Internationaler Garten in Ditzingen Ein Refugium, das Menschen beheimatet

Von Heidi Knobloch 

Der Internationale Garten in Ditzingen wird von Menschen aus 13 Herkunftsländern bewirtschaftet. Der Gemüse- und Blumenanbau, aber auch die Feste auf dem bunten Fleckchen Erde befördern das gedeihliche Zusammenleben. Die SPD hat den Garten daher mit ihrem Kulturpreis ausgezeichnet.

Der Internationale Garten: Hier bauen Menschen aus 13 Nationen ihr Gemüse an. Foto: factum//Simon Granville/Archiv
Der Internationale Garten: Hier bauen Menschen aus 13 Nationen ihr Gemüse an. Foto: factum//Simon Granville/Archiv

Ditzingen - Jeder Garten, in dem fleißige Gärtner säen und ernten, macht eine Stadt grüner. Im Garten wachsen Obst und Gemüse. Im Garten blühen Blumen. Im Garten lassen sich trefflich Feste feiern. Der Garten: ein Ort, in dem der Mensch sich in Harmonie mit allem Lebendigen fühlen darf. In Ditzingen gibt es seit elf Jahren einen besonderen Garten, unweit des Stadtzentrums nahe der Konrad-Kocher-Schule: den Internationalen Garten. Er steht für die Kultur der Stadt: offen für Menschen aus der ganzen Welt, die miteinander etwas schaffen wollen. Dieser Ort hat eine Ehrung erfahren. Der Ditzinger Ortsverein der SPD hat dem Internationalen Garten seinen Kulturpreis verliehen – „für gelebte Integration“, begründete der Vorsitzende Jürgen Weingarte die Entscheidung.

Säen und Ernten fördern das Selbstvertrauen

Am Anfang, vor elf Jahren, stand eine Idee: Der frisch gebackene Bürgermentor Winfried Doerjer wollte etwas Sinnvolles für Ditzingen tun. Die Internationalen Gärten, die es bis dahin vor allem in Norddeutschland gab, fand er gut. Menschen aus verschiedenen Ländern, die gemeinsam Gemüse oder Obst pflanzen und sich im Garten auf Augenhöhe begegnen: Das sollte es auch in Ditzingen geben. Denn: „Wer anbaut, hat Erfolg. Er schafft etwas, worauf er stolz sein kann“, findet Doerjer. Das sei gut fürs Selbstwertgefühl und helfe bei der Integration. Er kennt das Gefühl, fremd zu sein, aus eigener Erfahrung: 1961, zur Zeit des Mauerbaus, ist der damals 16-jährige Thüringer mit seinen Eltern aus der DDR geflüchtet. „Nur mit einer kleinen Aktentasche.“ Den jungen Mann verschlug es in ein Internat nach Waldshut: „Ich hatte immer das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören“, sagt Doerjer über diese Zeit.

Vielleicht gefiel ihm auch deshalb die Idee des Gartens so gut. Dort haben alle ein Ziel: Auf dem Boden, der jetzt Heimat ist, soll alles wachsen und gedeihen. Im Ditzinger Internationalen Garten bauen Menschen aus 13 Nationen auf ihren Parzellen an, was ihnen gefällt, Kartoffeln, Auberginen, Kartoffeln oder Bitterkürbisse. Die Männer, Frauen und Kinder kommen aus Deutschland – „ohne sie kann ich nicht integrieren“ – Eritrea, Hongkong, Italien, Polen, Rumänien, der Slowakei, Syrien, der Türkei, Vietnam, Weißrussland und den USA. Die Arbeit, die alle zusammen auf den Gemeinschaftsflächen verrichten, trägt mittlerweile Früchte: „Die Obstbäume sind riesig geworden. Dieses Jahr gab es besonders viele Pfirsiche, Kirschen und Pflaumen.“

Neuerdings trifft man sich zum Wintergrillen

Fixpunkte für das Leben im Garten sind die Sommerfeste und neuerdings ein Wintergrillen. „Da bin ich aber nicht dabei, ist mir zu kalt.“ Der 74-Jährige schaut noch hin und wieder im Garten vorbei. Die Ämter hat er mittlerweile abgegeben: Sechs Jahre lang Vorsitz, dann noch einmal vier ehrenhalber – dann hatte er genug geschlichtet, wenn es mal Streit gab, genug Zaunlatten ersetzt oder Rasenmäher repariert. Auch inhaltlich sollen jetzt andere die Schwerpunkte setzen.

„Der Garten kann sich ohne mich weiterentwickeln.“ Veränderung, findet Doerjer, gehört zum Leben – und zum Internationalen Garten. Immer wieder wechseln die Parzellen die Besitzer, Menschen ziehen weg oder die Kinder, die einst im Garten gespielt haben, sind groß geworden: „Dann kommen Neue.“ Vielleicht war der Garten eine Zeitlang ein Raum, in den man gern ging, Gleichgesinnte traf, Tee trank oder ein Bier und sich unterhielt. Der Garten, sagt Doerjer, sei gewissermaßen Balsam für die Seele der Migranten, deren Anwesenheit auch immer wieder angezweifelt werde. „Natur bewertet nicht, Natur beheimatet.“ Wenn Doerjer zurückblickt, erinnert er sich besonders an die gemeinsamen Momente: die Aktion der jungen Leute von der katholischen Gemeinde, die in nur drei Tagen das Spielgelände und den Grill errichteten oder der Umzug des Gartenhauses aus dem Schwarzwald nach Ditzingen, bei dem viele Hände mit anpackten. Auch der Stadt, die das Grundstück zur Verfügung stellte und der Stiftung anstiftung & ertomis ist Doerjer dankbar, sie hat vieles durch ihre finanzielle Hilfe möglich gemacht.

Das Leben geht auch ohne den Bürgermentor weiter

Der Internationale Garten lebt weiter, auch ohne den Bürgermentor: So soll es sein. Das Repair-Café, vor vier Jahren von Winfried Doerjer initiiert, steht ebenfalls auf eigenen Füßen. Der ehemalige Lehrer für Deutsch und Geografie reist jetzt gerne mit seinem Wohnmobil durch die Welt. Aber ganz ohne Engagement für seine Stadt geht es nicht. „Vielleicht legen wir demnächst Menschen Blumen vor die Tür, einfach so.“ In den Niederlanden sei die Aktion sehr erfolgreich, um mit einsamen Menschen in Kontakt zu kommen. Winfried Doerjer macht sich jetzt auf die Suche nach Mitstreitern. Die Blumen blühen ja schon bald wieder – auch im Internationalen Garten.