Internationale Jazztage im Theaterhaus Magischer Jazz und ein Hauch von Las Vegas

Einer der bewegendsten Momente des Festivals: das Konzert von Rita Payés Foto: Theaterhaus/Martin Kemeter

Am Oster-Wochenende haben Wolfgang Haffner, das Tingvall Trio, Gismo Graf und die Katalanin Rita Payes Glanzpunkte gesetzt bei den Internationalen Jazztagen im Theaterhaus. Bemerkenswert war die Dichte an Evergreens, die wirkten wie Reminiszenzen an bessere Zeiten.

Wolfgang Haffner beginnt bei den Theaterhaus-Jazztagen mit einem Solo, erst mit Klöppeln, dann mit Drumsticks, dann mit quietschenden Spielzeughämmern – der Charmeur aus Franken hat Sinn für Humor. Und er spielt natürlich in einer eigenen Liga. Haffner bearbeitet sein Schlagzeug mit überbordendem Ideenreichtum, er hat immer den Groove im Blick und entfaltet dabei eine ungeheure Dynamik.

 

Mit dem vielseitigen Keyboarder Simon Oslender und dem druckvollen E-Bassisten Thomas Stieger erzeugt Haffner einen vielfarbigen, mitreißenden Fusion-Sound. Nach 45 glänzenden Minuten bekommt das Trio Gesellschaft. Im Dezember wird Haffner 60, die Feiern beginnen bereits jetzt. Die Gäste im Theaterhaus: der schwedische Posaunist und Sänger Nils Landgren und der deutsche Opernsänger Thomas Quasthoff, der seinen Bassbariton seit einiger Zeit auch dem Jazz widmet. Quasthoff intoniert mit viel Gefühl „You are so beautiful“ und Stevie Wonders „If it’s Magic“, der gerne in höhere Lagen wandernde Landgren sein selbst komponiertes Liebeslied „Get Here“. Eine Crooning-Revue, Barry White meets Phil Collins – mehr Las Vegas war selten im Theaterhaus. Landgren spielt geschmeidig seine rote Posaune und ist sich nicht zu schade, auch „I Will Survive“ zu intonieren. Den meisten Zuschauenden gefällt das. Die anderen können sich auf Haffner konzentrieren. Allein seine aneinandergereihten Kabinettstückchen sind den Eintritt wert.

Neo-Romantik mit Martin Tingvall Trio

Der schwedische Pianist Martin Tingvall schreibt umwerfend schöne Songs und bringt so einem breiten Publikum den Jazz nahe. Mit dem Drummer Jürgen Spiegel und dem Kontrabassisten Omar Rodríguez Calvo verschmilzt Tingvall zu einer überragenden Einheit. Seit 20 Jahren existiert das Trio in dieser Besetzung, und die drei spielen mit einer Freude zusammen, die sich überträgt. Kein Blatt Papier passt zwischen die drei Virtuosen. Jedes einzelne Stück ist eine Reise zur Sehnsucht, zur Ferne, zur Fantasie. Mal zieht Tingvall zackige Melodielinien, mal schwelgt Calvo mit seinem klaren Ton in purem Wohlklang, mal explodiert Spiegels Spiel in filigranem Wirbeln. Beim Klassiker „Vägen“ schmiegen sich die drei Instrumente ineinander, eine neo-romantische Offenbarung ist dieses Konzert, und eine große Energieleistung. Tosender Applaus, zu Recht.

Lodernde katalanische Leidenschaft

Den gab es auch schon für die erste Künstlerin des Abends: Die Katalanin Rita Payés, barfuß und im weißen Kleid, hat sie das Publikum in Wohlklang gehüllt mit ihrer Stimme und ihrer Posaune. Feinsinnig bedient die junge Frau das Instrument, dunkle Verheißung lodert in den Tönen. Das spanische Element ist unverkennbar in allen ihren Stücken, an der Konzertgitarre sitzt Payes’ Mutter Elisabeth Roma und streut gerne mal Flamenco-Impressionen ein. Die Sängerin hat große, ergreifende Melodien im Programm, sie lässt ihr Publikum teilhaben an ihren kreativen Gedanken. Gefühlen und Beweggründen. „Bei diesem Lied habe ich mir Menschen in einem Chor vorgestellt“, sagt sie an einer Stelle, „vielleicht mögt ihr dieser Chor sein?“ Da lässt niemand zweimal bitten, alle im ausverkauften Saal T1 singen leidenschaftlich mit Rita Payés – die damit den Preis für den ergreifendsten Moment des Festivals bekommen müsste.

Eine Zeitreise mit Gismo Graf

Vergleiche mit Django Reinhardt sind im Gypsy Swing unvermeidbar und im Fall des Stuttgarter Gitarristen Gismo Graf tatsächlich berechtigt: Flink und facettenreich bedient er alle Spielarten des Genres. Seit 15 Jahren musiziert er im Trio mit seinem Vater Joschi, eine Bank an der Rhythmusgitarre, und dem Kontrabassisten Joel Locher, der munter walkt und bei seinen Soli ebenfalls atemberaubende Geschwindigkeiten erreicht. Dazu gesellt sich der niederländische Geigenvirtuose Tim Kliphuis, der den Sound der Salons in die Gegenwart trägt: Mal miaut seine Geige, mal lässt er sie in den höchsten Tönen erklingen, mal zupft er ein kleines Arpeggio – sagenhaft. Auch Gismo Grafs Schwester Cheyenne hat einen Gastauftritt. Sie singt mit bezaubernder Stimme die Evergreens „I got Rhythm“ und „Take the A-Train“. Bei einem berührenden Stück auf Romanes öffnet sie dann ihr Herz und ihre Stimmbänder und offenbart ihr ganzes Potenzial. Am Ende genehmigt sich Gismo selbst eine Gesangseinlage. Mit heller Männerstimme singt er Nat King Coles „Mona Lisa“, und man ahnt: In diesem immer noch jungen Mann schlummert jede Menge weiteres Potenzial.

„Thriller“ mal ganz anders

Der kubanische Pianist Alfredo Rodríguez ist ein Tastenvirtuose und Showman. Er kann mit seinem Trio vieles spielen, auch eine Coverversion von „Besame Mucho“, bei der das Publikum dankbar mitmacht, soweit es den spanischen Text kennt. Quincy Jones habe ihn einst in Montreux entdeckt, erzählt er, und spielt als Reminiszenz an den 2024 verstorbenen Produzenten eine Version von dessen Meisterwerk, Michael Jacksons „Thriller“: Er verwandelt den Song in rasanten Piano-Jazz, melodisch flankiert von seinem Bassisten; er interpretiert, eignet sich das Stück quasi an. Das ist mal eine Coverversion, die es in sich hat.

Eine kubanische Zaubergeigerin

Die kubanische Musikerin Yilian Cañizares jagt ihre Geige gern durch einen Soundprozessor, der tiefe Oktaven und Echo hinzufügt. Mächtig klingt das, wie Filmmusik, doch sie versteckt sich nicht permanent dahinter: Cañizares ist ein Ausnahmetalent, auch mit nacktem Sound verzaubert ihr Spiel die Menschen. Singen kann sie auch, mächtig und betörend. Manchmal tut sie beides zugleich, und mitunter in erstaunlichem Tempo, etwa wenn sie wilde Läufe spielt und dazu scattet. Gegen Schluss lässt Yilian Cañizares das Publikum eine berückende afrokubanische Melodie singen, die Frauen beschützen und Liebe und Frieden in die Welt bringen soll – und als alle die Töne gefunden haben, entsteht ein weiterer magischer Moment dieses Festivals.

Viele Künstler danken explizit dem Theaterhaus für die Einladung zum Festival und für die familiäre Aufnahme. Tatsächlich herrscht bei den Internationalen Jazztagen schon immer eine besondere Atmosphäre, ein analoges Gefühl von Gemeinschaft. Stuttgart kann froh sein über solche Orte und solche Veranstaltungen.

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