Immer mehr Geflüchtete fühlen sich nicht willkommen und sogar unsicher. Foto: dpa/Marcus Brandt
Die Stimmung gegenüber Geflüchteten wird feindseliger – auch im Kreis Ludwigsburg. Genau das verschlimmert aber die Situation, verhindert Integration und schürt Hass.
Die Stimmung in der Gesellschaft gegenüber Schutzsuchenden kühlt weiter ab, neueste Zahlen des BWTrends beschreiben die Zuwanderungsskepsis. Gut die Hälfte der Bevölkerung im Südwesten ist in Sorge über die Zahl der eingewanderten Flüchtlinge. Das sind 14 Prozentpunkte mehr als bei der Umfrage im März 2016. Eine wachsende Zahl an Menschen ist zudem der Auffassung, dass für Flüchtlinge mehr getan wird als für die einheimische Bevölkerung (58 Prozent). Nur noch ein gutes Drittel empfindet Flüchtlinge als Bereicherung, minus 21 Prozentpunkte im Vergleich zu 2016.
Besonders verwunderlich: Obwohl die Bundesregierung durchgreift, Grenzkontrollen verschärft und damit sogar die hart erkämpften Freiheiten europäischer Bürger aufs Spiel setzt, kritisieren drei von vier der Befragten, dass die etablierten Parteien die Sorgen der Bürger bei diesem Thema nicht ernstnehmen.
Eine ganz andere Art der Berichterstattung
Diese teils feindselige Stimmung war für diese Redaktion ein Antrieb, einmal ganz anders über Migration und Integration zu berichten – entschleunigt, die Gesamtmengenlage betrachtend und vor allem persönlich. Wir haben fünf Menschen aus dem Landkreis Ludwigsburg getroffen, die jeden Tag mit dem Thema zu tun haben und im Gegensatz zu vielen Bundespolitikern und Social-Media-Schreihälsen tatsächlich relevante Einblicke teilen können.
In fünf einzelnen Texten umrissen in dieser Woche eine Flüchtlingshelferin, ein Migrant, ein Bürgermeister, eine Sozialarbeiterin und ein Verwaltungsmitarbeiter die vielen Schattierungen des Themas. Klar ist: Es gibt keine guten und bösen Flüchtlinge, nicht den einen Schuldigen und auch nicht die eine richtige Lösung.
Das Thema Migration ist komplex, mit unendlichen grauen Schattierungen. Obwohl wir es besser wissen sollten, versuchen wir als Gesellschaft, die Migrationsprobleme in Schwarz-Weiß-Kategorien zu pressen. Als Ergebnis wachsen Pauschalisierungen, Vorurteile und die Empörung – und damit die Abgrenzung. Genau das verschärft jedoch die Probleme, die wir versuchen zu lösen. Wer vorverurteilt wird, wird unter seinesgleichen bleiben. Wer sich ausgegrenzt fühlt, wird weniger motiviert sein, die deutsche Sprache zu lernen. Auf wen mit dem Finger gezeigt wird, wird sich abwenden. Die aktuelle gesellschaftliche Stimmung gegenüber Geflüchteten ist also ein entscheidender Grund, dass die Ängste vor Migration überhaupt erst eintreffen.
Besonders drei Botschaften aus den Texten der fünf Menschen aus dem Landkreis unterstreichen das:
1. Flüchtlingshelferin Gabi Deibler schreibt über ihr Verständnis von Integration: „Jeder von uns – Einheimische und Geflüchtete – hat eine Verantwortung, dass wir zusammenkommen, uns kennen- und verstehenlernen. Sprechen wir mehr miteinander als übereinander!“
Gabi Deibler Foto: Simon Granville
2. Markgröningens Bürgermeister Jens Hübner zeigt auf, dass Migration häufig schon an den Einheimischen scheitert: „Ich kenne einen Afghanen, der Deutsch spricht und ein gutes Gehalt in der Industrie verdient – er findet aber seit Jahren keine Wohnung und lebt immer noch in einer städtischen Unterkunft. Das liege an seinem Namen, sagt er mir, Vermieter ignorieren seine Anfragen.“
Jens Hübner Foto: Simon Granville
3. Merie Khalil bringt eine andere, wichtige Blickweise mit ein. Er hat selbst eine Fluchtgeschichte und fordert Engagement von Migranten, denn „für uns Geflüchtete sowie Menschen mit italienischem oder türkischem Hintergrund, die sich in Deutschland etwas erarbeitet haben, ist das einfach nur frustrierend zu sehen“, wenn andere nur nähmen und nicht gäben.