Wie hier kümmern sich auch in Sindelfingen Intensivpflegekräfte und Ärzte Tag und Nacht um schwerkranke Patienten. Foto: dpa/Symbolbild/Archiv
Auf der Intensivstation im Klinikum Sindelfingen arbeiten Menschen an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod. Ihnen wird einiges abverlangt – fachlich wie menschlich.
Leuchtende Monitore, Schläuche, Medikamente, Maschinen und ein ständiges Piepgeräusch: An keinem Ort im Krankenhaus werden Patientinnen und Patienten engmaschiger betreut als auf der Intensivstation. Dort erholen sich Menschen nach komplexen Operationen, schweren Unfällen oder ernsten Erkrankungen. Zum Alltag gehören aber auch die Fälle, in denen Ärzte und Pfleger nichts mehr ausrichten können – trotz des medizinischen Fortschritts. Dann wird die Intensivstation zur Endstation eines Lebens.
Wie in vielen Bereichen des Gesundheitssystems ächzt auch die Intensivmedizin unter dem Fachkräftemangel. Die Anforderungen an Ärzte und Pflegekräfte auf einer Station, auf der es rund um die Uhr um Leben und Tod gehen kann, sind hoch. „Wir haben es bei uns mit einem Bereich zu tun, der besonders stark technisiert ist. Die Patienten sind in kritischem Zustand. Auch emotional ist die Arbeit mit schwer kranken Patienten und deren Angehörigen fordernd“, fasst es Doktor Andreas Ostermeier, Chefarzt der Intensivmedizin und Anästhesie an den Standorten Sindelfingen, Böblingen und Herrenberg, zusammen.
Isabelle Zimmerhakl und Andreas Ostermeier behandeln und pflegen Schwerstkranke. Foto: Stefanie Schlecht
Isabelle Zimmerhakl ist eine dieser begehrten Intensiv-Pflegekräfte. Die gebürtige Belgierin ist seit 2009 in Sindelfingen beschäftigt. Auch sie kann aus Erfahrung berichten: Wer Tag für Tag mit schwer kranken Patienten arbeitet, braucht ein hohes Maß an Belastbarkeit. „Natürlich gibt es öfter schwierige Situationen, die uns mitnehmen. Gerade wenn jüngere Patienten vor einem liegen und vielleicht sterben, ist das emotional belastend“, sagt die 48-Jährige. Oder wenn Ärzte Angehörigen die Mitteilung machen müssten, dass keine Hoffnung mehr bestehe oder die Entscheidung anstehe, ob Geräte abgestellt werden sollten. Gerade dann sei eine Qualität entscheidend: „Man muss sich seine Menschlichkeit bewahren. Es ist auch in Ordnung, dass wir eine Träne verdrücken oder Angehörige mal umarmen. Oder auch, an einen Kollegen zu übergeben, weil man eine Pause braucht“, erklärt Zimmerhakl.
Gerade jüngere Ärztekollegen zeigten sich oft hoch fasziniert von dem Tätigkeitsfeld Intensivmedizin. „Das klingt für einige junge Kolleginnen und Kollegen spannend. Nicht alle bleiben dann aber dabei“, sagt Andreas Ostermeier. Gelegentlich komme es auch vor, dass ältere, erfahrene Mediziner ihren Dienst zwischen Herz-Lungen-Maschine und Isolationszimmer quittierten. „Ich erinnere mich an einen Kollegen um die 60 Jahre, der dem Belastungsniveau nicht mehr standhalten konnte. Auch die nächtliche Schichtarbeit machte ihm zu schaffen. Das ist schade. Ich hatte mit dem Kollegen zwölf Jahre zusammengearbeitet“, sagt Ostermeier, der seit 2011 die Böblinger und Herrenberger und seit 2022 die Sindelfinger Intensivstation leitet.
Hobbies dienen den Beschäftigten als wichtiger Ausgleich
Damit nicht zu viele dieser Fälle auftreten, gäbe es verschiedene Möglichkeiten, mit dem Arbeitsdruck und der emotionalen Belastung umzugehen. „Wir sprechen untereinander viel und helfen uns. Der Teamgeist hier ist entscheidend und darauf kann man sich verlassen“, betont Isabelle Zimmerhakl. „Es gibt mit Seelsorgern auch weitere Ansprechpartner. Und jeder hat so seine Strategie, wieder runterzukommen.“
Hier können gleich mehrere Medikamente verabreicht werden. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Die Mutter zweier Kinder, die einst der Liebe wegen aus der Schweiz in die Daimlerstadt zog, setzt als Ausgleich vor allem auf Sport und Bewegung. „Ich fahre immer mit dem Fahrrad zur Klinik und nach Hause. Auf den Fahrten kann ich alles nochmal gedanklich aufarbeiten“, sagt die Intensiv-Pflegekraft.
Erfreulich, so der Chefarzt, sei, dass sich trotz des geringer werdenden öffentlichen Interesses für die Intensivstationen seit Ende der Coronapandemie immer wieder neue Arbeitskräfte für die Station entschieden. Attraktiv wirke das Arbeitsumfeld auch, weil dort Fachärzte unterschiedlicher Disziplinen, Pflegekräfte und verschiedentliche Therapeuten voneinander lernen könnten. „Wir sind in der Intensivmedizin vorne dabei, was den medizinischen Fortschritt angeht. Wir haben Hightech-Geräte und dadurch auch gute Möglichkeiten, lebensbedrohlich kranke Menschen wieder aufzubauen. Und das ist der Kern medizinischen Arbeitens“, unterstreicht Doktor Ostermeier.
Isabelle Zimmerhakl fügt an: „Der Beruf ist erfüllend. Man erlebt die intensivsten Momente von Menschen mit und kann etwas bewegen. Deshalb kann ich junge Menschen nur ermutigen: Macht ein Praktikum und probiert es aus!“
Die Intensivmedizin
Intensivstation Im Klinikverbund stellt die Sindelfinger Intensivstation mit 15 Betten die größte ihrer Art dar. In Böblingen können acht Intensivpatienten versorgt werden. Überall wird interdisziplinär und interprofessionell gearbeitet: Es gibt also verschiedene Fachärzte wie Intensivmediziner, Anästhesisten, Internisten oder Notfallmediziner, aber auch Pflegekräfte, Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Apotheker und Seelsorger.
IMC Dazu kommen Patienten, die an der direkt angeschlossenen, sogenannten IMC-Station (Intermediate Care) betreut werden. Das sind Menschen in einer weniger kritischen Gesundheitsverfassung, die aber noch Überwachung benötigen. In Sindelfingen gibt es acht dieser Betten, in Böblingen vier.