Internationale Bachakademie Stuttgart Helmuth Rilling droht mit Rücktritt

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Der Streit um die Zukunft der Bachakademie spitzt sich zu: Ihr Leiter Helmuth Rilling droht mit einem Rückzug, falls der Vorstand nicht klein beigibt.

Helmuth Rilling in seinem Stuttgarter Büro Foto: Steinert
Helmuth Rilling in seinem Stuttgarter Büro Foto: Steinert

Stuttgart - Die vergangenen vierzehn Tage werden nicht die leichtesten im Leben des Helmuth Rilling gewesen sein. War das nicht immer ein Künstlerleben, das sich kaum anders als sonnig bezeichnen lässt, war das nicht eine stolperfreie Erfolgsgeschichte? Über Weihnachten und Neujahr muss der 78-jährige Dirigent und künstlerische Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart (IBA) schwer mit sich gerungen haben, denn der offene Brief, den er dann per E-Mail versenden ließ, war so hart und kompromisslos formuliert, wie man das von diesem bedächtig sprechenden Künstler bisher nie erlebt hatte.

In dem Schreiben an die Mitglieder des Vorstands und das Kuratorium der Bachakademie sowie die Mitglieder des Vorstands des Förderkreises fordert Rilling den IBA-Vorstand ultimativ zum Rücktritt auf. Der Brief, der der Stuttgarter Zeitung vorliegt, schließt mit zwei Sätzen: „Für mich ist die Grenze des Zumutbaren erreicht – mit diesem Vorstand kann und will ich nicht mehr zusammenarbeiten. Wenn er im Amt bleibt, werde ich selbst als Akademieleiter zurücktreten.“

In den Tagen vor Weihnachten war bekannt geworden, dass der Vorstand den Vertrag von Christian Lorenz, dem Intendanten der Bachakademie, nicht über 2013 hinaus verlängert. Das habe sein Verhältnis zum Vorstand „belastet“, wie Rilling schreibt. Er hat Lorenz’ Arbeit, die er für „vorzüglich“ hält, bis zuletzt bedingungslos unterstützt. Vor Kurzem wurde auch publik, dass der Dresdner Hans-Christoph Rademann Rillings Nachfolger wird. Rilling will sich nach dem 29. Mai 2013, wenn er achtzig wird, aus Stuttgart zurückziehen und vermehrt auswärts gastieren. Gegen seinen zeitweiligen Schüler, der in der Musikszene weithin anerkannt ist, kann Rilling nicht wirklich etwas einwenden.

Im Kern geht es um den Intendanten Lorenz

Rillings vorzeitiger Rücktritt, den er in dem Brief ankündigt, wäre der Schlusspunkt eines Konflikts, der sich lange aufgebaut hat. Er hat viel mit Befindlichkeiten, mit Selbstüberschätzung und Missverständnissen zu tun. Auf der Strecke ist in dieser Zeit auch eine Freundschaft geblieben, denn der Vorstandsvorsitzende der Akademie, Berthold Leibinger, gehörte seit Jahrzehnten zu Rillings treuesten Unterstützern und war einer der finanziellen IBA-Förderer – wenn auch nicht der größte. Als dem Dirigenten 2001 der Hanns-Martin-Schleyer-Preis verliehen wurde, hielt Leibinger die Laudatio, nannte Rilling „einen Brückenbauer“, einen „Karajan der Barockmusik“. So was sagen nur Freunde.

Kernpunkt der Situation ist letztlich die Personalie Lorenz, die im Laufe der Nachfolgesuche eine eigene Dynamik entwickelt hat. Für die 2010 eingesetzte Findungskommission wurden hochrangige Mitglieder gewonnen: unter anderem die Ex-Intendantin des Berliner Philharmonischen Orchesters, Pamela Rosenberg, Rü­­diger Nolte, Rektor der Freiburger Musikhochschule, Felix Fischer, Orchestermanager des RSO Stuttgart, der Bach-Forscher Christoph Wolff und der Intendant des Festspielhauses Baden-Baden, Andreas Mölich-Zebhauser.

Der Kommission gegenüber soll sich Christian Lorenz bald selbst als neuer Akademieleiter ins Gespräch gebracht haben – und als ausgebildeter Dirigent (die Website der Bachakademie erwähnt Meisterkurse bei Michael Gielen, Gustav Meier und Leonard Bernstein) könne er auch das eine oder andere Konzert leiten. Im Übrigen habe Lorenz parallel dazu, vor rund anderthalb Jahren, seine Vertragsverlängerung ins Spiel gebracht, „kein geschickter Zug“, wie ein Vorstandsmitglied gestern meinte. Zumal Lorenz eine Satzungsänderung forderte, die den Intendanten zur stärksten Kraft im Organisationsgefüge der Bachakademie gemacht haben würde.

All das hätte dazu geführt, dass ein Rilling-Nachfolger, für den nach Ansicht des Vorstands nur ein erstklassiger Künstler infrage kommen sollte, nur im Schatten des Intendanten blühen durfte – wen hätte man da schon gewinnen können?

„Anfangs war die Vertragsverlängerung von Lorenz gesetzt“: Die Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann bestätigt, dass der Vorstand mit Lorenz, dessen gute Arbeit anerkannt wurde, nach 2013 weitermachen wollte. Doch bald muss sich das Verhältnis rapide abgekühlt haben, wie von anderer Seite berichtet wird, denn viele seriöse Kandidatenvorschläge der Kommission sollen von Lorenz und Rilling glattweg abgelehnt worden sein. Leibinger selber schien flexibler gewesen zu sein: Er hatte bald eingesehen, dass sein Favorit, der Stuttgarter Stiftskantor Kay Johannsen, nicht durchzusetzen war. Mit dem Kandidaten Hans-Christoph Rademann konnte er leben. Anfang Dezember kam es zu einem Treffen von Rademann, Lorenz und Rilling, vor dem Rilling Lorenz unter vier Augen noch einmal gebeten haben soll, dass er als Intendant seine Aufgabe als eine „dienende“ formuliere. In der Dreierrunde soll Lorenz dagegen wieder von „partnerschaftlichem Miteinander“ und „Arbeit auf Augenhöhe“ gesprochen haben.

Genau das lief den Vorstellungen des Vorstands entgegen. Man wollte eine eindeutige Spitze – und dadurch im Sinne von Rilling dessen Lebenswerk fortführen. Aber das schien in den vielen Gesprächen, Briefen und E-Mails Ende vergangenen Jahres von den Parteien vergessen worden zu sein. So erwähnt Rilling in seinem Rundbrief ein Schreiben, das ihm der Vorstandsvorsitzende Berthold Leibinger am 20. Dezember geschickt habe, „in dem er mir Vorschriften zur Leitung der Bachakademie in der Übergangszeit macht. In meiner jahrzehntelangen Arbeit für die Bachakademie gab es das noch nie.“

Die Ära Rilling könnte in Bitternis enden

Mitglieder des Vorstands, die Leibingers Brief kennen, lösen den Sachverhalt überzeugend auf. Leibinger weist Rilling im Namen des Vorstands darauf hin, dass Rademann künftig in die Gestaltung der Übergangszeit von 2013 an eingebunden werden muss, denn in diesem Jahr gibt es ein Musikfest, die Saison 2013/14 muss vorbereitet werden. Das als Vorschrift zu verstehen, sei eher das „Drama zweier großer Persönlichkeiten“, so ein Vorstandsmitglied.

In einer Erklärung des Vorstands hieß es gestern, Rillings Brief „mit Bedauern und Unverständnis zur Kenntnis genommen“ zu haben. „Der Brief entspricht nicht dem Stand der Kommunikation zwischen dem Vorstand der IBA und dem Akademieleiter. Es war und ist das Bemühen des gesamten Vorstands, den einvernehmlich auf Mitte des Jahres 2013 terminierten Wechsel in der Akademieleitung im Konsens mit Helmuth Rilling zu gestalten.“

Ob das gelingt, ist offen, denn zurücktreten wird der Vorstand nicht: „Der ultimative Charakter der abschließenden Formulierung des Rundbriefs ist für den gesamten Vorstand (. . .) bei aller Hochachtung für Helmuth Rilling nicht akzeptabel. Der Vorstand geht davon aus, dass sich dies im Gespräch mit Helmuth Rilling klarstellen lässt.“ Der war gestern nicht für eine weitere Erklärung zu erreichen. Nach dem Ton seines Briefes zu schließen, könnte die Ära Rilling in Bitternis enden. Und dass er wie geplant bei der Vorstellung seines Nachfolgers Hans Christoph Rademann am 16. Januar dabei ist, darf bezweifelt werden.