Wie klingt Stuttgart? Wie klingen Fernsehturm, Wilhelma, der Flughafen? Wie klingt die Klett-Passage? Und gar: der Bahnhof – geht es dort drunter oder drüber? Libor Šima sollte das wissen, schließlich ist er der Komponist des Stücks, mit dem die Stuttgarter Philharmoniker an diesem Dienstag (30. April) gleich zwei Jubiläen feiern: ihren eigenen 100. Geburtstag und den „Internationalen Tag des Jazz“.
„Urban Places“ heißt Šimas Stück. So wie die Jazzsuite, die er schon 2002 im Auftrag der Stadt Stuttgart geschrieben hat, angeregt von dem Schlagzeuger Obi Jenne. Als jetzt die Stuttgarter Philharmoniker anfragten, hat Libor Šima sein altes Stück runderneuert: in Form gebracht, erweitert und vor allem so orchestriert, dass es die klassischen Musiker herausfordert, ihnen (hoffentlich!) aber auch Spaß macht. Und sie ein bisschen Jazz-Groove spüren lässt.
Die neuen „Urban Places“ sind auch ein Dankeschön an das Orchester, bei dem der Fagottist schon während seines Studiums an der Stuttgarter Musikhochschule seine ersten Erfahrungen als Orchesteraushilfe sammeln konnte. Das war in den 1980er Jahren. „Ich habe den Philharmonikern viel zu verdanken“, sagt Libor Šima heute.
Beim Treffen in einem Stuttgarter Café trägt der 57-Jährige ein sehr buntes Künstlerhemd. Das steht ihm gut, und passender könnte sich einer wie er nicht anziehen. Schließlich ist er ein ziemlich bunter Vogel, der munter zwischen unterschiedlichen Welten herumflattert. Šimas Vater war Posaunist und Jazzmusiker, ist nach dem Prager Frühling 1969 mit der Familie nach Deutschland emigriert. Die Familie lebte in Schwäbisch Hall.
Dann kam Ravel
Dort wurde der junge Libor musikalisch früh sozialisiert – „mit Jazz, Swing und mit ‚Peter und der Wolf‘“. Er begann, „am Klavier herumzustümpern“, griff als 13-Jähriger zum Saxofon, hörte in der Liederhalle ein Konzert von Count Basie und Ella Fitzgerald und begriff erst viel später, was er da erlebt hatte. Ein altes Fagott lag herum, das hat er ein bisschen ausprobiert. Er hat auch die Noten von den Rhythmen, Melodien und Klängen aufgeschrieben, die ihm in den Kopf kamen, und irgendwie hat es für ihn schon damals keinen Unterschied gemacht, ob er nun auf Instrumenten spielte oder Noten auf Papier schrieb. „Ich will einfach Musik machen“, sagt Libor Šima heute.
Das hat er auch damals gedacht. Es hat dazu geführt, dass er nach der zehnten Klasse die Schule verließ, wo er „am Ende eh nur mit Kopfhörern und Walkman dagesessen“ ist. Der klassischen Musik näherte er sich über den Rhythmus, begann mit Werken von Bartók, Strawinsky und Gershwin. Dann kam Ravel: „Seine Musik“, sagt Šima, „ist für mich bis heute die harmonische Bibel.“ Komponisten wie Brahms oder Mozart hat er erst später entdeckt, während seines Fagottstudiums an der Stuttgarter Musikhochschule, das er als 16-Jähriger begann. Schon mit 20, gut ein Jahr vor seiner Abschlussprüfung, hatte er seine Festanstellung beim Radiosinfonieorchester des Süddeutschen Rundfunks (später beim SWR-Symphonieorchester) in der Tasche. Seit 2001 ist er dort Solofagottist. „Das Orchester hat Priorität“, sagt Libor Šima.
Jazzmusiker denken eher vertikal
Diese Priorisierung ist aber vor allem eine zeitliche. Libor Šimas „Ich will einfach Musik machen“ ist nämlich auch eine Absage an alle Genregrenzen. Musikalische Stile seien am Ende doch nur Dialekte einer einzigen Sprache. „Das Erleben ist am wichtigsten“, sagt Šima. Er mag „manche alten Schlager“, zuweilen auch Metalbands. Im Studium hat er mit Freunden Stücke von Frank Zappa „von der Schallplatte runter direkt auf Notenpapier geschrieben und dann Nächte durchgeprobt“. Eine späte Frucht dieser Annäherung konnte man vor einigen Monaten beim Zappa-Konzert des SWR-Symphonieorchesters im Club Wizemann erleben.
Und dann ist da noch die Liebe zum Jazz: Libor Šima spielt in der Band in the Bix, aber gerne auch gemeinsam mit anderen Musikern. Prominente waren darunter, zum Beispiel die Pointer Sisters, Chaka Khan, Eberhard Weber oder Olivia Trummer. Doch was ist das nun: Jazz? „In erster Linie ist Jazz improvisierte Musik. Und Jazz ist ein Lebensgefühl“, sagt Šima. Wobei: „Leute, die Jazz spielen, definieren das nicht. Die spielen einfach.“ Ja, und wie spielen sie? „In der klassischen Musik ist es für Musiker nicht zwingend notwendig, die harmonische Struktur zu kennen – für Jazzmusiker ist das essenziell. Sie dürfen nie nur eine Melodielinie sehen. Klassische Musiker denken eher horizontal, Jazzmusiker eher vertikal.“
Eine Art Big Band
In seinem neuen Stück „Urban Places“ bringt Libor Šima beide Welten zusammen. Er ist nämlich auch Komponist – obwohl er das nie studiert hat, die Fixierung auf das Konstruierte bei vielen Werken der Neuen Musik gar nicht mag und wahrscheinlich in die Luft gehen würde vor Wut, wenn jemand eines seiner Werke mit dem beliebtesten Attribut des Neue-Musik-Publikums versehen würde: interessant. Dem Komponisten geht es um sinnliche Klänge, er mag nachvollziehbare Formen, eine klare Dramaturgie in der Musik, und er arbeitet auch gerne mit „tonalen Zentren“. Schließlich will er die Zuhörenden an die Hand nehmen. Vielleicht auch berühren – wie zuletzt bei den Kästner-Abenden von Walter Sittler.
Bei „Urban Places“ steht nun auf Notenpapier auch all das, was Jazzmusiker improvisieren würden, und die Philharmoniker werden zu einer Art Big Band, die mit den Jazzern des Obi-Jenne-Quartetts musiziert – nein, kommuniziert. „Auf Augenhöhe“, betont Libor Šima. Die Klett-Passage wird „etwas undergroundhaft“ klingen, in einem „irgendwie falschen“ Zwölfachteltakt. Und der Bahnhof? Nein, das will Šima nicht vorab verraten.
Info
Aktionstag
Auf Anregung der UNESCO erinnert seit 2012 der 30. April an „die künstlerische Bedeutung des Jazz, seine Wurzeln und seine weltweiten Auswirkungen auf die kulturelle Entwicklung“. 2024 feiern 190 Länder mit; Gaststadt ist mit Tanger (Marokko) erstmals eine afrikanische Metropole.
Stuttgart
Im Rahmen ihres 100-Jahr-Jubiläums feiern die Philharmoniker am 30. April mit drei Tänzen von Leonard Bernstein, Beethovens drittem Klavierkonzert und mit der Uraufführung von Libor Šimas „Urban Places“. Frank Dupree dirigiert und spielt den Solopart bei Beethoven; in Šimas Stück ist das Obi-Jenne-Quartett (mitsamt dem Komponisten am Saxofon) dabei. Beginn in der Liederhalle ist um 20 Uhr.