InterviewInternet-Pornografie und Erziehung „Verbote von Pornografie allein reichen nicht“

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Das Internet gehört ganz selbstverständlich zum Erwachsenwerden. Doch wie gefährlich sind pornografische Inhalte für Kinder und Jugendliche? Ein Interview mit dem Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter.

Pornografische Inhalte sind im Internet jederzeit, kostenlos und unbegrenzt verfügbar – für Erwachsene genauso wie für Kinder. Experten sehen einen klaren Zusammenhang zu dem verzerrten Bild von Partnerschaft und Sexualität, das viele junge Leute heute haben. Foto: dpa
Pornografische Inhalte sind im Internet jederzeit, kostenlos und unbegrenzt verfügbar – für Erwachsene genauso wie für Kinder. Experten sehen einen klaren Zusammenhang zu dem verzerrten Bild von Partnerschaft und Sexualität, das viele junge Leute heute haben. Foto: dpa

Stuttgart - Hat die Jugend zu viel Pornografie im Kopf? Der Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter hält es für „verheerend, dass Kinder und Jugendliche damit aufwachsen“. Pornografie gehöre nicht in Kinderhände, weil sie eine Stimulanz sei wie Alkohol, Nikotin oder Drogen, die Heranwachsende nicht verarbeiten könnten. Verbote seien ein zweischneidiges Schwert, da sie die Dinge erst richtig interessant machten, sagt Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualwissenschaft (DGSS). „Andererseits werden Grenzen aufgezeigt. Verbote reichen aber nicht aus. Es ist nötig, Stellung zu beziehen.“

„Pornografische Filme haben mit der Realität nicht das Geringste zu tun“

Herr Professor Pastötter, wir wollen über ein heikles Thema reden: Jugendsexualität und Internetpornografie . . . .
Ein Thema, das mir außerordentlich wichtig ist.
Wie den meisten Eltern, Lehrern, Jugendtherapeuten und Sozialarbeitern.
Mir ist es egal, was Erwachsene mit der Pornografie machen. Aber das Kinder damit sozialisiert werden, ist verheerend. Kinder können, egal, um welche Medien es sich handelt – Pornografie, Nachrichten oder Cartoons –, nicht zwischen Realität und medialer Fantasie unterscheiden.
Was raten Sie Eltern, die ihren pubertierenden Sohn beim Anschauen von Pornografie vor dem Computer überraschen?
Wir lernen Sexualität nicht nur übers Zuschauen. Sexualität ist mehr als das, was ich sehe und mehr als die Lust, die ich dabei empfinde. Sex hat mindestens drei verschiedene Ebenen.
Die da wären?
Erstens: die körperliche Ebene. Diese lässt sich wissenschaftlich gut untersuchen. Irgendetwas führt zur Erregung und zum Orgasmus. Schwieriger wird es, wenn es dann zweitens darum geht, die Lust zu beschreiben. Wie ist das Verhältnis zwischen den im Kopf mehr oder weniger willentlich aktivierten oder über Pornografie von außen zugeführten Fantasien und dem vegetativem Nervensystem sowie der Ausschüttung von Hormonen? Wir wissen ja nicht einmal, wie und weshalb Sex-Bilder überhaupt Erregung verursachen oder weshalb manche Bilder erst Abscheu und dann über den Angst-Lust-Mechanismus das Verlangen nach mehr auslösen.
Und die dritte Ebene?
Das sexuelle Begehren ist in der Regel auf eine bestimmte Person gerichtet. Die meisten Menschen möchten weder nur eine Körper-Sexualität noch eine reine Lust-Sexualität, sondern Sexualität mit einem bestimmten Partner empfinden.
Und das muss gelernt sein?
Ja, und genau deshalb ist die Pubertät so unglaublich anstrengend. Jugendliche empfinden zwar Lust, aber sie haben nicht das psychologische und emotionale Handwerkzeug, um wirklich mit einem Partner in Beziehung zu treten. Das müssen sie erst lernen – und manche lernen es trotz ihres Wunsches nie.
Schauen Jugendliche Porno-Filme an, um zu „lernen“?
Solche Filme haben mit der Realität nicht das Geringste zu tun. Im Vergleich zum ständigen Klicken von Reiz zu Reiz sind echte Beziehungen, was den visuellen Aspekt angeht, eher arm an Reizen.
Das müssen Sie erklären.
Anders als in pornografischen Filmen laufen wir nicht ständig nackt durch die Gegend und kopulieren. Pornografie ist, obwohl sie so plump wirkt, etwas Stilisiertes. Dagegen ist die Realität der Sexualität nur zu einem kleinen Teil visuell bestimmt. Wenn ich jemanden erregend finde, dann spielen andere Sinne eine viel größere Rolle als das Optische.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Wenn ich jemanden küsse,spüre ich den Anderen, ich rieche ihn intensiv, aber ich sehe ihn nicht, weil ich meine Augen geschlossen habe. In der Pornografie wird alles reduziert auf das Visuelle und vor allem auf den Genitalbereich.
Was löst die Betrachtung von Pornografie bei Heranwachsenden aus?
Explizite Pornografie gehört nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen, weil sie eine Stimulanz wie Alkohol, Nikotin oder Drogen darstellt, die sie überhaupt nicht verarbeiten können. Verbote sind zwar immer ein zweischneidiges Schwert, weil sie bestimmte Dinge erst richtig interessant machen. Andererseits werden dadurch Grenzen aufgezeigt.
Kinder und Jugendliche müssen diese Grenzen aber auch akzeptieren.
Was sie mit diesen Grenzen und den Verboten machen, ist notgedrungen ihre Sache. Aber ein Laissez-faire hilft nicht weiter, weil es sich um eine Selbstkonditionierung und Jagd nach immer neuen visuellen Reizen handelt.