Internet-Phänomen Let’s Play Einer tanzt, alle schauen zu

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Es sieht albern aus und ist nichts für introvertierte Gemüter: Thomas Noschka aus Stuttgart ist ein Fan von Konsolenspielen, er filmt sich dabei und stellt die Videos auf Youtube. Anderen beim Spielen zuzuschauen klingt langweilig – doch die Clips sind der Renner im Netz.

Seine Schüchternheit habe er mit Tanzspielen überwunden, sagt Thomas Noschka und freut sich über jeden, der sich im  Internet  seine Videos anklickt. Foto: factum/Granville 6 Bilder
Seine Schüchternheit habe er mit Tanzspielen überwunden, sagt Thomas Noschka und freut sich über jeden, der sich im Internet seine Videos anklickt. Foto: factum/Granville

Stuttgart - Thomas Noschka räumt Tisch und Stühle in seinem Zimmer an die Wand, er braucht Platz. Der 24-Jährige in Jogginghose und Muskelshirt wedelt mit den Armen, holt mit den Beinen aus, als trete er einen Fußball und verzieht dabei das Gesicht. Er trägt eine Baseballkappe und eine neongrüne Sonnenbrille. „I need a hero. I’m holding out for a hero ’til the end of the night“, singt er schräg den Refrain von Bonnie Tylers Hit. Die Spitzengardinen schwingen durch den Luftzug seiner Bewegungen. Noschka wohnt noch bei seinen Eltern in Vaihingen an der Enz.

In der rechten Hand hält Noschka den Spielecontroller einer Wii U, einer Nintendo-Konsole. „Ich hab die größten Muskeln auf diesem Planeten!“, schreit er auf Englisch dem Bildschirm in der Ecke entgegen. Darauf tanzt ein durchtrainierter Typ, bekleidet mit Lendenschurz und Fellstiefeln, auf dem Kopf eine Kriegermaske. Noschka macht die Bewegungen des Kriegers nach und bekommt dafür Punkte. So sind die Regeln von „Just Dance“, einem Tanzspiel. Eine Smartphone-Kamera, die oberhalb des Bildschirms in ein Stativ geklemmt ist, filmt jeden Schritt, gleichzeitig zeichnet eine Software das Spielgeschehen auf dem Monitor auf. Später schneidet Noschka die Aufnahmen und veröffentlicht sie auf der Videoplattform Youtube.

Noschka hat als Tex 12.000 Abonnenten auf Youtube

Let’s Play, also „Lasst uns spielen“, nennt sich das, was Noschka macht. Im Internet gibt es Millionen solcher Videos, bei denen sich Menschen dabei filmen, wie sie an Computern und Konsolen spielen. Und sie sind der Renner. Noschka hat unter seinem Künstlernamen Tex 12.000 Abonnenten auf Youtube, sein erfolgreichstes Video wurde fast 85 000-mal angesehen. Vielleicht wären es mehr, wäre sein erster Kanal 2012 nicht gelöscht worden. Das Hochladen von Spielszenen verstößt gegen Urheberrechte. Mittlerweile sehen das viele Game-Hersteller jedoch lockerer, die Videos sind schließlich kostenlose Werbung.

Seit seinem dritten Lebensjahr spielt Thomas Noschka an Konsolen. Mit 18 hat er sein erstes Let’s-Play-Video ins Netz gestellt, „Pokemon“ auf dem Gameboy Advanced, einer tragbaren Konsole. Angefangen hat alles, weil er in einem Spiel an entscheidender Stelle nicht weiterkam. Auf Youtube fand Noschka ein Video, in dem jemand zeigte und erzählte, worauf er achten muss. Das Format faszinierte ihn so, dass er es ausprobieren wollte.

Über die Werbung verdient Noschka Geld mit den Videos

Täglich lädt Noschka, der in Stuttgart Audiovisuelle Medien studiert, mindestens einen Clip hoch, er verbringt gut sieben Stunden die Woche mit Drehen und Schneiden, dazu kommt die Pflege seiner Community im Netz. Nicht alle finden gut, was er macht, doch meistens seien die Rückmeldungen der Zuschauer positiv. „Ich hab einfach sauviel Spaß daran“, sagt Noschka und verdient über Youtube-Werbung sogar Geld mit seinen Videos, leben kann er von seinem Hobby aber nicht.

Es sieht albern aus, wenn Noschka in Freizeitkleidung und nur mit Socken an den Füßen in seinem Zimmer herumspringt. Dass Hunderte oder Tausende zuschauen, ist ihm aber nicht peinlich. Nicht mehr. „Ich war früher der schüchternste Mensch auf der Welt. Auf Partys saß ich ­herum und habe Kuchen gegessen.“ „Just Dance“ hat er zufällig für sich entdeckt, vor drei Jahren auf der Spielemesse Games Com in Köln. Schuld war die lange Schlange am Stand von „Zelda“, dem Spiel, das er eigentlich ausprobieren wollte. Heute ist Noschka der einzige deutsche Let’s Player, der sich auf das Tanzspiel von Ubisoft spezialisiert hat. „Man muss sich Nischen suchen“, empfiehlt er und hat mit seinen Netzauftritten nicht nur seine Schüchternheit therapiert, sondern es auch zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. Er wird vom Spielehersteller zu den Computerspielemessen in Köln und Los Angeles eingeladen, erst kürzlich trat er bei der Einheitsfeier in Frankfurt auf und war im Spiel „Just Dance 2016“ als Vortänzer zu sehen.