Integrationskonzept in Sindelfingen Paris, Amsterdam, Sindelfingen

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Das neue Integrationskonzept der Stadt Sindelfingen zeigt eines: Heute geht es nicht mehr nur um ethisch-nationale Minderheiten.

Integration geschieht auf vielfältige Weise – auf dem Archivbild kommen Teilnehmerinnen nach einem Seminar zur politischen Bildung aus dem Sindelfinger Rathaus.  Mittlerweile leben   und arbeiten 127 Nationen  gemeinsam in Sindelfingen Foto: /factum/Simon Granville
Integration geschieht auf vielfältige Weise – auf dem Archivbild kommen Teilnehmerinnen nach einem Seminar zur politischen Bildung aus dem Sindelfinger Rathaus. Mittlerweile leben und arbeiten 127 Nationen gemeinsam in Sindelfingen Foto: /factum/Simon Granville

Sindelfingen - Sindelfingen war die erste Stadt in Deutschland, in der die einheimische deutsche Bevölkerung die Mehrheit verlor zugunsten der 127 Nationen, die mittlerweile dort leben. Mit einem neuen Integrationskonzept versucht die Stadt, diese Entwicklung zu steuern. Dabei, so stellten Andreas Pott und Jens Schneider vom Imis-Institut der Universität Osnabrück fest, sei inzwischen sogar der Begriff „Integration“ fehl am Platze. Seine Mitarbeiter sprechen mittlerweile von „Teilhabe“, einem Begriff, der sich mehr und mehr von den Kategorien „Ausländer“, „Deutscher mit Migrationshintergrund“, „Deutscher“ entfernt und mehr auf die sozialen Unterschiede sieht.

Die Forscher haben einiges gelernt

Dabei mussten die Mitarbeiter des Instituts selbst einiges lernen, wie Andreas Pott und Jens Schneider am Dienstag freimütig zugaben. Denn die Entwicklung von Sindelfingen unterscheidet sich praktisch nicht von den Migrationsbewegungen, wie sie auch in Paris, Amsterdam und Wien verzeichnet werden. Sie waren von falschen Voraussetzungen ausgegangen, weil sie glaubten, mit Sindelfingen eine Kleinstadt im ländlichen Zusammenhang zu erforschen und nicht eine Gemeinde in einem der dynamischsten Ballungsgebiete Europas. Dementsprechend erstaunt seien die Studenten gewesen: „Hier sieht es ja aus wie im Ruhrgebiet“, hätten sie gesagt, als sie den Böblinger Bahnhof für ihre Feldforschungen verlassen hätten.

Die Zahlen sprechen für sich: 52 Prozent der Sindelfinger haben einen Migrationshintergrund, 48 Prozent nicht. Würde man nur nach Staatsbürgerschaften gehen, dann ergäbe sich ein anderes Bild, dann stünden 76 Prozent mit deutscher Staatsangehörigkeit einem Anteil von 24 Prozent Ausländern gegenüber. Dabei zeigt sich, je jünger ein Mensch, desto eher integriert er sich. Haben bei den 40 Jahre alten Migrantinnen und Migranten nur 41 Prozent einen deutschen Pass, sind es bei den ein- bis fünfjährigen 88 Prozent.

Und weil die Frage der Integration falsch gestellt sei, müsse sich auch das Selbstbild der Stadtgemeinschaft anders darstellen. Es müsse geprägt sein von Vielfalt und Dialog und folgende Ziele umfassen: eine freiheitlich-demokratische Grundlage des Miteinanders, die Betonung des kommunalen Gemeinsinns und eben die Teilhabe. Die drei Zielgruppen eines Teilhabekonzepts wären dann die „Neuankömmlinge in Sindelfingen“, die „langjährigen Bewohner“ und die „Einheimischen“. Auf diese drei solle sich das Teilhabemanagement ausrichten.

Gleiche Chancen in der Bildung

Das Konzept der Wissenschaftler und der Integrationsbeauftragten Jana Zeh enthält viele Vorschläge, die man auch aus anderen Städten kennt: eine Kultur des Willkommens, eine Kultur des Dialogs, Integration durch Sport, Dialog der Religionen, gleiche Chancen in der Bildung, Demokratie und Beteiligung vor Ort, Teilhabe an der Verwaltung. Unter diesen Hauptthemen finden sich im Konzept mehr als 80 Einzelvorschläge, wo und wie das gemeinsame Miteinander besser gelingen kann. Das beginnt beim interreligiösen Dialog und endet beim gemeinsamen Fußballspielen.

Für den Oberbürgermeister Bernd Vöhringer ist die Geschichte der Integration in Sindelfingen eine Erfolgsgeschichte, die sich aber immer neuen Fragen stellen müsse: „Was können wir lernen? Reicht das, was wir tun?“

Dass aus Neuankömmlingen Einheimische werden, haben die Forscher aus Osnabrück oft erlebt. In Sindelfingen beispielsweise hatte sich vor einiger Zeit der spanische Verein aufgelöst. Die Alten starben weg, die Jungen zeigten kein Interesse an der Vereinsarbeit, weil sie sich mehr als Einheimische denn als Migranten sahen. „Eigentlich ein gutes Zeichen“, sagt Jens Schneider.




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