Internationale Schule Degerloch Schüler simulieren die Vereinten Nationen

„Ihr werdet eine faulige Ernte einfahren.“ Die Delegation des Sillenbucher Geschwister-Scholl-Gymnasiums vertritt Syrien und wettert gegen westliche Medien. Foto: Ott
„Ihr werdet eine faulige Ernte einfahren.“ Die Delegation des Sillenbucher Geschwister-Scholl-Gymnasiums vertritt Syrien und wettert gegen westliche Medien. Foto: Ott

An der Internationalen Schule diskutieren 125 Jugendliche über Bürgerkrieg und Menschenrechtsverletzungen.

Filder-Zeitung: Rüdiger Ott (ott)
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Stuttgart-Degerlich - Die Delegationspräsident aus Syrien lässt keine Zweifel aufkommen. Die Regierungen des Westens tragen seiner Auffassung nach eine Mitschuld daran, dass sein Land von terroristischen Angriffen heimgesucht wird. Sie beliefern die Feinde Syriens mit Waffen, die sogar Panzer zerstören können und unterstützen damit nur die Extremisten von Al-Kaida. Die westlichen Medien verbreiten Hass und Lügen. Russland, Venezuela, Iran, Nordkorea und China hätten diese Scheinheiligkeit durchschaut. Der arabische Frühling täusche. Amerika und Europa werden eine faulige Ernte einfahren.

Sätze wie diese sind es, die Tim Krauter begeistern. „Bei den Model United Nations lernt man viele Leute und Kulturen kennen“, sagt der 16-Jährige. „Und man lernt, sich in ein Land zu versetzen, dessen Werte man vielleicht gar nicht vertritt.“ Krauter sitzt an einem Tisch neben dem Rednerpult und spielt Ban Ki-moon, den Generalsekretär der Vereinten Nationen. Vor einigen Minuten hat er durch Klopfen mit einem Holzhammer die Vollversammlung eröffnet, die aber tatsächlich nicht im New Yorker UN-Hauptquartier abgehalten wird, sondern in der Aula der Internationalen Schule in Degerloch. Und der syrische Delegationspräsident, der gerade seine Rede hält, ist auch kein Syrer. Er heißt Tomás Herman und besucht das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Sillenbuch.

Schon zum sechsten Mal wurden die Vorgänge aus den Konferenzsälen und Empfangsbereichen der Vereinten Nationen in der Internationalen Schule nachgespielt. In diesem Jahr nahmen 125 Schüler an den dreitägigen Verhandlungen von Freitag bis Sonntag teil. Sie kamen aus Stuttgart, Tübingen, Heidelberg und Pforzheim , manche saßen im Sicherheitsrat, andere im Wirtschafts- und Sozialrat. Sie diskutierten über den syrischen Bürgerkrieg, das Vordringen der Wüste in Nord-Afrika, Homosexualität und Emanzipation im Nahen Osten und Menschenrechtsfragen im Sudan. Sogar einige Schüler aus dem weißrussischen Minsk wollten teilnehmen, sie mussten aber kurzfristig absagen.

Um was es geht, zumindest für manche, ist Macht

Mit Lawrence Butler ist auch ein Profi dabei, zumindest bei der Eröffnungszeremonie. Später hält er sich heraus, mit seinem Verhandlungsgeschick könnte er wohl sogar die Syrer aus Sillenbuch zum Frieden bewegen. „Ich habe in den vergangenen 15 Jahren versucht, Kriege zu verhindern“, sagt Butler. Das ist nicht übertrieben. Mitte der 90er-Jahre vermittelte er als US-Gesandter im Balkankonflikt. Er handelte 1998 das nordirische Friedensabkommen mit aus. Er war Botschafter in Mazedonien. Derzeit ist er außenpolitischer Berater für das Europakommando der amerikanischen Streitkräfte in Vaihingen.

Die Diplomatie sei bereichernd, sagt Lawrence, sie sei aber auch gefährlich. An das Leben mit Schutzweste und Helm hat er sich gewöhnt. „Ein Freund von mir war in Bengasi“, sagt er. Vor vier Monaten starben bei einem Angriff auf die Botschaft in Libyen der dortige Botschafter und drei Diplomaten. Er gibt den Nachwuchsdelegierten dann noch einen Hinweis mit auf den Weg: „Egal, ob ihr denkt, ihr seid Engel und der andere der Teufel, ihr müsst euch hinsetzen und friedlich miteinander reden.“

Engel? Teufel? Um was es geht, zumindest für manche, ist Macht. Die Schüler können sich aussuchen, für welche Fahne sie in die Verhandlungen ziehen. „Die einen wählen große Länder“, sagt Johannes Ladwig, der die Vollversammlung als Präsident leitet und ein Jahr lang zusammen mit Krauter die Simulation vorbereitet hat. Wer eine Vetomacht ist, kann Einfluss nehmen, während andere nur reden. „Die anderen wählen kleine Länder wie Dschibuti“, sagt der Elfklässler. Was solche Länder bewegt, schafft es selten in die Nachrichten. „Dann gibt es noch diejenigen, die Länder mit abartigen Problemen vertreten wollen.“ Da lasse sich prima provozieren.




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