Integrationsangebote für Geflüchtete Afghanische Zuwanderer sind im Nachteil

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Die Bleibeperspektive der Geflüchteten entscheidet, ob sie bei den einzelnen Integrationsangeboten teilnahmeberechtigt sind oder nicht. Ein System, das vor allem afghanische Schutzsuchende benachteiligt.

Wer an den Integrationskursen teilnehmen darf, richtet sich nach der Bleibeperspektive der Zuwanderer. Foto: dpa
Wer an den Integrationskursen teilnehmen darf, richtet sich nach der Bleibeperspektive der Zuwanderer. Foto: dpa

Stuttgart - Integration funktioniert über Sprache, heißt es oft. Dass es aber gar nicht so einfach ist, die deutsche Sprache zu lernen, erfahren nicht nur ehrenamtliche Helfer und Integrations- und Deutschkursträger, sondern vor allem auch afghanische Schutzsuchende. Einem Bericht des Bundesinnenministeriums zufolge sind 2016 etwa 280 000 Asylsuchende nach Deutschland gekommen – etwa zwei Drittel weniger als im Vorjahr (890 000). Die Zahl der Teilnahmeberechtigten bei den Integrationskursen ist wiederum stark angestiegen. Allein in Baden-Württemberg haben von Januar bis September 2016 über 32 000 Asylbewerber und Geduldete an einem Integrationskurs teilgenommen. Bundesweit waren es mehr als 246 000.

Um die Integration der Zuwanderer zu beschleunigen, dürfen seit 2015 auch Geflüchtete an den Kursen teilnehmen, über deren Asylantrag erst noch entschieden wird. Von diesem Angebot ausgeschlossen sind unter anderen Asylbewerber aus Afghanistan, denen noch immer eine mittlere Bleibeperspektive zugesprochen wird. Denn das Angebot gilt lediglich für Zuwanderer aus Ländern mit guter Bleibeperspektive – momentan sind das der Iran, Irak, Somalia, Eritrea und Syrien.

BAMF drängt auf schnellere Abwicklung

Um den Andrang auf die Kurse bewältigen zu können, dringt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) nun wiederum darauf, die Kurse schnell und in Vollzeit abzuwickeln. Die Träger der Kurse halten von dieser Entwicklung wenig. „Für uns ist das deshalb schwierig, weil wir unterschiedlich starke Lerner mit unterschiedlichem Bildungsniveau haben, die durch das Einstufungssystem für den Integrationskurs nicht immer voneinander unterschieden werden“, moniert etwa Jörg Müller-Simon, der bei der Caritas Stuttgart für die Koordination der Sprachkurse zuständig ist.

Problematisch sei außerdem, dass das Bamf in diesem Zuge kürzlich auch die Vorlaufzeit für die Träger zur Vorbereitung der Kurse von zwölf auf sechs Wochen verringert habe. Das Bamf erhofft sich dadurch eine schnellere und bessere Integration, möglicherweise könnte aber auch genau das Gegenteil erwirkt werden. „Den Trägern bleibt wenig Zeit, die Kurse individuell auf die Teilnehmer zuzuschneiden“, kritisiert Müller-Simon. Dadurch kann es dazu kommen, dass einzelne Teilnehmer dem Kurs nicht folgen können und abgehängt werden.

Auch Renata Delic, Sprecherin der Volkshochschule Stuttgart (VHS), sieht in einer ausgeklügelten Kursvielfalt den Schlüssel zum Erfolg. „Durch die Traumatisierung leiden viele Geflüchtete an Konzentrationsstörung und sind nicht in der Lage, einen Integrationskurs mit einer Dauer von acht Monaten durchgehend zu besuchen“, erklärt sie. „Die persönliche Geschichte der Teilnehmer spielt oft eine entscheidende Rolle, ob sie den Kurs abschließen oder nicht.“ An der VHS habe man das Kursangebot in diesem Jahr weiter aufgestockt, um noch differenzierter auf die Teilnehmer eingehen zu können.

Entscheidend ist der richtige Zeitpunkt für einen Kursbeginn

Müller-Simon mahnt außerdem, dass man für jeden Geflüchteten den richtigen Zeitpunkt finden müsse, einen Kurs zu beginnen. „Wenn die Teilnehmer in Gedanken bei ihrer Familie sind, die noch in der Heimat oder auf der Flucht ist, können sie sich nur schwer öffnen und eine Sprache lernen.“ Als problematisch erachtet er aber auch, dass Zuwanderern aus Afghanistan noch immer der Zugang zu den Integrationskursen verwehrt bleibe.

Ein Zustand, der schon länger von vielen Seiten scharf kritisiert wird – auch, weil die Schutzquote afghanischer Schutzsuchender inzwischen bei über 55 Prozent liegt und ihre Bleibeperspektive deshalb angepasst werden müsste. Dem Bundesinnenministerium zufolge leben momentan etwa 250 000 Afghanen in Deutschland (Stand Dezember) – knapp 12 000 von ihnen gelten als ausreisepflichtig. Zuletzt hatte ein Lagebericht des UNHCR (Hoher Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte) auf eine deutliche Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan seit April 2016 verwiesen. Immer wieder kommt es in weiten Teilen des Landes zu Anschlägen und Kämpfen zwischen den radikalislamischen Taliban und den Regierungstruppen.

Afghanische Flüchtlinge noch immer von Integrationskursen ausgeschlossen

Im Kontext der Diskussion über weitere Sammelabschiebungen afghanischer Zuwanderer forderte der Vorsitzende des Partitätischen Wohlfahrtsverbands, Rolf Rosenbock, am Montag den sofortigen Zugang zu Integrationskursen für Geflüchtete aus Afghanistan. Den Afghanen wurden zwar bereits Zugeständnisse gemacht, wie etwa die Teilnahme an städtischen Deutschkursen, nichtsdestotrotz sind sie in Sachen Integration aber vor allem auf die Unterstützung ehrenamtlicher Helfer angewiesen.

Die Motivation, Deutsch zu lernen, würde dadurch jedoch kaum beeinträchtigt, berichtet Carolin Augé. Sie ist Pastoralreferentin und engagiert sich als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin in Weingarten im Landkreis Ravensburg. „Obwohl oder gerade weil sie nicht sicher wissen, ob sie bleiben können, sind die Afghanen sehr motiviert“, berichtet sie. „Manche von ihnen suchen sich sogar freiwillig im Internet zusätzliches Material, mit dem sie in ihrer Freizeit weiterlernen können.“

Ob sich an ihrer Bleibeperspektive etwas ändern wird, könnte sich schon bald zeigen. So kündigte Bundesinnenminister Thomas de Maizière in einem Interview mit der „Tagesschau“ am Montag an, dass er aufgrund der veränderten Lage schon bald über eine mögliche Änderung der Bleibeperspektive für afghanische Geflüchtete entscheiden werde.

Nur wenige Stunden später wurden am Montagabend bei einer zweiten Sammelabschiebung weitere 26 Männer nach Afghanistan abgeschoben – unter ihnen Kriminelle, aber auch junge Männer, die jahrelang in Deutschland gearbeitet haben und gut Deutsch sprachen.