Internetattacken gegen Frauen Gefälschte Nacktbilder im Netz
Morddrohungen, Beleidigungen, Pornovideos: sexualisierte Angriffe im Internet betreffen meist Frauen. Betroffene erzählen, wie Angst und Scham ihr Leben bestimmen.
Morddrohungen, Beleidigungen, Pornovideos: sexualisierte Angriffe im Internet betreffen meist Frauen. Betroffene erzählen, wie Angst und Scham ihr Leben bestimmen.
Antje Herbst hätte sich nicht träumen lassen, dass sich ihre Leidenschaft in einen Albtraum verwandeln könnte. Auf der Internetplattform Tiktok lädt sie Videos hoch, sie redet über Pferde und den Reitsport. Eines Tages kritisiert sie dort einen anderen Reiter für dessen Umgang mit den Tieren, dieser sei gefährlich.
Von diesem Tag an ändert sich ihr Leben. „Du kannst mich mal“, war seine erste Reaktion, erinnert sich die 37-Jährige. Der Mann organisierte unter seinen Freunden im Internet eine Kampagne gegen Antje Herbst. „Er sorgte dafür, dass meine Adresse öffentlich gemacht wurde, ich wurde als psychisch instabile Person bezeichnet. Nach den Beschimpfungen kamen Morddrohungen: „Geh sterben!“ Herbst verlor den Boden unter den Füßen, „ich wurde im Netz regelrecht mit Verleumdungen bombardiert“. Sie wandte sich an die Polizei, die sie fragte, warum sie sich überhaupt auf dieser Plattform herumtreibe.
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Angst zog in ihr Leben ein. Eine Angst, wegen der sie öffentlich lieber nicht ihren echten Namen nennen mag, ihren Wohnort, den Namen jener, die sie angreifen. Das Gefühl, Hass im Internet ohnmächtig ausgeliefert zu sein, kennen inzwischen viele in Deutschland. Vor allem Frauen. Laut einer Umfrage der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen nehmen 37 Prozent der Frauen häufig Hasskommentare im Netz wahr oder sind selbst davon betroffen.
In Berlin sitzt eine gemeinnützige Organisation, die Erste Hilfe leistet: Hate Aid berät die Opfer von digitaler Gewalt und finanziert Prozesse. Anna-Lena von Hodenberg engagiert sich dort, sie kennt typische Opfer und Täter. „Feminismus ist für Täter ein totales Reizthema“, erzählt sie. Wer „schwarz, lesbisch oder migrantisch“ sei, werde ebenfalls schnell zur Zielscheibe. „Meine erste Morddrohung habe ich von einem Mann bekommen, der mir auf anderthalb Seiten erst mal erklärt hat, warum er deutscher ist als ich“, erzählt die Autorin Kübra Gümüsay. „Nur um mir dann zuletzt zu schreiben, wie er mich gerne ermorden würde.“
Die Mitarbeiterinnen von Hate Aid erleben jeden Tag, dass Menschen mit Gewalt oder sogar mit dem Tod bedroht werden. Manchmal bleibt es bei verbalen Attacken, doch immer öfter hört Anna-Lena von Hodenberg von den Opfern, dass sie sich in ihrem privaten Umfeld bedroht fühlen. Die Täter schreiben, „wir wissen, wo die Schule Deiner Kinder ist“, sagt von Hodenberg. „Als nächstes schicken sie dann ein Bild von der Schule.“ Manche Frauen seien dreimal umgezogen, getrieben von der Angst um das Leben ihrer Kinder.
Auf den virtuellen Schlachtfeldern von Internet-Plattformen und Messenger-Diensten wie Facebook, Tiktok oder Telegram toben Debatten, bei denen Frauen mundtot gemacht werden. Von Hodenberg und ihre Helferinnen erleben „orchestrierte Angriffe von organisierten rechtsextremen Gruppen“, die Frauen zum Schweigen bringen wollen, die sich öffentlich zu gesellschaftlichen Fragen äußern. Wissenschaftler sprechen vom „Silencing-Effect“.
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Um ihr Ziel zu erreichen, sind den Tätern viele Mittel Recht: Sie montieren Porträtbilder ihrer Opfer auf Frauenkörper in Pornofilmen und laden sie auf entsprechenden Plattformen hoch. Mitunter werden die Betroffenen dann von Arbeitskollegen oder Bekannten darauf angesprochen: „Ein Schulfreund rief mich an und sagte, er habe meine Nacktbilder im Internet gesehen“, erzählt eine Betroffene. „Als ich die Bilder fand, hatten sie mittlerweile schon ein paar tausend Klicks. Seitdem verfolgt mich das Thema“, erzählt die 37-Jährige. „Ich finde die Bilder immer noch auf verschiedenen Plattformen.“
Die Täter beschmutzen gezielt den Ruf der Frauen. Den Opfern fällt es oft schwer, sich zu wehren, weil Facebook, Telegram oder Twitter hohe juristische Hürden aufbauen, bevor Beiträge aus dem Netz wieder entfernt werden. Sie verteidigen damit ihre wirtschaftlichen Interessen: Die Tech-Konzerne verdienen mit den Klicks ihr Geld, die Werbung spielt ihnen Milliardenbeträge in die Kassen. Wie ein Mensch mit Hassattacken und Verleumdungen zermürbt werden soll, zeigt der Fall Künast gegen Facebook. Seit 2015 kursiert ein Bild der Grünen-Politikerin mit einem Zitat von ihr im Internet: „Integration fängt damit an, dass Sie als Deutscher mal türkisch lernen.“
Das Bild mitsamt dem in Wahrheit niemals von ihr geäußerten Zitat wurde von zahllosen Nutzern im Internet weiterverbreitet. Mit der Falschaussage wurde die 66-Jährige attackiert, doch Facebook weigerte sich, das Zitat zu löschen. Die Lüge wurde zur politischen Waffe. Im Frühjahr 2021 reichte Renate Künast Klage gegen den Konzern ein, im April 2022 entschied das Landgericht Frankfurt im Sinne der Klägerin: Facebook muss alle Falschzitate aktiv suchen und anschließend löschen. „Dieses Urteil setzt einen Maßstab für vergleichbare Fälle“, sagt Künast, die den Tech-Konzern scharf kritisiert: „Facebook ist wie eine Schlange, die sich durch das Dickicht bewegt, um Hindernissen auszuweichen. Wo Emotionen hochkochen, wird im Internet geklickt, das ist ihr Geschäftsmodell.“ Renate Künast ficht immer wieder vor Gericht gegen den Konzern. 2019 sorgte das Landgericht Berlin mit einem Urteil für bundesweite Schlagzeilen. Das Gericht argumentierte, dass Künast als Politikerin damit leben müsse, wenn sie im Internet als „Sondermüll“ und „Stück Sch . . .“ bezeichnet werde. Das Bundesverfassungsgericht korrigierte dieses Urteil im Februar 2022.
Renate Künast sieht die Demokratie gefährdet, wenn solche Schmähungen ohne Konsequenzen bleiben: „Die Gesellschaft muss ein Interesse daran haben, dass die Persönlichkeitsrechte auch bei Leuten in öffentlichen Ämtern gewahrt bleiben.“
Aber auf wessen Seite steht das Recht? In den vergangenen Jahren hat sich in der Digital-Gesetzgebung eine Menge getan – vieles davon schützt nun die Einzelnen auf den ersten Blick besser gegen die Interessen der großen Tech-Konzerne. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz stärkte die Rechte von Opfern, es folgte das Gesetz gegen Hasskriminalität und im April 2022 der Digital Services Act (DSA) der Europäischen Union (EU). Mit dem jüngsten Gesetz wollte die EU einen Meilenstein setzen. Die Botschaft an Facebook und Google: wer Gewinne macht, der hat auch Pflichten. „Wer Opfer von digitaler sexueller Gewalt wird, hat nun schneller Zugang zu plattforminternen Schutzmechanismen“, sagt Matthias Kettemann, Rechtsprofessor an der Universität Innsbruck. „Online-Plattformen müssen illegale Produkte, Dienstleistungen oder Inhalte umgehend entfernen, nachdem sie gemeldet wurden.“
Doch ob Opfer ihr Recht tatsächlich einfordern und durchsetzen können, ist keineswegs gesagt. Inzwischen gibt es bundesweit einzelne Schwerpunktstaatsanwaltschaften, die in Fällen von Hasskriminalität und Hetze wirksam gegen Täter vorgehen und Facebook zur Verantwortung ziehen. „In Frankfurt oder in Köln haben wir echte Fachleute“, sagt Renate Künast. „Aber wir brauchen vor Ort noch viel mehr Kompetenz.“ Und: „Die Polizei ist dafür nicht ausreichend ausgestattet“, sagt die Bundestagsabgeordnete.
Rechtsextreme Kreise suchen und finden Schlupflöcher. In den Szenen kursieren Leitfäden wie das Handbuch für Medienguerillas. Es versammelt Tipps und Strategien für rechte Agitatoren, um sich möglicher Strafverfolgung zu entziehen. Die Macher fühlen sich in einem vereint: „Wir alle verarschen gerne Opfer im Internet.“