Internationales Straßenfest in Sindelfingen Ein Fest für Europa

Europäische Flaggen an einem der Stände Foto: Stefanie Schlecht

Das Straßenfest in Sindelfingen ist ein Vorbild für gelebte Vielfalt der Völker, meint unser Redakteur.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Um den europäischen Zusammenhalt war es schon einmal besser bestellt. Bei den jüngsten Europawahlen am 9. Juni legten ausgerechnet die Kräfte zu, die mit der europäischen Integration nicht sonderlich viel anfangen können: die Rechtsaußen-Kandidaten der AfD. Denn auf den Wahlzetteln standen die allseits bekannten Parteien der Mitgliedsstaaten. Erst nach der Konstituierung des Parlaments bilden diese mit Gleichgesinnten aus anderen europäischen Ländern ihre Fraktionen im Ratsrund von Straßburg. Laut einer Umfrage von Infratest Dimap gab rund die Hälfte der Wähler an, die Europawahl genutzt zu haben, um den Regierenden einen Denkzettel zu verpassen.

 

Das zeigt mehrere Dinge gleichzeitig. Zunächst scheint vielen nicht klar zu sein, über was das Europaparlament überhaupt entscheidet und wie sich die Fraktionen zusammensetzen. Zum anderen verfängt der europäische Gedanke offenbar derzeit nicht wirklich. Eine paradoxe Situation – in Anbetracht des desolaten Zustands etwa von Großbritannien seit dessen Brexit aus der Union. Doch das Wahlverhalten hat bekanntlich mehr mit Psychologie, denn mit rationaler Entscheidung zu tun, als einem lieb sein kann.

Den Kontrast zu diesem wachsenden Desinteresse an Europa bietet dieser Tage das Internationale Straßenfest in Sindelfingen. Was wäre dieses Fest der Völkerverständigung ohne unsere europäischen Nachbarn? Auf dem Silbertablett präsentieren die Macher Kulinarik und Folklore von Chelm bis Corbeil-Essonnes, von Sondrio bis Samos – um die Sindelfinger Partnerstädte zu erwähnen, die wie jedes Jahr Teil der großen Sause sind. Da passt es ins Bild, dass mit Mario Marino bei dieser 46. Auflage ein Mann an der Spitze steht, dessen Wurzeln im italienischen Kampanien liegen.

Überzeugter Europäer

„Ich bin ein Europäer“, sagte dieser zu seinem Antritt. Ein Satz, der zunächst nicht weiter aufhorchen lässt. Und der doch viel aussagt. Denn gerade diese identitätsstiftende Wirkung unseres Kontinents scheint gerade in Vergessenheit zu geraten. Die reichhaltige kulturelle Vielfalt, die lange Tradition der Demokratie und die großen Errungenschaften der europäischen Zusammenarbeit sollten jeden Einwohner stolz machen – eben so wie Mario Marino. Wohltuend, dass er dem sogar noch hinzufügte: „Wir wollen damit ein Zeichen setzen.“

Das zeigt ein weiteres Mal, dass Integration vor allem dort funktioniert, wo sie der Normalzustand ist. Sindelfingen und Böblingen haben eine lange Tradition der Internationalität, Völkerverständigung und ein Miteinander der Kulturen sind hier gelebte Realität. Da wundert es wenig, dass die Daimler-Stadt sich ein üppig ausgestattetes Europabüro leistet, regelmäßig Delegationen in die Partnerstädte reisen und Repräsentanten von dort am Freitag zugegen waren, als Oberbürgermeister Bernd Vöhringer das Bierfass anstach.

Das just in diesem Jahr die Fußball-Europameisterschaft auf das Sindelfinger Straßenfest fällt, verleiht dem Gedanken zusätzliche Kraft. Im sportlichen Wettkampf der Nationen ist der Europa-Frust auf einmal ganz weit weg. Gut so. Die sich wie neugeboren präsentierende Nationalelf tut ihr Übriges dazu. Denn sie gruppiert sich nicht um den einzelnen Top-Star, sondern spielt tatsächlich wie eine „Mannschaft“, obwohl Teammanager Oliver Bierhoff diesem PR-Slogan nach der missglückten WM 2022 eigentlich wieder ablegen wollte. Daraus lässt sich in diesem Land etwas lernen. Dass ein Team mehr ist als die Summe seiner Teile – wenn es gut zusammenfunktioniert. Ein Gedanke, den auch das politische Europa sehr gut gebrauchen könnte. Sei es in Sindelfingen oder im Rest des Kontinents.

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