Integrationskurs im Rems-Murr-Kreis Die deutsche Sprache hat oberste Priorität

Gruppenfoto auf der VHS-Dachterrasse mit Stephan Seiter (6. von links) und den Kursteilnehmern Foto: VHS Unteres Remstal

Der FDP-Politiker Stephan Seiter aus Fellbach erfährt beim Besuch eines Integrationskurses der Volkshochschule Unteres Remstal Interessantes aus dem Leben der Migranten aus der Ukraine. Die VHS warnt vor den geplanten Kürzungen der Mittel.

Wenn ein Volkswirtschaftsprofessor mit schwäbischen Wurzeln einen Deutschkurs besucht, dann geht es ihm vermutlich weniger um die korrekte Verwendung des Artikels, also „die Butter“ oder „der Butter“, wie es hierzulande im Dialekt heißt. Vielmehr absolvierte Stephan Seiter, in Fellbach lebender FDP-Abgeordneter für den Wahlkreis Waiblingen, die Unterrichtseinheit in der Volkshochschule Unteres Remstal, um mehr über die positive Wirkung von Deutschkursen für Migranten zu erfahren. Als Obmann des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag ist Seiter überdies der richtige Ansprechpartner für derartige Themen.

 

Überwiegend Frauen aus der Ukraine sind im Deutschkurs

Der Abgeordnete Stephan Seiter (3. v. li.) und Volkshochschulvertreter im Gespräch mit den Kursteilnehmern Foto: VHS

Während seiner Visite am Alten Postplatz in Waiblingen beschreiben die 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – überwiegend Frauen aus der Ukraine –, was sie in ihrem Heimatland gemacht und gearbeitet haben. Sie waren Buchhalterin, Krankenschwester, Laborantin, Krankenpfleger, Lehrerin oder Friseur. Teilnehmer Pavlo liest seine extra aufgeschriebenen Notizen vom Handy ab: Zehn Jahre lang war er Verkaufsleiter in der Ukraine gewesen, „durch die Kampfhandlungen ist alles zerstört in der Region“. Er verstehe, dass er hier nicht so ohne Weiteres die gleiche Position einnehmen könne, doch sein Ziel sei ein guter Beruf, „und da hat das Thema Sprache oberste Priorität“. Sein Fazit: „Deutschland ist für mich zur zweiten Heimat geworden.“

In einer Übersicht schildern er und eine weitere Kursteilnehmerin, die sich als Julia vorstellt, den Gästen, was sie in dem ersten Jahr seit dem Start am 17. Juli 2023 gelernt haben – also das Alphabet, die Begrüßungen („Guten Tag“, vielleicht auch „Grüß Gott“), Pronomen, Begriffe beim Obstkauf. „Es heißt der Apfel, aber die Äpfel“, wirft Pavlo scherzhaft ein. Es geht um das Schreiben von Bewerbungen oder um Krankmeldungen. Die Abschlussprüfung ist am 26. Juli.

Gute Perspektiven – wenn man die Sprache beherrscht

Anna gibt Einblick ins Seelenleben vieler Ukrainer, die in der Heimat „ein gutes Leben“ hatten, „nun ist alles kaputt“. Die depressiven Phasen könne man überwinden, „aber es braucht Zeit“. Seiter zeigt sich beeindruckt von den Erläuterungen und betont mit Blick auf den Fachkräftemangel hierzulande, dass „Sie gute Perspektiven haben, wenn Sie die Sprache beherrschen“.

Im Fachgespräch mit Seiter äußern sich die Leiterin der VHS Unteres Remstal, Stefanie Köhler, und Tobias Diemer, Direktor der Volkshochschulen in Baden-Württemberg, besorgt über den Haushaltsentwurf der Bundesregierung für 2025. Sollen doch für Integrationskurse weniger als die Hälfte der derzeitigen Mittel zur Verfügung stehen. Wenn es dabei bleibe, sei mit einer Unterfinanzierung der Integrationsangebote zu rechnen.

Die „Warteschlange Integration

Die Kursteilnehmer Julia und Pavlo erläutern den Gästen die Inhalte der verschiedenen Module des Deutschunterrichts. Foto: VHS

Dabei gebe es schon jetzt „die Warteschlange Integration“: Obwohl Sprachkursträger alles versuchten, den Bedarf an Sprachkursen zu decken, warteten viele Teilnehmer lange auf einen Kursplatz. Bleibe es bei der vorgesehenen Kürzung, werde dies weitreichende Folgen haben: „Menschen kommen noch später in Integrationskurse, und die Wirtschaft muss noch länger auf diese Arbeitskräfte warten.“ Außerdem sei „mit einer desaströsen Unterfinanzierung der Integrationsangebote“ zu rechnen, die letztendlich zulasten der Kommunen gehe.

Seiter diagnostiziert, bei dieser reduzierten Finanzunterstützung „wäre jeder zweite bisherige Kurs nicht mehr möglich“. Er werde die Anregung zu den Haushaltsverhandlungen – wesentliches Datum ist der 15. November – nach Berlin mitnehmen.

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