Arbeitsmarkt und über das hiesige Ausbildungssystem. Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Anerkannte Flüchtlinge erhalten im Jobcenter zunächst Informationen über den deutschen Arbeitsmarkt und über das hiesige Ausbildungssystem. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Schon 1450 Flüchtlingsfamilien werden im Stuttgarter Jobcenter betreut. Mehr als 40 Prozent der Neuzugänge in den Hartz-IV-Bezug sind anerkannte Asylbewerber. Die Entwicklung von Integrationsprojekten läuft auf Hochtouren.

Lokales: Mathias Bury (ury)

Stuttgart - Bader Manlla ist so etwas wie ein Vorzeigeflüchtling. Der 26 Jahre alte Syrer stammt aus der Hafenstadt Latakia. Im Juli 2015 ist er vor dem Krieg nach Deutschland geflohen. Erst jetzt im April, zehn Monate nach seiner Ankunft, besucht Bader Manlla den ersten Deutschkurs. Das müsste man eigentlich kritisch vermerken. Nicht so bei dem 26-Jährigen. Denn man kann sich mit dem Maschinenbauingenieur verblüffend gut unterhalten. „Ich habe Deutsch in der Bibliothek selbst gelernt“, sagt er. Heute übersetzt er schon für andere Flüchtlinge. „Man muss Deutsch lernen, damit man auch die Kultur versteht.“

Bader Manlla ist einer von 400 Flüchtlingen, die im Jobcenter der Stadt Stuttgart betreut werden. Inzwischen sind dort 1450 Flüchtlingsfamilien im Hartz-IV-Bezug. „Unter den Neuzugängen sind mehr als 40 Prozent Flüchtlinge“, sagt Jobcenterchef Jürgen Peeß. In diesen Bedarfsgemeinschaften leben 2200 erwerbsfähige Flüchtlinge. Weit mehr als die Hälfte sind unter 30 Jahre alt. Die größte Gruppe sind mit 41 Prozent die Syrer. 600 haben keinen Schulabschluss, 750 keine Berufsausbildung. „Das ist eine Herausforderung“, sagt Peeß.

Im Spätsommer dürften die Zahlen stark steigen

Bader Manlla ist in einer weit besseren Lage. Für den Maschinenbauingenieur geht es darum, dass sein Hochschulabschluss anerkannt wird. Er hat alle Papiere dabei. „Er könnte theoretisch schon arbeiten“, sagt Claudia Holstein, seine persönliche Ansprechpartnerin im Jobcenter. Im nächsten Schritt, neben dem Sprachkurs, sucht sie mit ihm ein Betriebspraktikum. Die Chancen stehen gut. Bader Manlla hat Berufserfahrung. Er war schon in Saudi-Arabien als Ingenieur im Bereich Heizungs- und Kühltechnik tätig.

Lediglich drei Personen umfasst zurzeit das Flüchtlingsteam des Jobcenters. Doch diese Zahl wird bald deutlich steigen. Gegenwärtig werden zehn weitere Kollegen eingearbeitet. Nach den bisherigen Annahmen könnte die Zahl der erwerbsfähigen Flüchtlinge Ende des Jahres bei 8900 liegen. Insbesondere vom Spätsommer an geht man von stark wachsenden Zugängen aus. „Wir rechnen mit 400 bis 600 Personen pro Monat“, sagt Jobcenterchef Peeß. Wenn es so kommt, soll der Personalbestand im Flüchtlingsbereich des Jobcenters bis dahin auf 75 Stellen aufgestockt werden. Diese arbeiten dann in einer zentralen Fachstelle für Flüchtlinge.

Bis zum Sommer werden noch einige Themen weiterentwickelt, die zentral sind für eine Integration in den Arbeitsmarkt. So das Profiling, also die Ermittlung von Fähigkeiten und Neigungen der Flüchtlinge, die meist keine Zeugnisse vorweisen können. Das hat zwei Gründe: Die Papiere konnten nicht gerettet werden in den Wirren ihrer Herkunftsländer. Oder in ihrer Heimat gibt es kein Ausbildungssystem, das dem deutschen gleicht. Während Menschen aus Syrien oft eine recht gute, zwölfjährige Schulausbildung haben, ist die Lage bei Flüchtlingen anderer Herkunft meist ganz anders. „Eritreer bekommen keine Unterlagen, dabei sind es oft sehr fitte Leute“, sagt Claudia Holstein.

Hier wie in anderen Fragen arbeitet das Jobcenter eng mit der Wirtschaft zusammen. So sei die Handwerkskammer dabei, ein Eignungs- und Erprobungsverfahren zu entwickeln, sagt Jobcenterchef Peeß. Die IHK arbeite an Ähnlichem. Dass diese Tests von den Kammern mitentwickelt werden, sei entscheidend. „Deren Einschätzung zählt bei den Betrieben“, weiß Peeß. Zuletzt wird man sich in der Arbeitsgruppe von Kammern, Arbeitsagentur und Stadt auf ein „Profilinginstrument“ einigen.

Es werden neue Ausbildungsmodelle entwickelt

Wie wichtig es ist, diese Verfahren „kultursensibel“ zu gestalten, macht Sabine Wolloner deutlich, die beim Jobcenter für Qualitätsmanagement und sozialintegrative Leistungen zuständig ist. So hätten Tests zum mathematischen Verständnis von Flüchtlingen ergeben, dass diese „die Aufgaben anders angehen, weil sie andere Rechenwege gelernt haben“. Realistische Ergebnisse erbringen Tests nur, wenn dies bei der Aufgabenstellung berücksichtigt wird. Noch etwas haben die Erfahrungen gezeigt: Die größten Fortschritte machen Flüchtlinge, wenn man den Sprachkurs und das Betriebspraktikum kombiniert.

„Modellhaft gezeigt“ habe dies das „Brückenpraktikum“ bei Daimler, sagt Sabine Wolloner. 17 der 40 Teilnehmer, die alle das Praktikum abgeschlossen haben, wurden vom Jobcenter betreut. Ähnliche Projekte gebe es bei Porsche, Bosch und Mahle. Zu diesem Thema werden auch Gespräche mit dem Arbeitgeberverband Südwestmetall geführt. „Die Kammern denken etwa über eine modulare Ausbildung nach“, sagt Peeß. „Da entstehen ganz neue Modelle.“

Wichtig ist auch eine eigene Wohnung

In der Beratung im Jobcenter geht es aber auch um die familiären Verhältnisse und die Wohnsituation. „Wenn die Familie noch in der Türkei ist, hat ein Flüchtling nicht den Kopf frei“, sagt Claudia Holstein. Und eine Massenunterkunft sei schlecht für eine regelmäßige Arbeit und fürs Lernen der Kinder. Bader Manlla ist auch da schon weit gekommen. Zwar vermisst er seine Eltern und seine drei Schwestern, die noch in Syrien sind. Aber er hat in Degerloch eine kleine Wohnung gefunden. Dar­über ist er sehr glücklich. Er sagt sich: „Erst wenn ich Arbeit habe, kann ich etwas für meine Familie tun.“ Der Maschinenbauingenieur hat ein klares Ziel vor Augen. „Hier ist meine Zukunft“, sagt Bader Manlla, „ich muss dafür kämpfen, dass ich hier meine Träume verwirklichen kann.“




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