Internationales Straßenfest Sindelfingen Feiern auch gegen den Rechtsruck

Das Internationale Straßenfest hatte immer auch eine politische Dimension. Heute gilt das mehr denn je.

Kommunalpolitiker aus acht Ländern tagen im Sindelfinger Ratssaal. Foto: Wicke-Naber
Kommunalpolitiker aus acht Ländern tagen im Sindelfinger Ratssaal. Foto: Wicke-Naber

Sindelfingen - Stets war das Internationale Straßenfest in Sindelfingen mehr als ein Festival der Kulinarik, Folklore und Musik. Von Anfang an an hatte es eine politische Dimension. 1977 veranstaltete der damalige Ausländerbeauftragte der Stadt das Fest zum ersten Mal. Das Ziel: die vielen Ethnien und Kulturen in Sindelfingen einander näherzubringen. Dieser Gedanke trägt bis heute das Fest, das seit 1993, nach dem Finanzeinbruch der Stadt, von einem Verein getragen wird.

Wichtige Bestandteile des Straßenfests sind auch die sieben Partnerstädte Sindelfingens. Jedes Jahr entsenden sie Delegationen, die Wein und Gin mitbringen, Raclette und Bratwurst, Musik und Tanz. Diese Städtepartnerschaften halten auch den widrigen politischen Strömen stand, die Harmonie in Europa bedrohen.

Aus dem Brexitland kommt die größte Delegation

So hat gerade das Brexit-Land Großbritannien ist dieses Jahr mit mehr als 40 Leuten die größte Delegation angereist: ein eindeutiges Signal für die kommunale Freundschaft. „Mein ganzes Leben habe ich mich für den europäischen Gedanken und das Zusammenwachsen in Europa eingesetzt. Und jetzt haben wir bei uns ein einziges Chaos mit dem Brexit“, klagt Veronica Tebbs aus der englischen Partnerstadt Dronfield, die englischen Tee und Gin verkauft. Bereits zum fünften Mal ist sie in Sindelfingen – und fühlt sich hier schon heimisch.

Der Rechtsruck in Europa geht auch an den Sindelfinger Partnern nicht vorüber. In mittlerweile drei Städten -  im polnischen Chelm, dem ungarischen Györ und italienischen Sondrio - regieren Bürgermeister rechtspopulistischer oder ultrakonservativer Parteien. Doch auch sie applaudieren dem Sindelfinger OB zu seiner proeuropäischen Rede. „Wenn man mit den Leuten direkt spricht, klingt vieles anders als die offiziellen Verlautbarungen der Parteien“, sagt Bernd Vöhringer (CDU), der auf den Dialog in Europa setzt.

Auch die Rechtspopulisten klatschen bei Vöhringers proeuropäischer Rede

Deshalb ist es ihm wichtig, dass die ausländischen Gäste nicht nur zum Feiern nach Sindelfingen kommen, sondern auch zum interkommunalen Austausch. Seit zehn Jahren gibt es am Freitag des Festwochenendes stets ein interkommunales Gespräch im Ratssaal – etwas ziemlich Einmaliges in Deutschland. Diese Mal ging es beim interkommunalen Gipfeltreffen um das Thema Wohnungsbau.

Die Situation in den Städten ist unterschiedlich. Während Torgau in Sachsen über Abwanderung von Bürgern klagt, wächst Sindelfingen beständig und kämpft mit der Wohnungsnot. Auch das polnische Chelm freut sich über eine gute Bevölkerungsentwicklung und ist am Bauen. Dort setzt man bevorzugt auf die Innenentwicklung und wandelt Ex-Firmengebäude zu Wohnungen um. In Dronfield in Großbritannien befürchtet man, dass die umliegenden Städte durch den Wohnungsbau den wertvollen Grüngürtel zerstören. Von seinen Kollegen beneidet wurde der Bürgermeister der französischen Stadt Corbeil-Essonnes. Er hat das Recht, private Immobilien, die zum Verkauf stehen, für die Stadt für konkrete Projekte zu sichern. „Ein solches Instrument wünsche ich mir auch“, seufzte da der Sindelfinger Oberbürgermeister Bernd Vöhringer.