Internationales Straßenfest in Sindelfingen Tanzen auf regennassen Straßen
Ein Unwetter verdirbt dem Internationalen Straßenfest in Sindelfingen den Samstag, zumindest ein bisschen. Die Stimmung trübt das aber nicht.
Ein Unwetter verdirbt dem Internationalen Straßenfest in Sindelfingen den Samstag, zumindest ein bisschen. Die Stimmung trübt das aber nicht.
Eine schwarze Wolke hängt über der Sindelfinger Stadtmitte, am Samstag kurz nach 13 Uhr. Die ersten Besucher beim 46. Internationalen Straßenfest klappen ihre Schirme aus oder suchen Unterschlupf. Irgendwo spielt eine Band tapfer einen alten französischen Schlager: „Les Champs-Elysees“. Ein Lied folgt noch, dann verstummt die Musik. Wassermassen donnern auf die Straßen. Die Gischt spritzt kniehoch auf dem Pflaster – und das bleibt so. Erst nach 15 Uhr wird der Starkregen weichen, erst nach 16 hört der Regen ganz auf. Ein Tag beim Internationalen Stadtfest ist ins Wasser gefallen – oder doch nicht?
„Bei schönem Wetter kann jeder feiern“, sagt Mario Marino, Vorsitzender des ISF, des Vereins, der das Internationale Straßenfest ausrichtet. „Die Leute sind trotzdem da. Das macht mich glücklich. Natürlich ist das nicht berauschend. Unsere Standbetreiber wollen ja auch Geld verdienen.“ Mehrere Punkte im Bühnenprogramm mussten gestrichen werden. Kulturvereine, die sich am Straßenfest beteiligen, sind üblicherweise verpflichtet, Auftritte zum Bühnenprogramm beitragen, oder eine Standgebühr entrichten. „Wir haben die Gebühr erlassen, für die Vereine, die nicht auftreten konnten. Es hat keinen Sinn, wenn Kinder hier eine Show spielen und sich dabei eine Erkältung holen.“
Dem Regen zum Trotz: Die Schlange vor dem Stand der griechischen Gemeinde in der Planie ist lang. Zwölf unter den 124 Ständen des Stadtfestes sind zum ersten Mal dabei, auch jener von Jacqueline Reitzammer, die aus Nürnberg angereist ist und afrikanische Speisen anbietet: In großen Töpfen schwimmt hier das Kamelragout, der Spinat mit Kürbiskernen. Den Sindelfingern schmeckt’s. „Wenn es heute noch gut läuft, dann kommen wir sicher wieder.“
Eberhard Sowa ist 79 Jahre alt und aus Sindelfingens Partnerstadt in Sachsen. „Ich komme seit 18 Jahren zum Straßenfest“, sagt er, „immer mit einem anderen Verein.“ Dieses Mal ist es ein kleiner Fußballverein am Rande Torgaus. Sowa verkauft sächsische Produkte, Bratwürste, Steaks, schenkt Fassbrause aus, mit Himbeergeschmack. „Ich habe in 18 Jahren nur einmal so ein Unwetter hier erlebt“, sagt der Händler. „Wir werden unsere Waren nicht los. Das Bier können wir an die Brauerei zurückgeben, aber mit dem Fleisch und der Wurst geht das nicht.“ Trotzdem bleibt Eberhard Sowa zuversichtlich: „Morgen wird wunderbares Wetter!“
Hubert Kuwelko aus Chelm nimmt seit sieben Jahren am Straßenfest teil. „Wir sind mehr als 1300 Kilometer gefahren“, sagt er, „und nun regnet es.“ Die jungen Frauen, die am Stand der polnischen Partnerstadt Speisen ihrer Heimat verkaufen, haben sich geschmückt mit Kränzen aus weißen und roten Blumen. „Wianek“ nennt man einen solchen Kranz in Polen. „Es ist ein traditioneller Schmuck“, erklärt Hubert Kuwelko. „Er steht für Reinheit, Freude und den Sommer.“
„Engländer hält der Regen nicht ab“, sagt Susanne Haywood. Vielleicht feiern die Engländer deshalb ja irgendwo fröhlich im Regen, während Haywood, die aus Sindelfingen stammt, seit vielen Jahren im britischen Dronfield lebt, am Stand der Partnerstadt mit einigen deutschen Freunden die Stellung hält. „Wir haben die wahrscheinlich aktivste unter den Sindelfinger Städtepartnerschaften“, sagt sie, „mit der größten Bürgerbeteiligung.“ Bürgerfahrten zwischen beiden Städten finden regelmäßig statt; im September möchten die Dronfielder Sindelfingen zum nächsten Mal besuchen.
Andrea Frommherz steht in der Ziegelstraße am Strand des AK Asyl, serviert mit zwei Frauen aus Afghanistan, Mutter und Tochter, Kaffee, Kuchen, Tee. „Unser Ziel ist es nicht, hier Umsatz zu machen, wir wollen uns vor allem präsentieren“, sagt sie. Und Lyuba Georgieva, Gastronomin aus Bulgarien, die in Sindelfingen seit einem Jahr eine Bar betreibt, hat den Stuttgarter Verein Balkandance in die Stadt geholt – auf der noch regennassen Straße tanzen nun Männer und Frauen in bulgarischen Trachten Hand in Hand mit den Besuchern des Straßenfestes.
Zum ersten Mal verkehrt das Straßenfest-Zügle, ein Wagen, hübsch aufgemacht, der zwei Anhänger hinter sich herzieht. „Wir haben uns gedacht, es wäre bequemer für die Besucher, wenn wir sie an den außen liegenden Parkplätzen abholen“, sagt Mario Marino. Mit sechs Stundenkilometern und 40 Sitzplätzen zieht das Zügle vom Glaspalast zur Gartenstraße zur Feuerwehr zur Stadthalle und zum Sommerhofenpark. Mario Marino hat selbst noch keine Runde gedreht, ist aber zuversichtlich: „Morgen, wenn die Sonne scheint, wird es sicher rege genutzt, auch von den Kindern. Die werden eine Gaudi haben!“
Schließlich haben sich die Straßen belebt. Rund 200 000 Menschen besuchen das Straßenfest in jedem Jahr, nach groben Schätzungen, sagt Mario Marino. Ob eine solche Zahl auch dieses Jahr erreicht wird? Schon im Vorjahr kam es zu Ausfällen – damals war es zu heiß. Marino bleibt optimistisch, und am Samstag gibt es denn auch ein paar trockene Stunden.
Am Sonntag dann aber lässt die Sonne sich doch lange Zeit, bis sie hinter den Wolken hervorkommt.