Internetplattform nethelp4u Endlich einmal angehört werden

Von Petra Mostbacher-Dix 

Die Internetplattform nethelp4u des Evangelischen Kirchenkreises in Stuttgart, an die sich Jugendliche in Krisen anonym wenden können und dann beraten werden, hat seinen zehnten Geburtstag gefeiert.

Matthias Rumm, Christoph Werkmann (beide Hauptamtliche bei nethelp4u) und Franziska Haas (Peerberaterin) bei der 10-Jahres-Feier der Internet-Peer-Beratung nethelp4u in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Matthias Rumm, Christoph Werkmann (beide Hauptamtliche bei nethelp4u) und Franziska Haas (Peerberaterin) bei der 10-Jahres-Feier der Internet-Peer-Beratung nethelp4u in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Zwei Stunden hat es gedauert, die erste E-Mail zu beantworten. „Heute undenkbar“, erinnerte sich Christoph Werkmann zur Geburtstagsfeier von nethelp4u im Haus der Evangelischen Jugend an die Anfänge der Internet-Peer-Beratung. Die ging am 12. April 2007 online – und in deren Leitungsteam sind Werkmann, Jugendbildungsreferent und Therapeut, sowie Jugendpfarrer Matthias Rumm. An die Internetplattform des Evangelischen Kirchenkreises Stuttgart können sich Jugendliche und junge Erwachsene per E-Mail wenden, wenn sie sich in einer Krise befinden, womöglich an Suizid denken. Das Besondere: Die Probleme und Anliegen landen in den heimischen virtuellen Postfächern von Peers, also Gleichaltrigen.

Beide Seiten bleiben anonym

Die 16- bis 25-Jährigen sind ehrenamtlich für die Hilfesuchenden da, bringen ihnen Verständnis entgegen, begleiten und beraten sie – an 24 Stunden und 365 Tage im Jahr. Dabei bleiben beide Seiten anonym, um alle zu schützen. „Vielen ist es erst einmal wichtig, endlich einmal alles sagen zu können und angehört zu werden, das Gefühl zu haben, dass jemand sie versteht“, so Franzi, die seit einem Jahr als Peer bei nethelp4u berät. Das Spektrum der Themen reiche von Liebeskummer, Alkohol- und Drogenkonsum über Gewalterfahrung bis hin zu sexuellem Missbrauch und Depressionen. „Der Druck in Sachen Leistung, Aussehen, Partnerschaft, et cetera, der heute auf Jugendlichen lastet ist enorm, auch durch die Bilder und Vorstellungen, die in den Medien, gerade auch in den sozialen, verbreitet werden“, so die 22-Jährige, die soziale Arbeit studiert.

Das bestätigte auch Marijke. Die 24-Jährige engagiert sich seit zwei Jahren als Peer. „Man wird teilweise mit heftigen Dingen konfrontiert“, so die Studentin der Betrieblichen Bildungsarbeit. Und bei manchem Fall denke man schon an Polizei, gerade wenn es um Missbrauch gehe. „Die beziehen wir aber nicht ein. Wir können aber Ratschläge geben, an wen sich die Betroffenen wenden sollen, etwa an den Schulsozialarbeiter oder andere Stellen.“ Das Schönste sei, wenn ihnen die Betroffenen dann rückmeldeten, dass sie ihm oder ihr „wahnsinnig geholfen hätten“. Sowohl Franzi als auch Marijke betonen, dass sie viel lernten als Berater. „Trotz aller virtueller, ständiger Erreichbarkeit, oder vielleicht gerade deshalb, scheint Vereinsamung zuzunehmen“, so Franzi. „Wichtig ist zu reden. Und weil es Themen gibt, die man in Phasen nicht mit den Eltern besprechen will oder kann – oder auch mit Freunden – sind wir da.“

Tabuthema Depression

Immer noch seien Suizid und Depression ein Tabuthema, betonte auch Peer Alina, die dazu ein Gedicht à la Poetry Slam vortrug. Je nach Statistik nehmen sich bundesweit derzeit 1.200 Menschen zwischen 12 und 25 Jahren das Leben. Auf diese Hintergründe und ihre Aufgabe werden die Peers, derzeit 30 Schüler, Auszubildende, Studierende aller Richtungen, von Hauptamtlichen in 50 Stunden geschult. Letztere unterstützen sie auch in schwierigen Fällen, einmal im Monat gibt es ein Treffen. Rund 240 junge Menschen schickten fast 3000 Mails pro Jahr an die Peers, so Jugendpfarrer Rumm. Über die Hälfte mit Suizidgedanken. Durchschnittlich dauert der Kontakt zwischen Hilfesuchenden und Beratern zwei bis drei Monate, manchmal auch ein Jahr.

Dafür dankte Stadtdekan Søren Schwesig den Peers. Er kenne diese Phasen, in denen die eigenen Kinder nicht ansprechbar seien. „Toll, dass es Sie gibt. Sie machen unsere Welt schöner und lebenswerter.“ So sah das auch Hans-Martin Ehmann, Vize des Lions Club Alte Weinsteige, der nethelp4u nun erstmals unterstützte, wie bereits die Lions vom Killesberg und aus dem Bottwartal: „Man kennt solche Probleme aus vielen Familien, solch ein Angebot ist daher ungemein wichtig.“ Und es soll ausgebaut werden. Jugendpfarrer Rumm kündigte ein neues Pilotprojekt an: „Ab heute gibt es die Homepage nethelp4boys, außerdem bauen wir unser Angebot für mobile Endgeräte aus, wir sind per App erreichbar.“

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