Internationaler Ausnahmepianist Tian Jiang Aus dem roten China über New York nach Gerlingen

Ein Leben für die Musik: Tian Jiang am Flügel im heimischen Wohnzimmer in Gerlingen. Foto: Simon Granville

Der chinesisch-amerikanische Ausnahmepianist Tian Jiang hat nach einer beeindruckenden Karriere in den USA seine Liebe und seinen Heimathafen in Gerlingen gefunden. Doch in der Welt unterwegs ist er immer noch.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Es ist wohl eine Fügung des Schicksals, dass ausgerechnet eine linientreue chinesische KP-Funktionärin Tian Jiang den Weg in den Westen geöffnet hat. Ein Weg, der den Ausnahmepianisten von Shanghai über San Francisco und New York nach Gerlingen führt. Dort lebt er jetzt mit seiner Familie. Am Sonntag spielt er um 19 Uhr in der Stadthalle Leonberg.

 

Musiker haben es in der Sechzigern in China sehr schwer. Die Kulturrevolution tobt, alles aus dem Westen ist strikt verboten, selbst Klassiker wie Mozart oder Beethoven. Das bekommt in Shanghai auch die Familie Jiang zu spüren. Der Vater ist Opernsänger, die Mutter eine kulturaffine Zahnärztin. Kein Wunder, dass ihr Sohn schon mit vier Jahren das Klavier für sich entdeckt.

Doch dann stürmen Rotgardisten das Haus der Jiangs und stellen alles auf den Kopf. „Wir waren eine intellektuelle Familie und damit im kommunistischen China Menschen dritter Klasse“, erklärt Tian Jiang. Als Mitglied der Oper argumentiert sein Vater damals, dass er ein Klavier für seinen Beruf benötigt. So kann auch Tian weiter spielen.

Bach bei geschlossenen Fenstern

Das Talent des damals Zwölfjährigen bleibt den Parteikadern nicht verborgen. Er darf auf das Musikkonservatorium von Shanghai. Hier wird keine Klassik, sondern chinesische Musik gespielt. Tian ist der Beste, ein Auftritt wird ihm aus politischen Gründen verwehrt. „Ich war am Boden zerstört und wollte aufhören“, sagt er heute. „Doch die Liebe zum Piano war größer.“

Bei geschlossenen Fenstern übt er Stücke von Bach und Mozart ein. Die Nachbarn verraten ihn nicht. 1976 stellt er sich einem Wettbewerb, ist erneut ganz vorne. Jetzt wird seine Leistung anerkannt. Ob der Hahn damit zusammenhängt, den Vater Jiang dem Direktor des Konservatoriums schenkt, ist offen.

Der junge Pianist gehört nun zur offiziellen Nachwuchselite. Es gibt gutes Essen und andere Vergünstigungen. „Es war wie bei den Sportlern“,sagt Tian Jiang. „Um den Ruhm Chinas zu mehren, hatten wir Sonderrechte.“ Derweil ändert sich die Welt. Die „Viererbande“ um die Mao-Witwe Chiang Ching wird 1977 abgesetzt, ein Jahr später ist klassische Musik erlaubt. Als 1979 der US-Präsident Richard Nixon nach Peking reist, beginnt ein neues Kapitel der Kulturbeziehungen mit dem Westen.

Verbotene Paris-Reise bringt den Wendepunkt

1981 darf Tian mit vier weiteren Studenten zu einem Auslandsstudium nach San Francisco. Hier erlebt er, was Freiheit ist. Der Aufenthalt wird jäh abgebrochen, nachdem sich eine chinesische Tennisspielerin während eines USA-Aufenthaltes abgesetzt hat.

Das Verbot, an einem internationalen Pianowettbewerb in Paris teilzunehmen, bringt einen Wendepunkt in Jiangs Leben: „Mir wurde klar, ich muss weg.“ Doch um unter der Fahne des Kulturaustausches ausreisen zu können, bedarf es der Genehmigung des Konservatoriums in Shanghai. Es ist ausgerechnet die eingangs erwähnte KP-Funktionärin, die sich für ihn einsetzt. Was Tian damals nicht wusste: Bei seinem ersten USA-Aufenthalt hatte er einem Kommilitonen geholfen – es war der Sohn der Parteifrau.

Die Liebe funkt in Nizza

In den Staaten gewinnt der Pianist aus Fernost einen Wettbewerb nach dem anderen und finanziert sich damit seinen Lebensunterhalt. Die Chefin der Manhattan School of Music wird auf ihn aufmerksam und holt ihn nach New York. Dort besucht er die weltweit renommierte Juillard-School und darf in der legendären Carnegie Hall spielen. Ein Kritiker der „New York Times“ schreibt eine positive Kritik. Der Durchbruch ist geschafft.

Tian Jiang ist in der ganzen Welt unterwegs. Bei einem Konzert in Nizza lernt er Florentina Mangold kennen. Die Gerlingerin macht dort Urlaub und steht für eine handsignierte CD des Stars an. „Ich sah sie aus der Ferne, und mir war klar, dass ich sie näher kennenlernen will“, erinnert sich Tian.

Zwischen beiden funkt es sofort. Vier Monate halten sie per E-Mail Kontakt, bis sie sich endlich bei einem Konzert in Peru wiedersehen. Heute sind sie längst verheiratet und haben ein Tochter. Laetizia ist auch der Grund, warum ihr Vater sesshaft geworden ist: „Ich möchte mein Kind groß werden sehen.“ Da er aber doch regelmäßig auf Tournee ist, fiel die Wahl des Wohnsitzes auf Gerlingen, wo auch Florentinas Eltern leben.

Hier lernt Tian Jiang Dennis Müller, den jazzenden Pfarrer aus Leonberg, kennen und schätzen. Von seiner neuen Heimat ist Jiang begeistert: „In New York und Shanghai gibt es nur einen Häuser-Dschungel. Hier habe ich echten Wald direkt vor der Tür. Und ich lebe im Land, in dem die Klassik ihren Ursprung hat. Was will ich mehr?“

Tian Jiang und Dennis Müller live. Sonntag, 21. Januar, 19 Uhr, Stadthalle Leonberg.

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