Berlin - Die Ifa führt zu ihrem Auftakt am Mittwoch an Kühlschrank und Herd. Die Marketingdamen und -herren preisen wortreich die Welt des Internets an, in der ihre Küchengeräte operieren: Kühlschränke zeigen Kochvideos auf dem integrierten Display an und geben per Druck den Blick auf ihr Inneres frei. Für Roboterstaubsauger lassen sich Routen festlegen. Dunstabzugshauben regulieren sich über ihre Geruchssensoren selbst. Es gibt Projektoren, die die Küchenplatte zum virtuellen Tablet machen. Boschs Kühlschrank erkennt per Kamera, ob das Gemüse sich im korrekten Fach befindet. Neu ist, dass auch die Geräte sich zu Wort melden. Die Sprachsteuerung ist nach der Vernetzung der überragende Messetrend. Sie soll die Deutschen überreden, sich ein neues Gerät anzuschaffen.
Bislang hat die Branche mit vielen vernetzten Produkten ein Problem: Den Verbrauchern ist die Bedienung oft zu kompliziert und die Eingabe über das Smartphone zu fummelig. Ein Sprachbefehl, der dem Herd das Programm für das Hühnchen diktiert, könnte Abhilfe schaffen und die Kunden vom Mehrwert der vernetzten Küchenwelt überzeugen, glauben die Entwickler. Als Paradebeispiel dient der Koch, der wahlweise die Hände schmutzig oder auch nur voll hat. Die Technik sei jetzt ausgereifter und die Anwendungen besser aufeinander abgestimmt, versprechen die großen Hersteller wie Bosch und Siemens Hausgeräte, Miele, Haier und Samsung. Sie setzen auf den Mundpropaganda-Effekt. „Wenn eine gewisse Masse erreicht ist“, heißt es an einem Stand, „dann geht es ganz schnell.“
Die Elektronikbranche sieht einen Milliardenmarkt
So wie es mit den intelligenten Lautsprechern der Fall war. Noch vor einigen Jahren konnte sich in Deutschland kaum jemand vorstellen, sich mit einer schmalen Box zu unterhalten, bis im Herbst 2016 Amazons Echo mit der digitalen Assistentin Alexa auf den Markt kam. Google mit dem smarten Lautsprecher Home und Apple mit dem Homepod folgten. Inzwischen nutzen knapp neun Millionen Bundesbürger einen sprechenden Lautsprecher, verkündete der IT-Branchenverband Bitkom am Mittwoch – und rechnete hoch, dass damit bereits jeder fünfte Haushalt abgedeckt sei.
Die Erkenntnisse bezieht der Verband aus einer Studie mit der Unternehmensberatung Deloitte. So steuern sieben von zehn Nutzern mit den smarten Lautsprechern Geräte im Haushalt, ein Drittel davon mit ihrer Stimme. Noch tun sie es, um Musik oder Radio zu hören oder sich die Abfahrtszeiten von U-Bahnen, Sport- oder Suchergebnisse ansagen zu lassen. Doch die Branche glaubt, dass die Sprachsteuerung künftig neben Lautsprechern und Musikanlagen Schritt für Schritt den kompletten Haushalt erobern wird. „In den nächsten Jahren werden wir immer mehr Geräte wie selbstverständlich mit unserer Stimme steuern“, sagt Christopher Meinecke, Leiter Digitale Transformation im Bitkom. „Hier entsteht gerade ein neuer Milliardenmarkt.“ Entscheidend dafür würden ein großes Angebot an Anwendungen sowie die Vernetzung mit anderen smarten Geräten sein.
Amazon und Google greifen immer mehr Daten ab
Auf der Messe geben die Aussteller ihr Bestes: Immer mehr Küchengeräte, Fernseher und Kopfhörer gehorchen aufs Wort. Alexa & Co. ziehen selbst in Lichtwecker und Serviceroboter ein. Die Hersteller glauben, ohne Internetanschluss und Sprachsteuerung ihre Geräte nicht mehr verkaufen zu können. Die meisten integrieren die digitalen Assistenten von Amazon und Google, weil sie selbst nicht die nötigen Mittel oder Expertise haben. Und besitzen sie diese wie zum Beispiel Bosch, integrieren sie dennoch Amazons Steuerung, weil sie die größte Verbreitung hat.
Damit erobern Amazon und Google immer mehr Haushalte und greifen Daten ab. Die Hersteller versuchen die Befürchtungen, dass private Daten nach außen gelangen können, zu zerstreuen. In der EU gelte schließlich seit Mai ein strenger Datenschutz-Standard. Dennoch sind noch viele Fragen unklar. Auch, wer aus den Daten die besten Geschäfte macht.
Das vernetzte Zuhause nimmt nur langsam Gestalt an
Ob die Verbraucher in Deutschland darauf vertrauen? Die Angst, dass private Daten durch Pannen nach außen dringen oder Hacker sie knacken, ist weit verbreitet – auch das zeigen Branchenstudien. Die Angst ist mit ein Grund, weshalb das vernetzte Zuhause, das schon seit Jahren als Trend ausgerufen wird, nur langsam Gestalt annimmt. „Wir glauben, dass das Smarthome an der Schwelle zum Durchbruch steht“, ist sich Meinecke dennoch sicher und verweist auf eine weitere aktuelle Bitkom-Studie: Demnach nutzt jeder vierte Deutsche bereits eine Smarthome-Anwendung – am häufigsten intelligente Beleuchtung, Video-Überwachung, Sprachassistenten, Rollläden, Heizungen und Alarmanlagen. Außerdem plane ein Drittel der Deutschen, sich in den nächsten zwölf Monaten eine smarte Anwendung für das Zuhause anzuschaffen.
Betrachtet man die Studie aber genauer, zeigt sich, dass die Anwendungen oft wenig Umsatz bringen. So gibt es einen intelligenten Heizungsthermostat für 20 Euro zu kaufen, und die smarte Beleuchtung kostet im Möbelhandel kaum mehr. Von einem rundum vernetzten Zuhause sind die Deutschen trotz Sprachsteuerung ohnehin noch meilenweit entfernt. So hat die Ifa wiederum den Durchbruch für die Sprachsteuerung und das Smarthome ausgerufen – doch den Ruf haben die Verbraucher noch nicht, oder nicht zu Genüge, erhört.