In Tübingen gibt es einen Postpoint, in dem Menschen mit Behinderung beschäftigt sind. Der Service ist kompetent, der Ton familiär und mitunter müssen auch die Kunden mithelfen. Das unkonventionelle Modell macht Schule.

Seite 3: Christine Keck (kek)

Tübingen - Riesengroß ist das Paket, viel zu schwer für Martha Neuffer. „Können Sie das bitte auf den Wagen hinter mir legen?“, fragt sie den Kunden im Tübinger Postpoint. Wie selbstverständlich packt dieser mit an und balanciert das Ungetüm auf den bereits vorhandenen Stapel mit Päckchen. Souverän delegiert Martha Neuffer die Arbeit, wenn sie Unterstützung braucht. Die 27-Jährige mit der freundlichen Stimme ist halbseitig gelähmt und manchmal auch ein bisschen vergesslich. Doch im Post-Business kennt sie sich bestens aus: Maxibrief ins Ausland, Einschreiben mit Rückschein oder Expresssendung, alles kein Problem. „Schwierig wird es, wenn der Kunde schlecht Deutsch spricht“, sagt sie schmunzelnd.

Das Modell hat sich bewährt. In Tübingen sitzen Behinderte hinter dem höhenverstellbaren Schalter der Postfiliale und bieten sogar vom Rollstuhl aus allerlei Dienstleistungen an. Klar kann es mal vorkommen, dass Kunden eine heruntergefallene Briefmarke von einem orthopädischen Schuh pflücken müssen oder einer der Behinderten etwas länger braucht, bis das Päckchen vermessen ist, aber meistens besticht die Filiale durch kurze Wartezeiten. Und das lässt sich ja längst nicht über alle Postfilialen sagen.

Der Landeswohlfahrtsverband Eingliederungshilfe hat das Modell entwickelt

Die erste integrative Post im Land hat der Landeswohlfahrtsverband Eingliederungshilfe vor knapp zehn Jahren eingerichtet: eine Post-Agentur in einem Reutlinger Buchladen, die Menschen mit Behinderungen anspruchsvolle Arbeitsplätze bot. „Das war ein absolutes Novum“, sagt Friedrich Haselberger, der federführend für die Bereiche Werkstätten und Service zuständig ist. Er erinnert sich noch genau daran, wie er die Deutsche Post für das ungewöhnliche Konzept gewinnen musste. Der Laden lief, die Behinderten hatten Jobs nah dran an der Kundschaft und voller Verantwortung. Im Jahr 2008 folgte dann der kleine Postpoint samt Behindertenwerkstatt im Französischen Viertel in Tübingen, ein Prototyp.

Anfangs sei es schon mal vorgekommen, dass ein Brief nicht ausreichend frankiert war, erzählt Martha Neuffer. Aber mit dem Zivildienstleistenden an ihrer Seite habe sie schnell dazugelernt. „Ich darf alles machen – außer die Abrechnung“, sagt sie stolz und bedient nebenher die Kundschaft, die an diesem Nachmittag ohne Unterlass durch die gläserne Schiebetür hereinkommt. „Hallo Martha“, heißt es immer wieder, der Ton ist familiär. Manche legen die Pakete zum Wiegen gleich selbst auf die Waage. Als eine Kundin den aufklebbaren Schein für das Päckchen nicht findet, steht Martha Neuffer auf und eilt ihr zur Hilfe. Das Gehen fällt ihr schwer, für längere Strecken weicht sie gelegentlich auf den E-Rolli aus.

Die Stammkundschaft lobt den Service

Die Kundschaft ist glücklich über den Postpoint. „Es läuft besser als in der Hauptpost“, lobt Andreas Oehler, der im Französischen Viertel arbeitet und in der Mittagspause mal schnell ein Päckchen abliefert. Auch Stammkundin Helga Meier, die eine Bastelstube um die Ecke führt, lobt den vorbildlichen Service. Sie kommt jeden Tag mit Briefen vorbei. „Integrativ oder nicht ist mir egal“, sagt sie, „Hauptsache Post.“

Um in Stoßzeiten das Tempo zu halten, hat sich Martha Neuffer einen Kniff ausgedacht. Sie schreibt das Porto mit Bleistift rechts oben auf die Sendungen und frankiert sie später, wenn die Hektik nachgelassen hat. „Mit Stress kann ich umgehen“, sagt sie. Sie arbeitet mal halbe, mal ganze Tage in der Post. Nur an Weihnachten brauche sie gelegentlich Unterstützung vom Werkstattleiter gleich nebenan. Ein Anruf genügt, dann kommt die Verstärkung.

Die integrative Post in Tübingen hat Vorbildcharakter. „Nächste Woche schaut die Lebenshilfe Göppingen vorbei, die wollen das kopieren“, sagt der Bereichsmanager Haselberger. Auch in Schwabing gebe es eine Stempelwerkstatt samt Postpoint bei der Stiftung Pfennigparade, einem Münchner Rehabilitationszentrum für körperbehinderte Menschen. „Die haben sich das bei uns abgeschaut“, erzählt Haselberger. Ähnliche Modelle gibt es auch bei der Arbeiterwohlfahrt, die in dem einen oder anderen CAP-Markt Post Points eröffnet haben. Die CAP-Märkte sind Supermärkte, in denen Menschen mit Handicaps beschäftigt sind.

Haselberger ist froh, dass er zwar die Rentabilität im Auge behalten muss, aber Wirtschaftlichkeit bei weitem nicht das einzige Kriterium bei der Schaffung von Arbeitsplätzen für Behinderte ist. „Eigentlich müsste die Deutsche Post unsere Martha Neuffer übernehmen, so gut ist sie mittlerweile“, sagt er. Doch bisher lehnte das Unternehmen dankend ab.

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